Dieser Artikel ist Teil einer Mini-Serie zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz, um euch die Arbeit bei einem der größten Wohlfahrtsverbände näher zu bringen. Den Einstieg machte Dr. Joß Steinke, Bereichsleiter der Jugend und Wohlfahrtspflege im DRK-Generalsekretariat. 

Wer auf dem flachen Land, vielleicht so wie ich, in einem 400-Seelen-Dorf, seine Jugend verbracht hat, kennt das sicher: Viel Wiese, ein bisschen Wald und ein paar Straßen auf denen der letzte Bus um 8 Uhr abends vorbei fährt. Für Kinder ein Paradies, für Jugendliche ein Graus! Es sei denn, man lässt sich etwas einfallen. Als Teenies haben meine Freunde und ich uns der Clique angeschlossen, die sich in einer alten Schule, die schon lange keine mehr war, einen Clubraum eingerichtet hatte. Der Jugendclub war unser Refugium – Elternbesuch nur ausnahmsweise und nur nach offizieller Einladung. Hier haben wir gemacht, was uns interessierte. Und das hatte um die Jahrtausendwende vor allem mit dem Internet zu tun. Google war noch ein Geheimtipp und der Ego-Shooter Counterstrike gerade voll im Trend. Die Älteren von uns hatten irgendwann EU-Gelder aufgetrieben, mit denen wir uns ein Internet-Café einrichteten. 

Soweit ich weiß, stand im Projektantrag irgendwas von Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Bildung in strukturschwachen Gebieten. Das haben wir natürlich recht eigensinnig ausgelegt: Wir hatten Teil an einer internationalen Gaming-Community und waren auch nicht der schwächste Clan bei Counterstrike. Wir hatten endlich die Chance eigene LAN-Partys auszurichten und weil es billiger war haben wir Computer komponentenweise bestellt und gelernt, sie selber zusammen zu bauen. 

Der Einstieg

Was aus dieser Zeit bei mir hängen geblieben ist, ist eine simple Wahrheit: „Bleib dran, an dem, was dich interessiert und mach was draus.“ In den sieben Jahren, die ich Erfurt und Berlin Soziale Arbeit und Bildungswissenschaft studierte, habe ich genau das getan. Und so kam eins zum anderen: Aus dem Interesse am Online-Gaming folgte die Beschäftigung mit der Psychologie des Flow-Erlebens und der Soziologie von Jugendszenen, über die Erfahrungen mit der Selbstorganisation im Jugendclub kam ich zu den Themen Ehrenamt und Freiwilligenmanagement und alles zusammen ergab dann „Online-Volunteering“ – freiwilliges Engagement im Internet. 

Als ich das digitale Ehrenamt in meiner Diplomarbeit mit motivierendem Flow-Erleben zusammenbrachte, dachte ich, es wäre witzig, irgendwann den Prozess des Diplomarbeitsschreibens in einer Art Tagebuch nachlesen zu können. Und weil ich aus ungezählten Hausarbeiten bereits wusste, das Schreiben ein bildender Prozess ist, startete ich meinen Blog. Tatsächlich war das Thema für einige Leute schon damals interessant und das Feedback gut. Über meine Webseite und Twitter, BarCamps und diverse Stammtische schlidderte ich, kaum war ich nach Berlin gezogen, in die sozial-digitale Community – etwas, was ich später in meiner Masterarbeit den „Einstieg in die Social Media Szene“ nannte. 

Der Umstieg

Ich hatte mir damals überlegt, ob ich mich vielleicht selbstständig machen sollte, um ‚mein Thema‘ weiter voran zu bringen. Ich wurde schließlich recht oft für Workshops und Seminare angefragt und kannte haufenweise Leute, die ständig coole Projekte machten. Von den Honoraren allerdings hätte ich niemals leben können. Also beschloss ich, die Sache nebenberuflich – auf der Hobby-Schiene – weiter zu verfolgen und erst einmal Berufserfahrung zu sammeln. Nach einigen Absagen auf meine Bewerbungen auf Trainee-Stellen in Berliner Startups heuerte ich im August 2012 im DRK-Generalsekretariat an. Ein Kollege, den ich von unterschiedlichen Tagungen kannte, half dabei ein bisschen nach. 

Ich war nun in einem Wohlfahrtsverband gelandet und kümmerte mich hier um die Förderung sozialen Ehrenamts, machte in der Jugendhilfe Werbung für das Ehrenamt und landete dann in den Internationalen Freiwilligendiensten, wo ich mich um Qualitätsarbeit kümmerte. Kurzum: Ich arbeitete als Freiwilligenmanager und lernte das Deutsche Rote Kreuz als Wohlfahrtsverband und Teil der internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung kennen und schätzen.

Nach beinahe vier Jahren im Beruf stand die nächste Entscheidung an: Bleiben oder weiter ziehen? Eine umfassende Umstrukturierung inklusive Stellenabbau wurde angekündigt und durchgezogen. Ab Frühjahr 2016 wurden die Flure leerer und die Stimmung schlechter. Ich entschied, mir etwas Zeit zu nehmen und der Sache eine Chance zu geben. Ich wusste einfach nicht genug um zu entscheiden. Als ich schließlich herausfand, dass soziale Innovation und Digitalisierung in der neuen Bereichsstruktur angegangen werden sollten, fiel mir die Entscheidung leicht. Im Sommer begann ich, mich aktiv auf die neue Stelle zu bewerben und wurde zum Jahresbeginn schließlich mit dem Thema Innovationsförderung im DRK betraut. 

Neue Wege

Ich organisiere jetzt ein dreijähriges Innovationslabor, ein Lern- und Experimentierprojekt in dem die Grundlagen für die Innovationsförderung im DRK gelegt werden sollen. Ganz praktisch wollen wir lernen, wie soziale Innovation und deren Verbreitung in der freien Wohlfahrtspflege funktioniert. Dafür bietet das DRK mit knapp einer halben Millionen haupt- und ehrenamtlich Engagierter in über 5.000 lokalen und regionalen Ablegern sicher einiges. Aus meiner Erfahrung mit dem Verband, der sozial-digitalen Szene in Berlin und vielen ehrenamtlichen Projekten weiß ich aber natürlich, dass es an allen Ecken und Enden – und vor allem dort, wo Projekte Herzenssache sind – ziemlich ‚menschelt‘. Für das rechte Ownership muss es das auch, darf uns aber nicht daran hindern, gute Ideen bedarfsgerecht weiterzuentwickeln und im Verband zu verbreiten, um so noch besser wirken zu können.  

Ich sehe uns dabei gemeinsam am Anfang stehen. Von jetzt auf gleich wird das Zusammenwirken nicht 100% klappen, aber mit ein Geduld, Interesse und Engagement wird’s schon gehen :-)

PS: Unter dem Hashtag #meinjob werfe ich hin und wieder Schlaglichter auf meine Arbeit im DRK. 

Über den Autor

Hannes Jähnert arbeitet seit 2012 beim Bundesverband des DRK -- zuerst im Themenfeld soziales Ehrenamt, zwischenzeitlich in der Jugendhilfe, danach in den internation Freiwilligendiensten und seit Anfang 2017 als Referent für soziale Innovation und Digitalisierung. Er hat Soziale Arbeit und Bildungswissenschaften studiert und unterschiedliche Weiterbildungen im Freiwilligenmanagement bei der Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland absolviert. Als selbsternannter Engagementblogger und Freizeitforscher beschäftigt sich Hannes seit 2009 mit der Digitalisierung im Ehrenamt und aktuellen Wandlungsprozessen in der Zivilgesellschaft (Blog | Twitter | LinkedIn).

 

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