Header: Jonathan Widder © Squirrel News

Das Jahr 2020 war ein Jahr der Hiobsbotschaften. Jeden Tag passierte irgendwo etwas Schlimmes, von dem man durch Push-Nachrichten oder beim regelmäßigen Checken seiner präferierten News-Seiten informiert wurde. Doch spätestens nach journalistischen Perlen wie "Diese Killer-Hornisse tötet 50 Menschen pro Jahr" fragt man sich unweigerlich: wie kann man sich durch diesen negativen – durch Algorithmen maßgeschneiderten – Nachrichten-Sumpf navigieren, ohne den Glauben an die Menschheit zu verlieren?

Diese Frage hat sich Jonathan Widder schon vor einiger Zeit gestellt und Squirrel News ins Leben gerufen. Der Name ist Konzept: wie ein Eichhörnchen seine Nüsse sammelt, sammelt das Team von Squirrel News gute und sinnvolle Nachrichten – organisch, per Hand und möglichst nachhaltig. Das Ergebnis ist eine konstruktive Mischung aus Nachrichten und Geschichten, die dabei helfen sollen, den Sinn in der Welt zu erkennen und zu bewahren. Das hat uns neugierig gemacht und wir haben Jonathan einige Fragen dazu gestellt:

tbd*: Wie ist die Idee zu Squirrel News entstanden?

Jonathan: Als Journalist habe ich mich schon seit 2014 mit sozialen Innovationen und Social Entrepreneurship beschäftigt: Themen, um die es im konstruktiven Journalismus ja auch ganz zentral geht. Als der konstruktive Journalismus dann 2015 in Deutschland bekannter und populärer wurde, wusste ich, wie viel Potenzial und Notwendigkeit darin steckt. Gleichzeitig ist Squirrel News aber auch eine kompakte Antwort auf die Informationsüberflutung und das Sich-Verlieren in einer nicht enden wollenden Flut von Nachrichten. Wie wichtig so ein Überblick für viele ist, ist mir erst nach und nach klar geworden. Die Gründung des Vereins wiederum ist meine persönliche Antwort auf die unsteten Verhältnisse in der Start-up-Szene, in der ich vorher gearbeitet hatte, und meine Lösung für ein langfristig stabiles, angenehmes Arbeitsumfeld.

tbd*: Anhand welcher Faktoren wählt ihr die Beiträge aus? Was würde z.B. nicht bei euch erscheinen?

Jonathan: Wir wählen sowohl nach Kriterien des konstruktiven als auch des klassischen Journalismus aus. Zentral ist natürlich, dass es in den Beiträgen vor allem um Lösungen geht: von neuen Ideen und Ansätzen bis zu funktionierende Modellen, Best-Practice-Beispielen und gesellschaftlichen Errungenschaften. Wichtig ist aber auch, dass diese Lösungen und ihre Wirksamkeit ausreichend beschrieben, erklärt und eingeordnet werden und dass sie übertragbar sind oder man zumindest etwas daraus lernen kann. Die Themen sind dann oft positiv, dass heißt aber nicht, dass jede „gute Nachricht“ bei uns Platz hätte. Positive Effekte, die bald wieder vorübergehen (zum Beispiel aufgrund der Pandemie) lassen wir meistens raus. Bewegende Einzelschicksale wie Familienzusammenführungen etc. haben bei uns auch keinen Platz. Gleiches gilt für einmalige Befreiungsaktionen von, sagen wir, Geiseln oder festsitzenden Tankern. Auf der anderen Seite sind aber auch Kriterien des klassischen Journalismus nach wie vor zentral für uns, zum Beispiel Neuheit, Tragweite, Relevanz, Nähe oder Überraschung. Auf Kitsch, schwer lesbare Fachtexte und Berichte über überflüssige technische Gadgets verzichten wir wiederum.

tbd*: Welche Rolle spielen konstruktive Nachrichten in unserer heutigen Medienwelt?

Jonathan: Einerseits finden wir immer einige konstruktive Nachrichten und Geschichten und konstruktive Berichterstattung ist in fast allen Medien vorhanden. Andererseits spielt der Ansatz insgesamt noch längst nicht die Rolle, die er spielen könnte und müssten. Es sprießen zwar immer wieder neue konstruktive Rubriken oder Magazine aus dem Boden. Aber vielerorts wird noch ziemlich zaghaft damit experimentiert und selbst die besten Zeitungen tun sich manchmal erstaunlich schwer damit, diese Art von Journalismus sinnvoll in ihre Routine zu integrieren. Es ist aber durchaus eine Entwicklung zu beobachten. Und warum sollte der Wandel im Journalismus schneller gehen als anderswo?

tbd*: Ihr seid ja ein Verein – wie arbeitet ihr?

Jonathan: Wir sind als Verein organisiert, wobei das auf den Arbeitsalltag erst mal nicht viel sichtbaren Einfluss hat. Wir arbeiten fast komplett von zu Hause aus, nicht zuletzt aufgrund der Pandemie. Unsere Redaktionskonferenzen machen wir am Telefon, Team Meetings zumindest zurzeit per Video-Call. Fast alle Prozess sind digitalisiert. Gleichzeitig versuchen wir aber natürlich auch, das ganze Projekt möglichst fair und demokratisch aufzuziehen. Wer sich einbringen will, wird gehört. Entscheidungen versuchen wir, im Konsens zu treffen. Und es ist ist es angenehm, dass das Gerüst ein gemeinnütziger Verein ist und keine Menschen dabei sind, denen es primär um Profit geht. Ich habe den Eindruck, dass das eine viel entspanntere Arbeitsatmosphäre erzeugt.

tbd*: Was sind eure Ziele für die Zukunft?

Jonathan: Wir wollen Squirrel News noch deutlich bekannter machen, sowohl im deutschsprachigen als auch im englischsprachigen Raum. Auch für die App haben wir noch viele Ideen. Außerdem starten wir in Kürze in beiden Sprachen einen Podcast. Alles Weitere lassen wir dann erst mal auf uns zukommen.

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