ursprünglich erschienen: 21.11.2015

Prolog: Umsonst arbeiten!?

2010 besuchte ich regelmäßig das neue Europäische Institut für Angewandten Buddhismus (EIAB) in Waldbröl. Während ich auf ihrer Webseite nach neuen Veranstaltungen und Seminaren suchte - bemerkte ich den Aufruf der EIAB nach Hilfe für die Überarbeitung des Internetportals.

Da ich mich nicht nur für fernöstliche Philosophie interessiere, sondern in der Profession des UX-Designers und Kommunikationsberaters auch für alle Facetten der Online-Welt und ich obendrein die Arbeit des EIAB sehr wichtig finde, bot ich dem Kloster meine Hilfe an.

In den darauffolgenden Monaten arbeitete ich regelmäßig mit zwei Mönchen an der Neukonzeptionierung der Website samt Informationsarchitektur, ich entwickelte eine gangbare Strategie für das Online-Buchungssystem und evaluierte auch noch das bestmögliche Server-Hosting für ihren Bedarf. Für meine Leistungen, die sich locker auf über hundert Stunden summierten, nahm ich kein Honorar. Was ich für das EIAB tat, das tat ich in einer Weise, die man gemeinhin »für umsonst« nennt. Doch es war natürlich alles andere als »umsonst«. Dazu später mehr.

Neuland in Deutschland

Zunächst eine Begriffsklärung. Für die Art meines oben geschilderten ehrenamtlichen Engagements gibt es einen tollen Fachausdruck: »pro bono«. Er kommt aus dem Lateinischen, lautet voll ausgeschrieben »pro bono publico« und bedeutet übersetzt in verständliches Deutsch: »Zum Wohle der Allgemeinheit«. Was es vom klassischen Ehrenamt abgrenzt, ist die Tatsache, dass hierbei auf spezifische Fähigkeiten von Fachkräften zurück gegriffen wird. Wenn ein IT-Profi im Kindergarten bei der Errichtung eines Baumhauses hilft, ist das natürlich löblich, aber eben keine Pro-Bono-Tätigkeit – der Kern von »pro bono« besteht darin, eine berufliche Expertise auch denen zur Verfügung zu stellen, die sich diese sonst nicht leisten könnten.

In Deutschland ist hauptsächlich die Pro-Bono-Rechtsberatung bekannt – es gehört zum guten Ton einer engagierten Anwaltskanzlei, regelmäßig kostenfreie Rechtsberatungen für gemeinnützige Organisationen anzubieten.

Ansonsten ist das Konzept »pro bono« hierzulande ein weithin unbekanntes Wesen. Das ist schade, denn Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen Pro-Bono-Tätigkeit bereits bzw. besser etabliert sind (vor allem in den Vereinigten Staaten), belegen, dass die Wirkung sehr groß und stets dreifach ist.

Wer gewinnt?

Alle! Aus Sicht eines Pro-Bono-Gebers – und das kann ich aus wiederholter Erfahrung bestätigen – besteht der »ROI« (also ökonomisch gesprochen: mein »Return Of Investment« – das, was für mich persönlich dabei heraus springt) auf mehreren Ebenen1:

  • ich kann Initiativen, deren Anliegen ich teile, aktiv unterstützen
  • ich kann mein Fachwissen für mich persönlich sinnstiftend einbringen und idealerweise auch an die Nehmer weitergeben
  • ich erfahre zumeist eine direkte Wertschätzung für meine geleistete Arbeit
  • ich erhalte eine schnelle Rückmeldung zur Wirksamkeit meines Engagements
  • ich bekomme interessante Einblicke in den dritten Sektor und kann diese ggf. in mein eigenes berufliches Umfeld transferieren

Für die gemeinnützigen bzw. Non-Profit-Organisationen ist es ähnlich gelagert, auch sie profitieren mehrfach:

  • sie haben Zugang zu Dienstleistungen, die sie sich sonst finanziell nicht leisten könnten
  • sie erhalten fachliches Empowerment und somit mittelfristig Hilfe zur Selbsthilfe
  • durch Vernetzung mit den Pro-Bono-Gebern wird ihr soziales Anliegen weiter getragen
  • die Wirksamkeit ihres Anliegens wird aufgrund des professionellen Supports gesteigert

Unternehmen, die im Rahmen ihrer »Corporate Social Responsibilty« (CSR) Voluntarismus und Pro-Bono-Aktivitäten unterstützen, bekommen ebenfalls viel zurück2:

  • ihr gesellschaftliches Engagement sorgt für zufriedenere und motiviertere Mitarbeiter*innen und kann ein weiteres, wichtiges Instrument der Personal- und Unternehmensentwicklung werden
  • ihre Unternehmens-Marke wird gestärkt und auch das Image als gesellschaftlich engagierter Arbeitergeber attraktiver – Stichwort: Anforderungen der »Generation Y«
  • ihr Unternehmen erhält durch den Input aus dem dritten Sektor Impulse, die für die eigene Konzern-Entwicklung wertvoll und bereichernd sein können

Zusammengefasst lässt sich zweifellos feststellen, dass alle Beteiligten enorm von Pro-Bono-Aktivitäten profitieren – beziehungsweise würden, wenn sie es denn nutzten. Was hält sie also davon ab?

