ursprünglich erschienen: 28.09.2016

Neu tut gut. Seit Januar betreut Arzu zusammen mit Hilal eine Gruppe von sieben geflüchteten Afghanen, die im Flüchtlingsheim in Bad Homburg untergekommen sind. tbd* begleitet die Gruppe während sechs Monaten und berichtet über ihre Erlebnisse. Im ersten Artikel haben wir Dir die Gruppe vorgestellt. Jetzt liegt es an Arzu und Hilal zu sprechen. Sie erzählen von ihren Erfahrungen als Mentorinnen, ihren High- und Lowlights und warum sie sich entschieden haben, am Patenschaftsprogramm des DRK teilzunehmen.

Lächelnd sitzt sie auf der anderen Seite der Kamera, gemütlich auf einem Sofa im Flüchtlingsheim. Von Nervosität ist keine Spur, gelassen hält Arzu ihr Handy in der Hand und ist über Facetime mit mir verbunden. Sie ist gespannt auf die Fragen, die ich ihr entgegen schleudere und so löchere ich sie für gut eine Stunde mit Fragen über ihre Aufgabe als Mentorin für das Deutsche Rote Kreuz. Was sie dabei macht und wie sie sich dabei fühlt. Die 27-Jährige antwortet mir ehrlich und ausführlich auf jede Frage. Was dabei herauskommt, ist ein wunderschönes und ehrliches Bild über das, was Mentoring ausmacht.

Die Truppe die Arzu mit ihrer Freundin Hilal betreut, besteht aus sieben jungen Männern im Alter zwischen 17 und 26 Jahren. Zwei sind Übersetzer, Siyar und Reza, die beiden sprechen Englisch und Afghanisch und sind die Player der Truppe, Mahboob ist der Ruhige und immer Fröhliche, Ibrahim, der Schönling, Taghi, der Draufgänger aber doch Fürsorgliche, Fardin, die Sportskanone und Israr, der Lustige, auch wenn man nicht immer alles versteht.

Arzu (rechts) mit ihrer Co-Mentorin Hilal

Die Geschichte begann im Dezember 2015 als Hilal, die gleichzeitig auch die Deutschlehrerin der Sieben ist, Arzu einlud mit der Gruppe in der Moschee zu frühstücken. Die Entscheidung fiel der jungen Frau sehr einfach, da sie sich schon immer für die Flüchtlingsproblematik interessierte, aber neben ihrer Arbeit bei Vodafone keine Zeit dafür gefunden hatte. Generell hatte sie bis dahin nichts mit dem  Ehrenamt zu tun. Sie war nervös in eine bestehende Gruppe zu kommen und nicht genau zu wissen, was sie erwarten würde. Doch die Sieben nahmen sie herzlich auf, unterhielten sich sofort mit ihr und waren sehr offen. Und so bekam Arzu die Gelegenheit das Flüchtlingsheim zu besuchen und festzustellen, dass der Aufenthaltsraum für die rund 200 Flüchtlinge aus Bad Homburg mehr als nur kahl aussah. Das packte sie direkt an und beschloß, einen Spendenaufruf für Klamotten und Möbel zu starten. Mit diesen ersten Schritten wurde Arzu immer mehr und mehr in die Gruppe integriert.

Die Neun verbrachten die letzten sechs Monate miteinander und hatten ihre Ups und Downs. Als absolutes Highlight nennt Arzu den ersten winterlichen Ausflug auf den Feldberg; sie gingen Schlitten fahren. Einige der Jungs hatten noch nie Schnee gesehen und „sind total abgegangen“, das sei eine wundervolle Erfahrung gewesen.

Allerdings gab es auch das ein oder andere Down, vor allem wegen Missverständnissen und Kulturunterschieden. Auch wenn Arzu türkischer Abstammung ist, sind die Kulturen halt doch nicht so ähnlich, wie sie sich das gedacht hatte. In solchen Momenten sei es schwierig gewesen, die Gruppe zusammenzuhalten.

In solchen Momenten hätte sie das Ganze auch am liebsten hingeschmissen. Einmal, erzählt sie, sei einer der Truppe aus der Whatsapp Gruppe ausgetreten, ohne etwas zu sagen. Was en ziemliches Chaos auslöste, da niemand wirklich wusste, was los war und alle sich sorgent.  Erst über Umwege erfuhren sie, dass die Ursache ein belangloser Streit über einen Stuhl zwischen Zweien aus der Gruppe war. In solchen Momenten sei sie schon ziemlich fassungslos gewesen, „dieses Problem hätte man soooo einfach aus der Welt schaffen können, hätten sie nur drüber geredet!“ Auf die Frage, ob sie das Mentoring an manchen Tagen bereue, war die Antwort aber ganz klar: "nein, nie!"

Auch wenn es nicht immer einfach ist, tut es den beiden gut zu wissen, dass das Deutsche Rote Kreuz stets erreichbar ist und sie unterstützt.  So gibt es einmal im Monat ein Patentreffen zum gegenseitigen Austausch, wo man Tipps erhält. Es gibt Seminarmöglichkeiten und man bekommt ein Budget, mit dem man die verschiedenen Aktivitäten zahlen kann, damit man nichts aus der eigenen Tasche ziehen muss. Bezahlt wird man als Pate nicht. „Das stört mich aber auch nicht, es macht mir sehr viel Spaß, sozial engagiert zu sein. Die Dankbarkeit der Jungs ist genug. Und wenn sie dann auch noch in Deutschland bleiben können und später vielleicht einmal eine Familie gründen, kann ich sagen, dass wir doch ein Stück dazu beigetragen haben.“

Auch wenn Arzu von ihrem Engagement sehr überzeugt ist, hat ihr Umfeld ganz anders darauf reagiert. Viele waren sehr skeptisch. Mit trauriger Miene erzählt sie uns, dass ihr Bruder es wahrscheinlich bis heute nicht akzeptiert. Sehr viele hätten aber auch geholfen und generell veränderte sich die Meinung vieler, sobald sie die sieben Afghanen kennenlernten. Auch Hilal schliesst sich dem an: "Freunde fragen mich teilweise, ob ich nicht schon genug getan habe. Solche Sachen nerven mich dann und ich mache zu. Ich habe keine Lust mehr, mich vor anderen rechtfertigen zu müssen."

