Gastbeitrag von 7Mind.

Stress zu Hause, Haus­tier krank, Rad geklaut: Pri­vate Sorgen können uns bis an den Schreib­tisch ver­fol­gen. Auch der Job selbst kann frus­trie­ren. Wie geht man mit nega­ti­ven Emo­tio­nen bei der Arbeit um?

Viele Men­schen wün­schen sich einen locke­ren, per­sön­li­chen Umgang mit Kol­le­gen und Vor­ge­setz­ten. Ein ent­spann­tes Ver­hält­nis mit den Mit­ar­bei­tern, ent­spannt natür­lich auch die Stim­mung im ganzen Team, interne Mee­tings und das Bier am Frei­tag­nach­mit­tag. Wäh­rend der Mit­tags­pause spricht man mal über pri­vate Themen und wer bei der Weih­nachts­feier über den Durst trinkt, wird am Montag darauf mit einem Schul­ter­klop­fer begrüßt. Soweit das Ideal. Es gibt aber auch Tage, an denen gar nichts geht. Tage, an denen man unzu­frie­den und unpro­duk­tiv ist, sich unfair behan­delt fühlt oder unfä­hig ist, krea­tive Ideen zu spin­nen. Traut man sich dann eigent­lich auch, den netten Kol­le­gen oder dem/​der unkom­pli­zier­ten Chef*in die ehr­li­che Mei­nung zu sagen?

Noch schwie­ri­ger ist es, wenn man von einem pri­va­ten Ereig­nis so aus der Bahn gewor­fen wird, dass man sich auf der Arbeit kaum kon­zen­trie­ren kann. Das kann eine Tren­nung sein, ein kran­kes Fami­li­en­mit­glied, Streit mit Freun­den, kör­per­li­che Beschwer­den oder ein­fach die Woh­nungs­su­che in über­füll­ten Innen­städ­ten. Was kann man tun, wenn einen Emo­tio­nen wie Ärger, Trauer oder Frust bis an den Schreib­tisch beglei­ten? Wann darf man seine Gefühle am Arbeits­platz zeigen und wann sollte man lieber zurück­ste­cken? Wir stel­len unter­schied­li­che Wege vor, wie man kon­struk­tiv mit schwie­ri­gen Emo­tio­nen am Arbeits­platz umge­hen kann, ohne sie her­un­ter­zu­schlu­cken.

Ver­ant­wor­tung für die men­tale Gesund­heit über­neh­men

Kata­stro­phen pas­sie­ren nicht selten vor acht Uhr früh. Und noch bevor man sich die Schuhe ange­zo­gen hat, steht das Pri­vat­le­ben Kopf. Ein Streit eska­liert, ein Kind wird krank, ein Brief infor­miert über die Miet­erhö­hung, das Auto springt nicht an und noch dazu haben einem die lauten Nach­barn den Schlaf geraubt. Es hilft alles nichts, Zähne zusam­men­bei­ßen, Mantel an und raus aus der Haus­tür. Sobald man dann im Büro ange­kom­men ist, schlurft man nie­der­ge­schla­gen zur Kaf­fee­ma­schine, lenkt sich mit Small­talk ab und scrollt eine halbe Stunde lang durch den eige­nen Face­book-Feed. Per­sön­li­che Emo­tio­nen beein­flus­sen an sol­chen Tagen nicht nur die eigene Leis­tungs­fä­hig­keit, son­dern können im schlimms­ten Fall auch die Stim­mung des gesam­ten Teams belas­ten.

Als erstes sollte man sich fragen, ob man wirk­lich arbeits­fä­hig ist. Wenn man merkt, dass die Gedan­ken immer wieder abschwei­fen, unan­ge­nehme Erin­ne­run­gen von der Arbeit ablen­ken oder dass man heim­lich alle fünf Minu­ten das Smart­phone checkt, ist es wich­tig, Ver­ant­wor­tung für sich und die Situa­tion zu über­neh­men. Beson­ders, wenn man beruf­lich viel Kun­den­kon­takt hat oder wich­tige Dead­lines ein­zu­hal­ten sind, ist es wich­tig, sich der eige­nen men­ta­len und phy­si­schen Kapa­zi­tä­ten bewusst zu werden. Kann man der Arbeit wirk­lich nach­ge­hen oder würde man sie nur halb­her­zig aus­füh­ren? Eine Ant­wort darauf kann man sich nur selbst geben. Viel­leicht hilft es, sich einem Kol­le­gen oder dem*der Vor­ge­setz­ten anzu­ver­trauen. Dabei muss man sich gar nicht in Details ver­lie­ren. Es reicht schon zu sagen, dass es einen pri­va­ten Vor­fall gege­ben hat, der es einem schwer macht, die Auf­ga­ben des Tages gewis­sen­haft und zufrie­den­stel­lend aus­zu­füh­ren. Die eige­nen Pro­bleme anzu­spre­chen, hat zwei Vor­teile. Ers­tens wird man so die Erfah­rung machen, dass andere Per­so­nen viel­leicht schon ähn­li­che DInge erlebt haben und des­halb Rat und Trost spen­den können. Zwei­tens kann es sogar den Team­zu­sam­men­halt stär­ken, Ver­letz­lich­keit zu zeigen, denn das ist schließ­lich auch ein Ver­trau­ens­be­weis.

