Was lernt man eigentlich in der Schule, was man wirklich im späteren Leben braucht? Algebra und Latein sind es wahrscheinlich eher nicht. Das dachten sich auch Johan Kegler, Falco Aust und Johannes Borchert und haben Ocean College ins Leben gerufen. Eine Schule, die auf dem Schiff stattfindet und den SchülerInnen, neben dem klassischen Material,  das wahre Leben beibringt. Was es mit dem College auf sich hat und warum das klassische Bildungssystem heute nicht mehr ausreicht, erzählen uns die Gründer im Interview.

Erzählt uns von Ocean College, was hat es damit auf sich?

Wir sind der festen Überzeugung, dass das herkömmliche Bildungssystem in Deutschland die Schüler nicht ausreichend auf das Leben nach der Schule vorbereitet. Kenntnisse über die eigene Persönlichkeit, den Umgang mit Konflikten, die Arbeit im Team oder wirtschaftliche Zusammenhänge werden nicht ausreichend vermittelt. Deshalb verwandelt OceanCollege den Unterricht und das Leben der Teilnehmer für sechs Monate in eine Schule unter Segeln. Auf hoher See und bei Landexpeditionen in acht verschiedenen Ländern und Kulturen lernen sich die Teilnehmer in besonderen Herausforderungen kennen.

Mit dem Konzept des Unterrichts vor Ort wird es vielfach möglich, Theorie und Praxis zu verknüpfen. Das rotierende System aus Wache, Backschaft, Reinschiff und Schule hat zur Folge, dass der Unterricht in Kleingruppen mit max. zehn Schülern stattfindet, was eine sehr individuelle Betreuung der Teilnehmer ermöglicht. Die Projektsprache ist Englisch, zudem wird ein Spanischintensivkurs angeboten.

Eine Bordgemeinschaft auf hoher See verlangt von allen Teilnehmern Disziplin, Einsatz und Teamfähigkeit. Diese Eigenschaften werden besonders auf einem Traditionssegelschiff über Wochen tagtäglich gefordert und gefördert. Die Jugendlichen lernen mit der Zeit alle Positionen und Handgriffe an Bord kennen und übernehmen nach der Schiffsübergabe für einige Tage die volle Verantwortung für das Schiff.

Außerdem wird bei OceanCollege eine Berufsorientierung für die Jugendlichen angeboten. Dies soll die Berufswahl im Anschluss an die Schullaufbahn erleichtern. Das Ziel besteht in der Analyse und Entwicklung individueller Talente und im Entdecken persönlicher Potentiale und Neigungen. Dieser Identitäts- und Berufsfindungsprozess kann im Erfahrungsraum Schiff mit zahlreichen Möglichkeiten für Feedback und Reflexion nachhaltig realisiert werden.

Ein fester Bestandteil bei OceanCollege ist außerdem die Integration von Praktikern und Experten, die mit den Jugendlichen konkrete Projekte durchführen. Dazu können Handwerker, Unternehmer oder Professoren und Dozenten gehören, die ihr spezifisches Fachwissen in thematisch passenden Modulen an die SchülerInnen weitergeben. Beim geplanten Handelsprojekt lassen sich etwa Themen wie Projektmanagement, Logistik, Marketing und Vertrieb realitätsnah vermitteln.

Woher kommt die Motivation dahinter eine Schule auf einem Schiff zu ermöglichen? 

Klassische Schule, wie wir sie kennen, stammt aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts: 45min Rhythmus, gleichförmiges Lernen aller Kinder zur gleichen Zeit nach der gleichen Geschwindigkeit, gemessen in einer Notenskala von 1-6. Wir glauben, dass dieses System schon lange nicht mehr ausreichend auf die Lebens- und Berufswelt  der Zukunft vorbereitet. Dieses Schulsystem wurde ursprünglich auch nie dazu entwickelt, Individuen zu betreuen und Persönlichkeitsentwicklung zu betreiben. Zu Beginn des  letzten Jahrhunderts sollte das Schulsystem vielmehr Soldaten und Verwaltungsangestellte hervorbringen. 

Dieses Land kann es sich aber nicht leisten, auf die Talente, die in jedem Kind schlummern, zu verzichten. Wir wollen die Schule „entschulen“ und  die Teilnehmer von OceanCollege in echte Herausforderungen bringen. Denn echtes Lernen passiert nur dann, wenn weder Frust noch Langeweile herrschen. 

Was fehlt Eurer Meinung nach in unserer Bildungslandschaft? Und wie löst Ihr das Problem?

