Statt (m/w) siehst du in unseren Jobanzeigen ein Sternchen, zum Beispiel nicht Projektmanager (m/w), sondern Projektmanager*in. Hast du dich schon mal gefragt, warum? Nein, es ist nicht nur eine Sache des Brandings. Es gibt viele gute Gründe, um durchdacht zu gendern und wir erzählen dir, welche.

„Ein perfektes Beispiel für ein Dichotom ist das Geschlecht.“, so mein Statistik-Dozent. Nach dieser Aussage, begleitet von regelmäßigen, beiläufig fallenden, sexistischen Kommentaren in den Vorlesungen machten sich zwei meiner Kommilitoninnen auf den Weg zur Frauenbeauftragten. Solche Ansichten und Aussagen sind leider noch sehr präsent in unserer Gesellschaft. Abgesehen von Sexismus, sind viele Menschen einfach noch nicht bereit einzusehen, dass es mehr Geschlechter gibt als Mann und Frau. Neben biologischen Unterschieden und „nicht eindeutig binären Geschlechtermerkmalen“ haben Menschen ein ganz unterschiedliches Selbstverständnis und verfügen über verschiedene Geschlechtsidentitäten.

Geschlechtsidentität
tief empfundenes inneres und persönliches Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht (gender), das mit dem Geschlecht (sex), das der betroffene Mensch bei seiner Geburt innehatte, übereinstimmt oder nicht übereinstimmt; dies schließt die Wahrnehmung des eigenen Körpers (darunter auch die freiwillige Veränderung des äußeren körperlichen Erscheinungsbildes oder der Funktionen des Körpers durch medizinische, chirurgische oder andere Eingriffe) sowie andere Ausdrucksformen des Geschlechts (gender), z. B. durch Kleidung, Sprache und Verhaltensweisen, ein

Quelle: European Institute for Gender Equality

Drittes Geschlecht

Sogar das Bundesverfassungsgericht erkennt seit Herbst 2017 an, dass die Welt nicht binär, sondern divers ist. Aus diesem Grund will die Bundesregierung das Personenstandsgesetz verabschieden, welches das „dritte Geschlecht“ ermöglichen soll. Nice try. Gut gemeint, aber an der Umsetzung hapert es doch gewaltig. Die Aufschreie gegen den Gesetzentwurf des Innenministeriums aus den trans*- und inter*-Communities sind laut.

Kritisiert wird die Formulierung der dritten Option. Der Entwurf wurde mittlerweile von "weiteres" zu „divers“ geändert. Außerdem ist es auch sehr problematisch, dass ein medizinisches Gutachten notwendig sein soll, um den Geburtseintrag zu verändern, d.h. Gene und Genetalien bestimmen, wer die Option nutzen kann und wer nicht. Hier und hier findest du mehr Kritik zu dem Gesetzesentwurf auf der Seite der TAZ.

Ein Gedankenexperiment

Du findest den Versuch geschlechtersensible Sprache zu verwenden immer noch übertrieben? Ich habe schon so oft diese Aussage gehört:

„Aaach, das ist doch alles übertrieben. Ich fühle mich auch als Frau angesprochen!“

Tatsächlich war ich selbst einmal dieser Ansicht, bevor ich mich mit der Thematik auseinander gesetzt habe. Für alle Zweifler*innen habe ich hier ein kleines Gedankenexperiment und ich sage dir, es lohnt sich wirklich, dass du dich darauf einlässt und es ausprobierst.

Das Gedankenexperiment: der Unfall

Ein Vater fährt mit seiner Tochter im neuen Sportwagen zu einem Fußballspiel. Voller Freude über das neue Auto fährt der Vater zu schnell um eine Kurve und verliert die Kontrolle über das Auto. Die beiden verunglücken. Der Vater stirbt noch an der Unfallstelle, die Tochter wird schwerverletzt ins nächste Krankenhaus gebracht. Nur eine Notoperation kann sie retten. Der diensthabende Notarzt eilt zur Tragbahre, auf der das Mädchen liegt, und ruft erschrocken aus: „Ich kann nicht operieren, das ist meine Tochter!“

Wie ist das möglich?

Gender: ein Gedankenexperiment

Bist du wirklich frei von Vorurteilen?

Auflösung: Der diensthabende Notarzt ist die Mutter.

Diese und mehr solcher Übungen findest du hier.

Aber ich meine doch alle

Zurück zu unseren Stellenanzeigen. Laut AGG darf niemand auf Grund des Geschlechts diskriminiert werden. Diesem Gesetzt verdanken wir auch diese veraltete (m/w) Bezeichnung. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass sich durch Stellenausschreibungen oder Zeitungsartikel mit dem generischen Maskulinum auch alle aktiv angesprochen fühlen:

  1. Mann oder Frau schließt längst nicht alle Geschlechtsidentitäten ein
  2. Auch Frauen fühlen sich bei der männlichen Form, also dem generischen Maskulinum weniger angesprochen

Gut gemeint, aber wenn sich nicht alle angesprochen fühlen, ändert auch die Aussage „Ich meine doch alle“ nichts an dieser Tatsache. Falls du zufällig Personaler*in bist, schau doch mal hier:

Überzeugt?

Die Vorstellungen und Stereotype in unserem Kopf verschwinden nicht über Nacht. Es ist ein Prozess, der nicht immer leicht ist. Bei mir persönlich hat es Jahre gedauert, aber mittlerweile fällt es mir richtig leicht. Es muss ja nicht immer gleich ein wissenschaftliches Seminar sein. Lies den Wikipedia-Artikel zu geschlechtergerechter Sprache oder googel ein paar Gender-Begriffe. Schon solche Kleinigkeiten werden dir helfen deinen Kopf von einigen stereotypischen Ketten zu befreien. Trau dich!

Also, was soll das Gender-Sternchen?

Wie du siehst, sind wir Menschen alle divers, auch auf das Geschlecht bezogen. Egal, ob sich die Gesetzeslage ändert oder nicht, wir bei tbd* wollen gerne alle Menschen ansprechen, unabhängig ihres Geschlechts, ethnischer Herkunft, Religion und Weltanschauung, Behinderung, Alters oder sexueller Identität. Aus diesem Grund haben wir vor einem Jahr (m/w) von unserer Jobbörse verbannt und arbeiten daran, unsere Webseite möglichst geschlechtersensibel zu gestalten.

Dabei freuen wir uns auch über Kritik und weitere Vorschläge, um diesem Ziel noch näher zu kommen.

Wir bei tbd* wollen alle ansprechen, und nicht nur Frauen und Männer

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