Gefühle zu zeigen, ist also nicht unpro­fes­sio­nell. Ganz im Gegen­teil. Wenn man sich selbst erlaubt, seine Emo­tio­nen wahr­zu­neh­men, kann man ange­mes­se­ner auf sie reagie­ren, ohne dass sie sich auf die Arbeit selbst aus­wir­ken. Wenn im Pri­vat­le­ben eine beson­ders belas­tende Situa­tion auf­taucht, ist es oft besser, sich diesem inne­ren Pro­zes­sen für einige Zeit voll und ganz zu widmen. So kann man schnel­ler wieder zur gewohn­ten Leis­tung zurück­fin­den und zeigt außer­dem eins: Mensch­lich­keit.

Her­aus­for­de­rung für den Arbeit­ge­ber

Arbeits­psy­cho­lo­gen raten immer wieder dazu, offen mit den eige­nen Emo­tio­nen umzu­ge­hen. So ver­mei­det man Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen und Miss­ver­ständ­nisse und kann vor allem ver­hin­dern, dass man seine Wut oder Trauer an ande­ren Kol­le­gen aus­lässt. Für Arbeit­ge­ber können die per­sön­li­che Emo­tio­nen der Mit­ar­bei­ter eine große Her­aus­for­de­rung dar­stel­len. Auch wenn der*die Vor­ge­setzte nicht dafür ver­ant­wort­lich ist, die pri­va­ten Pro­bleme zu lösen, kann doch ein Raum geschaf­fen werden, in dem Gefühle offen kom­mu­ni­ziert werden dürfen. Tim Hage­mann, Inha­ber des Lehr­stuhls Arbeits­or­ga­ni­sa­tion an der Fach­hoch­schule Bie­le­feld, sagt, dass ​„mensch­li­ches Han­deln ohne Gefühle nicht mög­lich ist“. Den­noch erlebe er immer wieder, dass das Thema in der Arbeits­welt längst nicht so offen behan­delt wird, wie es nötig wäre.

Prof. Dr. Jochen Menges, der an der Otto Beis­heim School of Manage­ment in Düs­sel­dorf zum Thema Grup­pen­e­mo­tio­nen forscht, sieht das Pro­blem schon in der Aus­bil­dung. ​„Das Pro­blem ist, dass wir Gefühle als Gegen­spie­ler der Gedan­ken sehen, wir brau­chen aber beides. Gefühle blei­ben bei der Aus­bil­dung oft auf der Stre­cke“, so der Wis­sen­schaft­ler. Eben­falls inter­es­sant: Menges konnte in einer großen Studie her­aus­fin­den, dass die Fähig­keit zur Emo­ti­ons­er­ken­nung mit dem Jah­res­ein­kom­men kor­re­liert. Um das zu bewei­sen, tes­te­ten die Wis­sen­schaft­ler die Emo­ti­ons­er­ken­nungs­fä­hig­kei­ten der Arbeit­neh­mer, indem sie ihnen Bilder und Ton­auf­nah­men vor­spiel­ten und frag­ten, welche Emo­tio­nen sie darin erken­nen würden. Zusätz­lich befrag­ten die For­scher die Kol­le­gen und Vor­ge­setz­ten der Arbeit­neh­mer zur deren sozia­len Kom­pe­ten­zen. Das Ergeb­nis: Men­schen mit guter Emo­ti­ons­er­ken­nungs­fä­hig­keit ver­hal­ten sich geschick­ter in sozia­len Kon­tex­ten, werden als koope­ra­ti­ver, rück­sichts­vol­ler und hilf­rei­cher ein­ge­schätzt, und erhiel­ten ein höhe­res Gehalt.

Wie Unter­neh­men diese Erkennt­nisse und auch die ​“Fähig­keit zum Fühlen” nutzen, liegt trotz­dem in der Hand der ein­zel­nen Füh­rungs­kräfte. Michael Bloch­berg, Per­so­nal­lei­ter des Con­ti­nen­tal-Kon­zerns hat in diesem Zusam­men­hang ange­merkt, dass gute Füh­rung nur dann gelinge, wenn Füh­rungs­kräfte offen sind und es schaf­fen, dass Mit­ar­bei­ter sich in schwie­ri­gen Situa­tio­nen trauen, ihre Gefühle zu zeigen. Der Psy­cho­loge Ger­hard Blickle rät eben­falls dazu, ehr­lich zu sein, solange eine gewisse Dis­tanz gewahrt wird – auch in Unter­neh­men mit fla­chen Hier­ar­chien. ​“Zu sagen, ich habe mich von meinem Part­ner getrennt, sorgt sicher nicht für nega­tive Reak­tio­nen. Die Details aus­zu­brei­ten ist dage­gen nicht ratsam. Da werden die pro­fes­sio­nelle und die pri­vate Ebene ver­mischt, das kann das Gegen­über auch über­for­dern”, so Blickle. Wenn die Arbeit selbst zur Ursa­che für Frust oder nega­tive Emo­tio­nen ist, können Details hin­ge­gen sehr wich­tig sein, um schnell eine Lösung zu finden. 

