ursprünglich erschienen: 13.04.2016

Als Sozialunternehmen sind wir bei ROCK YOUR LIFE! hauptsächlich auf Spenden angewiesen. Da wir ein Social Franchise sind, tragen auch unsere fast 50 lokalen Vereine zur Finanzierung der ROCK YOUR LIFE! gGmbH bei, wodurch wir unter anderem die Qualität unserer Arbeit sicherstellen und vorantreiben. Um das auch zukünftig tun zu können und unsere Mentoring-Programme für Hauptschüler in ganz Deutschland und der Schweiz weiterhin wirkungsvoll umsetzen zu können, haben wir uns bereits 2014 Gedanken zu weiteren Finanzierungswegen gemacht. Dabei entstand die Idee ein Social Business zu starten, mit dem wir unsere gesammelte Erfahrung und unser Wissen auf den Unternehmenskontext übertragen. Soweit die Idee, doch wie funktioniert das? Hier eine Case Study.

Bedarfe und Probleme identifizieren

Zunächst gilt es herauszufinden, welche gesellschaftlichen Problemlagen bestehen und welche Anknüpfungspunkte es für die bestehende Initiative gibt. Das war in unserem Fall sehr schnell klar: In einer Reihe von Gesprächen mit Personalern und Geschäftsführern lernten wir, dass Herausforderungen wie geringe soziale und personale Kompetenzen oder wenig Wissen über die eigenen Stärken und Talente nicht nur bei Hauptschülern, sondern auch beim Einstieg in das Berufsleben bestehen. Zugleich liegt die Vertragslösungsquote von Ausbildungen in Deutschland seit 2011 bei fast 25 Prozent (vgl. Berufsbildungsbericht). Hinzu kommen Trends wie der demografische Wandel und der Fachkräftemangel. Unternehmen können Ausbildungsplätze oftmals nicht besetzen. Allerdings haben sich auch die Erwartungen junger Menschen an Unternehmen verändert, beispielsweise bezüglich der Themen Wertschätzung, Kreativität und Eigeninitiative oder Sicherheit (vgl. Shell Jugendstudie 2015)

Ein Blick in den Vorratsschrank

Der zweite Schritt lässt sich mit einem Blick in den Vorratsschrank vergleichen. Über welche Zutaten verfügen wir und wie können wir sie einsetzen? Es geht nicht darum, eine neue bahnbrechende Lösung für die zuvor identifizierten Probleme zu finden, sondern bestehende Ressourcen richtig und wirkungsvoll einzusetzen. Wir stiften seit über sechs Jahren Mentoring-Programme für Hauptschüler. Somit verfügen wir über viel Erfahrung und Wissen, wenn es darum geht Mentoring-Prozesse und Trainings aufzusetzen und durchzuführen. Diese Zutaten haben wir bis dato dafür verwendet, die Potentiale von Schülern zu entfalten und sie in Ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Der nächste logische Schritt war also die Ausweitung unserer Programme auf junge Mitarbeiter in Unternehmen. Die Auswahl dieser Zielgruppe rührte daher, dass es neben eine klaren Marktlücke, einen eindeutigen Bedarf gab und gibt: Junge Mitarbeiter werden häufig nicht individuell und bedarfsgerecht gefördert. Häufig fehlt es dazu an entsprechenden Strukturen.

Matching und los! 

Wie baut man aus den bestehenden Ressourcen nun ein marktreifes Produkt? Es gilt, die einzelnen Komponenten so zusammenzusetzen, dass sie eine logische Antwort auf die identifizierten Herausforderungen darstellen. Es findet also eine Matching statt. Dieser Prozess läuft übrigens ständig und führt dazu, dass man auch nach der Gründung Komponenten verändert oder neu zusammenstellt. Für unser Social Business haben wir die Inhalte unserer Qualifizierungsstruktur zunächst in Workshops auf den Unternehmenskontext und die Bedarfe junger Mitarbeiter angepasst. So entstand ein Produkt, welches aus mehreren Bausteinen besteht: Qualifizierung der Mentoren, Matching der Paare, Trainings für Mentees. In unserem Fall haben wir uns zunächst dafür entschieden, eine Unterteilung nach Zielgruppen vorzunehmen und das Produkt für Auszubildende, Duale Studenten sowie junge Führungskräfte anzubieten. Damit war der Grundstein für ROCK YOUR COMPANY! gelegt. Seit April 2015 können wir durch eine Förderung der aqtivator gGmbH Mentoring-Programme für junge Mitarbeiter in Unternehmen anbieten.

Halbzeit bei ROCK YOUR COMPANY! 