Unsere Bildungslandschaft geht in seiner klassischen Ausprägung wenig bis gar nicht auf die völlig veränderten Herausforderungen der aktuellen und zukünftigen Berufswelt ein. Neuere Erkenntnisse zum Lernen werden weitestgehend ignoriert. Die SchülerInnen werden nicht in ihrer Individualität wahrgenommen. 

Wir wollen im Leben lernen und im Lernen leben. Der Stundenplan soll der Leidenschaft folgend und nicht umgekehrt. Die individuellen Stärken der einzelnen SchülerInnen sollen genutzt werden, um auch für etwaige spätere Berufsfelder Erfahrungen zu sammeln. Die SchülerInnen werden bei uns an Bord in echte Verantwortung gebracht,  lernen mit externen Partnern, die nicht aus der Schule kommen, in eigenen Modulen und Seminaren Themen kennen, die für die Zukunft dieser Welt  entscheidend sind. Dazu gehören beispielsweise ein Projekt zum Thema Mikroplastik, ein Handelsprojekt für nachhaltigen Warenaustausch und ein Projekt zum Katastrophenschutz in der Karibik. Niemand kann heute wirklich wissen, welche spezifischen Fähigkeiten für die Herausforderungen von morgen gebraucht werden, aber wir glauben, dass Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit, das Wissen um eigene Stärken und Schwächen und das Arbeiten in mehrsprachigen Teams  in der Welt von morgen entscheidende Faktoren für ein erfolgreiches und erfülltes Leben sein werden. Diese Kompetenzen werden auf einem Segelschiff auf hoher See tagtäglich trainiert. 

Wohin geht es auf der Reise und an wen richtet sich das Angebot?

Die Route führt von Hamburg über die Kanarischen Inseln, über die Kapverden und in westwärts in die Karibik. Dort ist Costa Rica unser Hauptanlaufpunkt.

In Costa Rica findet unser dreiwöchiger Landaufenthalt statt, mit Sprachschule, Handelsprojekt und sozialen Projekten. Von Costa Rica geht die Reise weiter nach Mexiko und Kuba, bevor der Atlantik über die Bahamas und Azoren heimwärts nach Europa gequert wird. Das letzte größere Landprojekt findet in Irland statt, bevor es wieder nach Deutschland geht. Das Angebot richtet sich an Jugendliche der neunten und zehnten Jahrgangsstufe. 

Wie läuft das Ganze strukturell ab? (wie sieht es mit der Versicherung der Kinder aus, kommen die Kids danach im Unterricht weiter?)

An Bord fahren wir mit einem sog. „Dreiwachsystem“, es gibt jeweils eine Wache von 0:00 bis 4:00, eine von 4:00 bis 8:00 und eine von 8:00 bis 12:00.

Jeder Teilnehmer fährt das Schiff während seiner Wache also acht Stunden in der fahrenden Wache. Dann gibt es jeden Tag bis auf Sonntags vier Zeitstunden Unterricht, in dem wir alle Fächer bis auf Musik, Kunst, DS und Sport nach einem Curriculum aus Brandenburg mit geprüften Lehrern abdecken. Damit soll auch gewährleistet werden, dass die SchülerInnen nach dem Projekt wieder in ihrer Heimatschule einsteigen können, ohne das Schuljahr zu wiederholen. Acht Stunden sind  für Schlaf vorgesehen und in den restlichen vier Stunden müssen die Schüler das Schiff putzen und Essen kochen. Während das Schiff fährt, sind die SchülerInnen also in einem sehr engmaschigen System tätig. An Land liegt der Fokus auf den jeweiligen Projekten. Es gibt eine Versicherung über das Schiff, die auch  Personenschäden einschliesst, die Teilnehmer haben alle eine Auslandskrankenversicherung und OceanCollege hat eine Betriebshaftpflichtversicherung.

Was mach Euch zu Changern?

Wir treten an gegen ein Schulsystem, das in grossem Masse von einer Zeit geprägt ist, die eine völlig andere als diese ist.

Studien belegen, dass vor dem Schuleintritt 98% der Kinder hochbegabt sind, nach der Schule sind es noch 2%. Schule in dieser Form ist eher schädlich. Wir wollen die Schule entschulen, ins Leben bringen, den Schüler / die Schülerin ganzheitlich betrachten und in echte Herausforderungen bringen. „Erkläre es mir und ich werde vergessen. Zeige es mir und ich werde mich erinnern.  Lass es mich selbst tun und ich werde verstehen. Laotse“. 

Der Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Startnext verfasst.

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