Das Problem: Sichtbar unsichtbar

Ich greife erneut auf persönliche Erfahrungen zurück, um die Hindernisse bei Pro-Bono-Aktivitäten zu verdeutlichen: Im September 2014 nahm ich an der degrowth-Konferenz ist Leipzig teil. Zahlreiche Ideen der Initiativen begeisterten mich. Allerdings erkannte ich schnell, dass viele dieser Projekte nicht richtig auf die Straße kommen würden, da es ihnen an kommunikativer Schlagkraft/Expertise mangelte.
Diesem Missstand mit meinem Fachwissen zur Hilfe zu schreiten stand also nichts mehr im Weg - dachte ich!

Weder über persönliche Kontaktaufnahme direkt vor Ort, noch durch ausgiebige Internetrecherchen auf den Organisations-Websites oder großer NPO-Portale konnte ich erfahren, welche Initiative ich mit meinen Fachkenntnissen wann, wo und womit genau unterstützen könnte. Mein Wunsch zu helfen versandte im Nichts. Es war frustrierend.

Und dies war bzw. ist es nicht nur allein für mich: Laut Claudia Leißner von proboneo (ein Intermediär für Pro-Bono-Tätigkeit in Berlin) gibt es in Deutschland 5 Millionen Fach- und Führungkräfte, die sich gerne ehrenamtlich und mit ihren spezifischen Fähigkeiten für eine gemeinnützige Aufgabe einbringen würden – aktuell sind es allerdings nur etwa 100.000, die es auch wirklich tun. Ein Faktor 50 zwischen Wunsch und Wirklichkeit, das ist kein Pappenstiel.

Um dieser Diskrepanz auf die Spur zu kommen führte proboneo eine wissenschaftliche Studie durch (»Pro Bono in Deutschland 2013«). Diese untersucht die Ursachen im Detail, die Essenz der Ergebnisse lesen sich für mich sich wie folgt:

  • 81% auf Seiten der Organisationen und sogar 91% auf Seiten der Fachkräfte wünschen sich einen Ansprechpartner bzw. eine Anlaufstelle für die Auswahl und Durchführung von Pro-Bono-Projekten3
  • 55% der befragten Fachkräfte finden keinen geeigneten »Match« – also Projekte, die zu ihren Fähigkeiten und Interessen passen
  • 43% der befragten Non-Profit-Organisationen wissen nichts von der Ressource »pro bono«

Die zwei Haupthindernisse sind somit leicht zu identifizieren – es ist zum einem der unzureichende Bekanntheitsgrad, zum anderen mangelnde Vermittlungsstellen.

Was wird getan: Offenen Armen helfende Hände vermitteln

In Deutschland engagieren sich zahlreiche Akteure für das Thema »pro bono«: proboneo, youvo, PHINEO, mitMission, chariteam und ProjectTogether sind einige der bekanntesten, die Fachkräfte mit passenden Organisationen zusammen bringen möchten. Die BMW Stiftung Herbert Quandt ist natürlich auch zu nennen – einer ihrer Schwerpunkte ist die Pro-Bono-Förderung.

Obwohl sie dabei vielleicht unterschiedliche Ansätze verfolgen, sind sich alle Player der speziellen Rahmenbedingungen ihrer Aufgabe bewusst:

»pro bono« ist leider noch mit diffusen Unsicherheiten, konkreten Fragen und latenten Berührungsängsten behaftet. So gibt es, zum Beispiel, Unklarheit bzgl. Definition und Abgrenzung, es lauern Hindernisse bei der Projektanbahnung und -durchführung. Es ist also weiterhin ein großer Beratungsbedarf vorhanden.

Die Heransgehensweisen, um diese Hindernisse zu beseitigen, sind unterschiedlich:
proboneo koordiniert und dokumentiert bei einer Projektdurchführung hilfreich alle Schritte, damit der beiderseitige Anspruch und die Ergebnisse bestmöglich erfüllt werden können – eine wertvolle Hilfe gerade bei Aktivitäten, bei denen bereits im Vorfeld Beratungsbedarf besteht. chariteam ist die umfangsreichste Datenbank gemeinnütziger Initiativen in Deutschland und bietet interessierten Fachkräften wertvolle Informationen und direkte Kontaktmöglichkeiten an.