Das Produkt ist nie fertig und zu Beginn erst recht nicht marktreif. Nichts desto trotz war uns von Anfang an klar, dass wir so schnell wie möglich raus aus dem schönen Office auf der Praterinsel und rein in die Personalabteilungen von Unternehmen müssen. Dadurch konnten wir bereits im Sommer ein Pilotprojekt, mit einer großen Hotelkette in München starten. Parallel arbeiteten wir an Themen wie Wirkungslogik, Evaluationsstruktur und ganz klassischen Fragen wie Pricing und Vertriebsmodellen. Schon bei unserem zweiten Kunden merkten wir außerdem, dass es durchaus noch mehr Potential in unserem Vorratsschrank gibt und wir unser Angebot anpassen müssen. Unsere Trainings waren bis dahin Bestandteil des Mentoring-Angebots. Nun entwickeln wir mit Partnern auch, vom Mentoring losgelöste Trainingscurricula. In der Flüchtlingskrise war dann für uns klar, dass wir unsere Expertise auch dort zur Verfügung stellen wollen. Allerdings nicht, indem wir ein neues Produkt entwickeln, sondern indem wir – immer gemeinsam mit erfahrenen Partnern – unsere bestehenden Programme entsprechend anpassen und das Mentoring zum Berufseinstieg für Geflüchtete nutzen. Aktuell bieten wir also drei Modelle für Unternehmen an: Inhouse-Mentoring für Auszubildende und junge Mitarbeiter, Trainingscurricula für die selbe Zielgruppe sowie ein Mentoring-Programm für Geflüchteten zur Integration in den Arbeitsmarkt. 

Unser Fazit: 

Mittlerweile setzen wir gemeinsam mit fünf Partnern verschiedene Programme um und sind unserem Ziel, bereits im kommenden Jahr einen Anteil des Jahresbudgets von ROCK YOUR LIFE! zu tragen, einen großen Schritt näher gekommen sind. Unser Fokus liegt derzeit auf der Weiterentwicklung der Trainingsinhalte und Methoden sowie der Akquise weiterer Partner. Gleichzeitig arbeiten wir schon jetzt daran, Prozesse zu standardisieren. Eine starke Vision, die entsprechende Haltung und klar definierte Ziele helfen uns dabei. Zudem ist die Nähe zu ROCK YOUR LIFE! enorm wichtig für unseren Erfolg. Wir sitzen am selben Standort und sind als Programm ein fester Bestandteil der ROCK YOUR LIFE! gGmbH, wodurch wir beispielsweise auf viele Ressourcen im Team zurückgreifen können.

 

Worauf es ankommt:

  1. Klare Ziele setzen und verfolgen. Vor allem in einer so frühen Phase, in der es unglaublich viele Optionen gibt, ist eine klare Zielsetzung wichtig. Auch aufgrund der begrenzten Ressourcen und der Verantwortung, die wir tragen. Mit Klarheit ist allerdings auch gemeint, regelmäßig Zeit zum Reflektieren und Innehalten einzuplanen. 
  2. Raus auf die Straße! Die wenigsten Ideen reifen im stillen Kämmerchen. Persönliche Mentoren, Netzwerke und Förderprogramme, Wettbewerbe, Konkurrenten, potentielle Kunden, die Zielgruppe selbst, all das sind wertvolle Inputgeber. Netzwerken war und ist für uns ein essentieller Bestandteil unserer Arbeit. Dabei ist Geduld gefordert, da es häufig keinen direkten Return gibt. 
  3. Die Haltung entscheidet. Es hat uns viel gebracht, ständig neugierig zu sein und mit viel Leidenschaft zu arbeiten. Das macht uns authentisch und begeistert auch andere. Dabei ist die vollste Überzeugung von dem Produkt und dem Weg, für den man sich entschieden hat, essentiell. Denn der Aufbau eines Social Business ist mit so mancher Durststrecke verbunden, für die es viel Durchhaltevermögen braucht. 
  4. Testen, testen, testen. Der Ratschlag ist in aller Munde und hat sich auch für uns bewahrheitet: mit einem MVP so früh wie möglich auf den Markt gehen und die Resonanz testen. Dann heißt es lernen, anpassen und weiter testen. Dahinter steckt für uns auch, dass wir mit sehr schlanken Strukturen arbeiten: Unsere Trainer sind bereits seit vielen Jahren für ROCK YOUR LIFE! tätig und stehen uns als Freelancer zur Verfügung. 
  5. Ambivalenzen und Unklarheiten aushalten. Aufgrund der Tatsache, dass es zu Beginn vor allem Pilotprojekte gibt und viel getestet wird, gibt es keinen klaren Weg. Der Schritt aus dem zivilgesellschaftlichen in den kommerziellen Sektor ist nicht leicht und hat häufig mit Kompromissen zu tun. Für uns steht die Qualität der Programme im Fokus, was bei knappen Ressourcen dazu führt, dass beispielsweise weniger Zeit für Marketing und PR-Aktivitäten bleibt.

 

Über den Autor

Jan hat Politikwissenschaft und Geschichte in Trier und Erlangen studiert. Er baute den ROCK YOUR LIFE! Standort in Nürnberg mit auf und war dort während seines Master Studiums im Vorstand tätig. Während dem Studium hat Jan bereits mehrere Jahre Berufserfahrung in den Bereichen HR und CSR in einem großen Konzern gesammelt und dort auch seine Leidenschaft für das Thema Leadership entdeckt. Gemeinsam mit Lukas Hauser ist er seit April 2015 für den Aufbau von ROCK YOUR COMPANY! verantwortlich.