Aber nicht nur ihr Umfeld hat sich verändert, Arzu selbst ist auch nicht mehr der gleiche Mensch, wie noch vor einem halben Jahr. Sie ist viel geduldiger geworden. Sie weiß jetzt, wie schwierig es ist, in einem Land zu leben, ohne die Sprache zu sprechen. Sie weiß, wie wichtig die Hilfe von anderen Menschen ist und dass man lernen muss Kompromisse zu suchen, um die positive Atmosphäre in der Gruppe in Betrieb zu halten. Als ich Hilal die Frage stelle, ob sich ihre Perspektive auf Flüchtlinge verändert hat, erzählt sie mir, dass sich eher ihre Perspektive auf die deutsche Bevölkerung geändert hat. „Wir kämpfen immer wieder gegen die Vorurteile anderer Leute, vor allem weil wir zwei Frauen mit sieben Männern sind. Da wird man schon mal als Naivchen, Gutmensch oder aber auch Domina bezeichnet. Das Krasseste war wohl, als wir mit [den Jungs] auf dem Faschingsumzug waren. Da liefen uns konstant sieben Polizisten hinterher. Man lernt schon sehr viel über die deutsche Gesellschaft.“

Und trotz des Aufwands von sechs bis acht Stunden pro Woche würde Arzu ihre Aufgabe als Mentorin nie als Arbeit ansehen. Klar, man ist per Whatsapp ständig in Kontakt mit den Jungs, aber das sieht sie eher als Freizeit an und bereitet ihr auch sehr viel Spaß. Auch das Planen und Organisieren von Ausflügen, wie zum Beispiel nach Buchenwald, ist ziemlich cool (wenn auch schockierend, denn die meisten Jungs kannten den Namen Hitler nicht). Anstrengender sind dann schon Aufgaben wie Lebensläufe schreiben und Arbeitsplätze suchen. Aber auch das macht Arzu mit Herz und Seele, um den Jungs zu helfen sich zu integrieren und ihren Horizont zu erweitern. Denn Deutschland hat einiges an Perspektiven und Möglichkeiten zu bieten, man muss nur über den Tellerrand schauen.

Und so kommt es, dass Arzu mehrmals pro Woche im Flüchtlingsheim ist. Auch dort hat sie sich noch nie unwohl gefühlt. Alle sind sehr herzlich und mit einem Lachen sagt sie „die können feiern!“.

Am Ende unseres Gesprächs frage ich sie, was sie zukünftigen Mentoren ans Herz legen würde. „Man muss versuchen, die Menschen ohne Vorurteile kennenzulernen. Der Mensch dahinter ist am wichtigsten und man hört viele Geschichten, von denen man lernen kann.“ Man sollte auch intensiv mit den Flüchtlingen arbeiten, einmal im Monat reicht da nicht. Die Integration von jungen Männern ist nicht einfach, deshalb müssen ihre Mentoren viel engmaschiger mit ihnen zusammenarbeiten und sie im deutschen Alltag unterstützen. Ein perfektes Alter, um eine Patenschaft zu führen, gibt es nicht. Doch je früher man andere Kulturen kennenlernt, desto offener schaut man die Welt an. Vor allem mit 27 ist es schwierig, weil man arbeitet und im Beruf weiterkommen will. „Manche machen Sport, ich kümmer’ mich um die Jungs“, sagt sie ganz liebevoll. Zudem kann man so schon früh verschiedene Leute kennenlernen und hat einen direkten Ansprechpartner, wenn man in Zukunft etwas mit Flüchtlingen machen will. Und letztendlich ist Arzu sogar dadurch im Beruf weitergekommen. Nämlich vom Vodafone Shop in die Arbeitsvermittlung beim Jobcenter. Durch die Tätigkeit mit den Jungs hat sie gemerkt, dass sie doch gerne mit Menschen arbeiten möchte und hat direkt eine sinnvollere Tätigkeit gesucht und gefunden. Denn neu tut gut.

Schlussendlich kann sie jedem eine Patenschaft empfehlen, auch wenn man kein Geld dafür bekommt. „Es tut einfach gut als Mensch, wenn man am Ende eines Tages sagen kann: Heute habe ich etwas Gutes getan.“

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Diese Geschichte können wir Ihnen nur Dank der Mitwirkung des Deutschen Roten Kreuz erzählen.

Deutsches Rotes Kreuz
Das DRK betreut als Gesamtverband gegenwärtig bundesweit in 369 Notunterkünften rund 30.000 Flüchtlinge. Über 25.000 hauptamtliche und ehrenamtliche DRK-Helfer sind rund um die Uhr im Einsatz, um Bund, Länder und Kommunen zu unterstützen. Ihre Aufgabengebiete sind: Aufnahme, Erste Hilfe, Betreuung, Verpflegung, sanitätsdienstliche Versorgung, Suchdienst und Beratung. Und das in z.T. spontan eingerichteten Notunterkünften oder in eingesetzten Sonderzügen. Darüber hinaus haben sie zahlreiche Beratungs- und Begleitungsangebote, um auch die nachhaltige und erfolgreiche Integration der Flüchtlinge in den Alltag zu ermöglichen.

  Hier erfährst Du mehr über die Arbeit der DRK im Flüchtlingsbereich