Diese zwei Beispiele sollen verdeutlichen, dass die Haupt-Zielgruppen (NPOs, Fachkräfte, Unternehmen) mit ihren jeweils speziell geprägten Bedürfnissen bereits in großer Variationsbreite angesprochen und idealerweise auch abgeholt werden sollen.

Pro-Bono Parameter

Die wichtigsten Parameter für eine erfolgreiche Pro-Bono-Aktivität sind:

  • Definition von konkreten Vorbedingungen, Umfängen, Schritten und Arbeitsergebnissen des Projekts
  • Festlegung von Ansprechpartnern
  • Abschließende Evaluation der Projektdurchführung
  • gegenseitige Wertschätzung

Hinzu kommt – und da spreche ich wieder aus eigener Erfahrung – die Möglichkeit einer schnellen und unkomplizierten Projektanbahnung. Oftmals ist es ja so, dass ich für mich als (freie) Fachkraft einen gewissen Zeit-Slot für Pro-Bono-Tätigkeiten erkenne – und dies spontan nutzen möchte. Ideal wäre es (und dies sicher für viele andere), eine Anlaufstelle zu haben, die mir auf einfache Weise passende Projekte vorschlägt – wenn ich also wüsste, ich habe Ende des Monats drei Tage zeigt und mir ein Angebot zugespielt würde, das genau diesen Rahmenbedingungen (Zeitraum, Art der Hilfe, Umfang der Hilfe etc.) entspricht. Auch das Projekt »begood-beta.de« möchte diese Lücke nun schließen.

Was bleibt zu tun: Holt die Stars aus ihrer Nische!

Was jedoch weiterhin als Herausforderung bestehen bleibt, ist die Tatsache der mangelnden »Awareness« (wie wir in Fachkreisen neudeutsch sagen): Die Sichtbarkeit und Bedeutung von »pro bono« muss breiter in die Öffentlichkeit getragen werden. Dies könnte durch gezielte Marketingaktionen erfolgen, durch verstärkte Vernetzung aller bereits tätigen Akteure. Oder aber auch, indem es gelingt, das Thema auf die politische Agenda zu bringen.

Denn eins ist gewiss: Sie ist ein Star, ein schlummernder zwar, der geweckt werden will und muss, damit die vielfältigen gesellschaftlichen Probleme, denen wir heute (und auch zukünftig) gegenüber stehen, innovativ gelöst werden können: die Pro-Bono-Tätigkeit.

Epilog: Nichts ist umsonst!

Der Impact meiner Pro-Bono-Tätigkeit bei der Überarbeitung der EIAB-Website damals war groß: Die Nutzer finden gesuchte Informationen nun immens schneller, können das Angebot auf dem Handy nutzen und Online-Anmeldungen laufen ohne Probleme. Das Wissen, dass ich den beiden Mönchen vermittelt habe, können sie nun selbst anwenden.

In jener Zeit regenerierte ich von einem Burn-Out. Die Jahre, die ich in Werbeagenturen – in einem Umfeld brutaler Effizienz, morbiden Zeitdrucks und fehlender Wertschätzung und Resonanz verbrachte – hatten ihren Preis. Bei meiner Arbeit mit den Mönchen im Kloster passierte es nicht selten, dass mich einer von ihnen, Phap Tu, lächelnd zur Seite nahm, wenn meine alten Muster »Tempo und Perfektionismus« ungesund anzogen.

»To work is one thing, Michael«, sagte er dann – und im Anschluss: »but never forget to breath and smile!«. Ich habe eine Menge gelernt in diesen vielleicht hundert Stunden in Waldbröl. Es war alles andere als »umsonst«. Dies lässt sich jedoch nicht in monetären Begriffen erfassen.
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1 Vgl. Lang, Reinhard; Sturm, Ellen: Neue Verbindungen schaffen - Unternehmenskooperationen für gemeinnützige Organisationen. UPJ e.V. Berlin 2015: 19-21.

(http://www.upj.de/Leitfaden-Neue-Verbindungen-schaffen-Unternehmenskooperationen-f.297.0.html)

2 Vgl. Lang; Sturm (2015: 21-24).

3 In einer aktuellen Umfrage für unser Projekt wird nach Akquistionsquellen für Pro-Bono-Tätigkeiten gefragt: Nahezu alle Vermittlungen kamen durch persönliche Ansprache bzw. Freunde und Bekannte zustande

 

Über den Autor

Michael Fürch (46) ist freiberuflich als Textarbeiter und UX/Kommunikations-Berater in Leipzig tätig (hoppengarten•com) und Mitgründer der Online-Plattform »begood-beta.de«. Das Social Startup hat sich u.a. zum Ziel gesetzt, den Vermittlungsprozess von Pro-Bono-Tätigkeiten zu vereinfachen. Seit Oktober 2015 wird »begood-beta.de« durch das Social Impact Lab Leipzig gefördert und es ist geplant, 2016 mit einer Beta-Version online zu gehen.

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