Header: Kumiko Shimizu via Unsplash

In den letzten Wochen, mit sinkenden Inzidenzwerten und einem diffusen Hoffnungsschimmer am Horizont, das wir die schlimmste Phase der Pandemie bald hinter uns haben werden, diskutieren wir miteinander immer wieder, was uns jetzt erwartet. Wird alles wieder so sein wie zuvor, bevor die Pandemie unser Leben auf den Kopf gestellt hat? Oder haben sich bestimmte Aspekte des Lebens grundlegend verändert und werden uns auch nach COVID prägen? 

Wir glauben, dass es noch einige Monaten, wenn nicht Jahre brauchen wird, bis wir wirklich ermessen können, wie wir uns selbst gerade verändern und welche neuen Weichen in der Gesellschaft gelegt werden. Momentan stochern wir alle noch im Nebel. Was, jetzt ist es schon Mitte Mai - Wo sind die letzten Monate geblieben? Einerseits scheint alles still zu stehen, andererseits haben wir schon eine ganze Menge Neues gelernt.

Was genau haben wir in den letzten 18 Monaten gelernt?

1. Neue Prioritäten

Wir haben viel darüber gelernt, was uns wichtig ist und worauf wir auch ganz gut verzichten können. Erstaunlich, wie wenig wir den ganz normalen Konsum vermisst haben, neue Kleider kaufen oder elektronische Gadgets. Ebenso gut können wir auf lange Pendelfahrten ins Büro und den frühen Flug nach Stuttgart verzichten.

Andererseits sehnen wir uns nach menschlichen Kontakten, Berührung und Inspiration. Sowohl in Form des Grundrauschens im Cafe oder Restaurant, auf Veranstaltungen und der Straße, als auch in Form des engen Austauschs in der Familie, Freundesgruppe oder mit Kollegen. Wir haben gemerkt, wie wichtig es sich, uns zu umarmen, zu berühren, nahe zu kommen. Wie sehr uns jetzt nach neuen Ideen dürstet, nach unvorhersehbaren Begegnungen, kreuzweisen Befruchtungen unserer Gedanken, neuen Bildern und Tönen. Und zwar nicht im Stream oder der Zoom-Kachel, sondern als sinnliche Ganzkörpererfahrungen. 

Nach dem Erfolg des Buches "New Work needs Inner Work" bescheibt Joana Breidenbach in "Innenansicht" ihre persönliche Forschungsreise der letzten Dekade und wie ein innerer Transformationsprozess auch professionell in einem Unternehmen durchgeführt werden kann. Hier kannst du das Buchprojekt unterstützen und ein Exemplar (oder sogar ein Dinner mit Joana) ergattern.

2.  Digital geht ganz viel

So sehr wir uns nach 3D, Haptik und Kontakt sehnen, so haben doch sehr viele Menschen positive Erfahrungen mit digitalen Technologien gemacht. Deutschland hat einen enormen Digitalisierungsschub erfahren und das ist positiv. Wir erlebten, dass vieles viel besser remote funktionierte, als gedacht. Auch viele alltägliche Notwendigkeiten und Zerstreuungen konnten online befriedigt werden, durch Lieferdienste und digitale Ausstellungen, Parties auf Gather.town und Discord. Wir lernten, dass es möglich ist miteinander digital zu kollaborieren, asynchron und über große Distanzen hinweg. 

3. Radikale Politik ist möglich

Eines der einschneidendsten Erfahrungen der letzten Monate war, wie schnell und wirksam politische Maßnahmen unser gesamtes Leben und Wirtschaften verändern können. Auch wenn die Maßnahmen der Politik teilweise schlecht koordiniert und widersprüchlich waren, so stimmen uns die Erfahrungen dennoch leise hoffnungsvoll, denn politische Impulse und Rahmensetzungen werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten angesichts der Klimakrise eine viel größere Rolle spielen müssen. Wenn sie muss, dann kann Politik offenbar viel bewirken und auch der Wirtschaft Schranken weisen.

4. Mentale Gesundheit und Wellbeing sind DIE Themen des 21. Jahrhunderts

Die letzten Monate haben uns noch etwas gezeigt: Die wichtigsten Fragen des 21. Jahrhunderts kreisen nicht mehr um materiellen Wohlstand, sondern um Gesundheit. Gesundheit des Planeten, aber auch der Gesellschaft und des Individuums. 