Mit Frust zur Leis­tungs­stei­ge­rung

Wenn nega­tive Gefühle durch die Arbeit selbst her­vor­ge­ru­fen werden, sollte man sich schnell fragen, was genau die innere Unzu­frie­den­heit aus­löst. Wenn einen die Arbeit frus­triert, kann man diesen Frust sogar nutzen, um die Situa­tion schnell zu ver­bes­sern.

Im Arbeits­kon­text ist eine gewisse Sou­ve­rä­ni­tät von­nö­ten, wenn man ein kon­kre­tes Pro­blem bespre­chen möchte, genauso wie eine beson­nene und doch freund­li­che Dis­tan­ziert­heit. Wenn es um die eigent­li­che Arbeit geht, ist es wich­tig, dass man zu starke Emo­tio­nen regu­lie­ren und ange­mes­sen aus­drü­cken kann. Ein allzu hef­ti­ger Gefühls­aus­bruch kann das Ver­hält­nis nach­hal­tig beein­flus­sen und auch das Schlich­ten zukünf­ti­ger Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten erschwe­ren. Wie man es schaf­fen kann, die eige­nen Emo­tio­nen im Ernst­fall auch mal ​“nach­zu­jus­tie­ren”? Psy­cho­loge Blickle gibt einen wich­ti­gen Tipp: ​“Indem man die Emo­tion als eine Infor­ma­tion betrach­tet, neben der es aber noch andere Infor­ma­tio­nen gibt. Das schafft Abstand. Ein Gefühl wie Miss­trauen ist zum Bei­spiel erst mal gut. Es sorgt dafür, dass ich zwei­mal hin­schaue, wenn ich einem Kol­le­gen gegen­über skep­tisch bin. Aber dieses Gefühl des Miss­trau­ens darf nicht zu groß werden. Wenn man es geprüft hat, muss es auch mal ein Ende haben”. 

Für erfolg­rei­che Kom­mu­ni­ka­tion der eige­nen Bedürf­nisse braucht es sowohl Emo­ti­ons­re­gu­la­tion, als auch Empa­thie für das Gegen­über. Auch Kol­le­gen und Vor­ge­setzte sind in eigene Gedan­ken und Geschich­ten ver­strickt. Beson­ders, wenn ein locke­res Ver­hält­nis zwi­schen allen Mit­ar­bei­tern besteht, ist es wich­tig, darauf zu achten, die Gren­zen der ande­ren nicht zu über­schrei­ten. Wenn man sich unsi­cher ist, ob man seinen Kol­le­gen gerade zu viel zumu­tet, hilft nur eines: offene Kom­mu­ni­ka­tion.

Gefühle sind keine Stör­fak­to­ren

Wer Gefühle zeigt, wirkt nicht nur authen­tisch, son­dern moti­viert im Zwei­fels­fall sogar andere Kol­le­gen, das­selbe zu tun. Trotz­dem sollte man zwi­schen pri­va­ten und beruf­li­chen Emo­tio­nen unter­schei­den. Pri­vate Geschich­ten oder Schick­sals­schläge können einen von der Arbeit ablen­ken und sogar arbeits­un­fä­hig machen. In sol­chen Momen­ten müssen wir beson­ders acht­sam mit den eige­nen Gefüh­len umge­hen und zur Not auch mal die Stopp­taste drü­cken oder die Arbeit uner­le­digt lassen, bis es uns emo­tio­nal wieder besser geht. Das ist nicht nur für das eigene Wohl­be­fin­den wich­tig, son­dern auch für die Arbeits­leis­tung und die Pro­duk­ti­vi­tät des ganzen Teams. Wenn einen hin­ge­gen der Job selbst frus­triert, man wütend auf einen Kol­le­gen ist oder sich nicht aus­rei­chend geför­dert fühlt, ist es hilf­reich, erst einmal tief durch­zu­at­men. Eine Beför­de­rung, mehr Ver­trauen oder schelle Kon­flikt­lö­sung erreicht man selten durch einen Wut­aus­bruch. In sol­chen Momen­ten hilft Acht­sam­keit gegen­über den eige­nen Emo­tio­nen, auch mal einen Gang her­un­ter­zu­fah­ren und die Gefühle ein­fach nur wahr­zu­neh­men, ohne sich zu sehr von ihnen mit­rei­ßen zu lassen. 

Gene­rell müssen Gefühle keine Stör­fak­to­ren sein, wenn man rich­tig mit ihnen umgeht und vor allem Ver­ant­wor­tung für sich und sein Innen­le­ben über­nimmt. So kann man nach und nach lernen, die eige­nen Reak­tio­nen besser zu steu­ern, sich in das Gegen­über hin­ein­zu­ver­set­zen, und gemein­sam bes­sere Lösun­gen zu finden. Für eine posi­tive Grund­stim­mung im Büro und auch beim Fei­er­abend­bier.

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