ursprünglich erschienen: 15.07.2015

Zwischen Berlin und Zürich sitzt das Start-Up Selfnation. Mit einer Kombination aus guter Qualität und der ON DEMAND Herstellung von Jeans (also eine Herstellung, die erst NACH der Bestellung erfolgt), wollen die Gründer/innen zeigen, dass eine nachhaltigere Modeindustrie möglich ist. Passend zu unserer Fashion Week Serie erzählen sie uns, was sie bewegt. 

Die Überproduktion von Kleidungsstücken ist ein massives Problem. Heruntergesetzte T-Shirts, Hosen und Pullover füllen die Kleiderstangen und Regale von Geschäften. Kaum ist die Saison vorbei, werden sie entsorgt. Das wahre Ausmass der Verschwendung kennt keiner. Dabei gibt es jede Menge Alternativen: Abknöpfbare Kragen, ein Baumwoll-PET-Gemisch, das zu T-Shirts verarbeitet wird oder massgeschneiderte Jeans On Demand – produziert immer nur dann, wenn auch wirklich eine bestellt wurde.

"Die Überproduktion von Kleidungsstücken ist ein massives Problem."

Gestapelte Boxen füllen die Lagerhalle, verdecken die kleinen Fenster, verbannen das Sonnenlicht. Sie enthalten alle die gleichen Bücher – noch eingeschweisst, nie angeschaut. Einige wenige werden wohl noch verkauft, die grosse Masse aber bleibt in den Kartons zurück. Überproduktion. Schliesslich muss der Verlag die Bücher vernichten; die Lagerkosten sind schlicht zu hoch.

Aus diesem Dilemma heraus hat sich in der Buchbranche die Production on Demand, das Herstellen nach Bedarf, entwickelt. Ein Buch wird dabei immer erst gedruckt, nachdem es auch tatsächlich bestellt und bezahlt wurde. Die Produktion richtet sich also nach der effektiven Nachfrage, es entsteht kein Überschuss.

Von zerschnittenen Handschuhen und demolierten Wintermäntel

Weshalb also nicht auch Kleidung On Demand produzieren? Es ist ja nicht so, dass nur die Buchverlage Abfall generieren würden. Im Gegenteil: Die Modeindustrie ist der Verursacher einer alarmierenden Menge von Textilmüll. Verlässliche Zahlen zum Verhältnis von Produktion und Verkaufszahlen fehlen. Denn die Hersteller halten sich bedeckt mit Auskünften zu Abfallmengen. Klar ist jedoch, dass Berge von unverkaufter Kleidung täglich weggeworfen werden.

Ein regelrechter Skandal hat sich deswegen der schwedische Moderiese H&M 2010 eingehandelt. Eine Studentin fand an einem kalten Januartag in der Nähe des H&M-Flagship-Stores in Manhattan säckeweise unverkaufte warme Winterkleidung. Sie musste feststellen, dass die Kleidung mutwillig zerstört wurde; mit Rasierklingen oder Messern zerschnitten und auf diese Weise unbrauchbar gemacht. An Handschuhen fehlten die Finger, bei Männerjacken war die Wattierung herausgerissen. Angesichts der klirrenden Kälte, die den vielen Obdachlosen in New York zu schaffen macht, ging ein Aufschrei durch die Internetgemeinde.

Die Modekette reagierte auf den massiven Druck aus der Öffentlichkeit. Es wurde versichert, dass es üblicherweise die Praxis sei, unverkaufte Ware an Hilfsorganisationen zu spenden. Ausserdem ermuntert H&M ihre Kunden, gebrauchte Kleidung nicht wegzuwerfen, sondern in die Geschäfte zurückzubringen. Die so gesammelten Textilien werden wiederverwendet oder rezykliert. Auf diese Weise entstehen aus ehemaligen T-Shirts Putzlappen oder Isolationsmaterial. Dass die Kunden durch diese Kleideraktion mit einem Gutschein wieder in die Läden gelockt werden, sei hier nur am Rande erwähnt.

Mit kreativen Ideen gegen Verschwendung

Der Verschwendungswut entgegen hält mittlerweile auch eine Vielzahl kleinerer und grösserer Modeunternehmen. Mit innovativen Konzepten drehen sie den Spiess um. So etwa die Firma Continental Clothing, die mit ihrer Salvage Collection aus Müll Mode herstellen. Stoffreste und recycelte Plastikflaschen werden zu einem Baumwoll-Polyester-Mix zerkleinert und daraus entstehen ökologische T-Shirts.

Nicht wie H&M Down- sondern Upcycling betreibt das Berliner Fashion-Label Aluc. Denn sie machen es sich zum Ziel, textilen Abfall aufzuwerten und daraus etwas Hochwertiges zu machen. Aluc sieht bereits in den kleinsten Mengen an Reststoffen die Möglichkeit, Originelles und Einzigartiges zu kreieren – zum Beispiel abknöpfbare Hemdkragen. Denn Kragen nutzen immer besonders schnell ab, nun kann man sie ersetzen und so Hemden und Blusen länger tragen.

Massgeschneiderte Jeans – the perfect fit für jeden

Zurück zur Mode On Demand – eine andere Möglichkeit, die textile Müllhalde zu schmälern. Eigentlich ist es ganz simpel: Damit keine so grossen Mengen neuwertiger unverkäuflicher Kleider weggeworfen werden, muss immer nur genau soviel produziert werden, wie auch tatsächlich verkauft wird.

An diesen Punkt knüpfen wir mit Selfnation an. Jedes Stück geht erst in die Produktion, wenn es bestellt wurde – ein Unikat, individuell angefertigt, massgeschneidert auf den einzelnen Kunden.

Unbenannt

Die Bestellung geschieht online und in wenigen Klicks. Wie funktioniert’s? Die Kundinnen und Kunden wählen auf der Website von Selfnation das gewünschte Modell, die Farbe und den Stil aus, vermessen sich mithilfe einer Videoanleitung, tippen die Daten ein – fertig ist die On Demand Bestellung der Jeans. Dank einer an der ETH Zürich entwickelten und ausgezeichneten Technologie wird ein hochwertiger Denimstoff für die ganz persönliche und individuelle Jeans millimetergenau ausgeschnitten. Und zwar genau so, dass nur ein absolutes Minimum an Reststoffen übrigbleibt.

Lokal, fair und ohne giftige Chemikalien

Die Jeans sollen aber nicht nur perfekt sitzen, sie werden auch unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt. Und zwar ohne weit gereist und mit giftigen Chemikalien versetzt zu sein. Deshalb geschieht der ganze Produktionsprozess in Zentraleuropa, wo zertifizierte Schneider zu fairen Arbeitsbedingungen die schadstofffreien Materialien zu Jeans zusammennähen.

Dadurch, dass die Jeans nur bei Bedarf bestellt werden, entstehen keine Restposten. Keine Berge von anprobierten, nicht gekauften und herabgesetzten Hosen. Einfach nur ein Produkt, das höchste Qualität und perfekten Passform verspricht – und deshalb bestimmt mehr als ein Mal getragen wird. Ja, die Jeans sind dadurch teurer als die von H&M aber dafür halten sie viel länger, und kommen auch ganz ohne schlechtes Gewissen.

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