Die Pandemie hat uns die Brüchigkeit unseres auf finanzielle Profitabilität getrimmten Gesundheitssystems vorgeführt. Auf der individuellen Ebene wurde durch den Wegfall von Routinen und Ablenkungen deutlich, wie vereinzelt und einsam viele Menschen sind und wie dünn die Schicht in uns ist, die uns vom seelischen Abgrund, großen Ängsten und Leid trennt. 

Und so ist es nicht verwunderlich, wenn in jedem Trendbericht, den wir in den letzten Wochen gelesen haben, Resilienz, mentale Gesundheit und Wellbeing ganz oben auf der Liste stehen. Bedroht von einem kleinen Virus, erleben wir, wie fragil Leben ist. 

Viel mehr Menschen in unserer Umgebung sprechen heute offen über ihre psychologischen Nöte, ihre Verletzlichkeit und ihre menschlichen Bedürfnisse. Plötzlich benennen wir etwas, das zuvor ebenso vorhanden, aber nie explizit war.

5. Sensemaking braucht Zeit

Wir haben noch nicht verstanden, was wir gerade erleben. Auch wenn Lockerungen anstehen und wir uns innerlich auf eine neue Phase des Corozäns vorbereiten, wissen wir weder, wie wir uns in den letzten Monate verändert haben, noch wie eine Post-COVID Welt aussehen wird. Werden wir zurück ins Büro gehen? Werden wir wieder in den frühen Flieger nach München steigen? Fürs Wochenende ins Airbnb nach Venedig fliegen? Wird der Digitalisierungsschub anhalten? Wird das Cafe an der Straßenecke wieder aufmachen? Werden Pflegekräfte künftig besser bezahlt werden? Werden wir uns weniger mit Konsum zerstreuen, sondern mehr aufeinander beziehen?

Mitten drin in einem Veränderungsschub fühlt sich alles unsicher und diffus an. In vielen von uns hat sich eine enorme Spannung aufgebaut - in Familien mit schulpflichtigen Kindern und bei alleinerziehenden Müttern und arbeitslosen Singles sowieso. Aber auch bei uns weniger herausgeforderten, haben sich jede Menge Gefühle aufgestaut, die wir nicht auf die gewohnte Weise kanalisieren und entladen konnten. Jetzt tragen wir Angst, Trauer oder Wut mit uns wie in einem Dampfdruckkochtopf. Werden diese ganzen Spannungen jetzt massiv entweichen? In Form von Massenparties, Unternehmenskonflikten oder gar Strassengewalt?

Fazit: 

Auch wenn die entscheidenden Learnings erst nach und nach eintreten werden, so ist eines jetzt schon klar: Wir alle werden lernen müssen, besser mit inneren Spannungen umzugehen. Sie nicht impulsiv reaktiv abzublocken, sondern sie in uns halten, bewusst verarbeiten und konstruktiv einsetzen. 

Wie wir in New Work needs Inner Work immer wieder beschrieben haben: Je unsicherer unsere äußere Welt ist, desto mehr müssen wir Stabilität und Orientierung in unserem Inneren finden. Dies trifft potenziert auf die Stapelkrise zu, in der wir uns mitten drin befinden. Denn nach Corona erwarten uns ja die Themen, die wir in den letzten Dekaden mehr oder weniger ignoriert oder akzeptiert haben: Klimakrise, gesellschaftliche Fragmentierung, Einsamkeitspandemie. Unsicherheit wird in den nächsten Dekaden die eine große Konstante bleiben. Deshalb müssen wir uns neu orientieren und 

  • unseren Kontakt zu uns selbst verbessern
  • mit mehr inneren Spannungen umzugehen lernen
  • vertrauensvolle Räume und authentische Beziehungen aufzubauen
  • in Komplexität zu navigieren und entscheidungsfähig zu sein

Es führt kein Weg vorbei an Inner Work!

Wenn ihr eine tiefere Einsicht in Inner Work gewinnen wollt, dann unterstützt jetzt das neue Buch von Joana: Innenansicht. Eine Dekade Inner Work und New Work auf Startnext.

About

Joana: Sozialunternehmerin und Autorin  https://www.joanabreidenbach.de/

Bettina: Organisationsentwicklerin und Autorin https://www.bettina-rollow.eu/ (die Seite wird gerade überarbeitet)

Rivka: Somatic Coach in Berlin https://rivka.co/

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