Europa, die Festung die alle stürmen wollen. Ein Europa, dessen Werte und Wirtschaft gegenüber Einwanderern aus Afrika und anderen Teilen der Welt zu schützen ist. Das ist die Rhetorik mit der führende Entwicklungspolitiker in Deutschland heute arbeiten: "Europas Schicksal und Zukunft entscheidet sich auf dem afrikanischen Kontinent", so Entwicklungsminister Gerd Müller in der Pressemitteilung zum Marshallplan mit Afrika des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Damit gemeint ist leider nicht, dass Afrika als Wirtschaftspartner und Motor für digitale Innovation immer wichtiger wird. Stattdessen geht es darum, dass wir dafür sorgen müssen, dass in Afrika Jobs entstehen und wir die Effekte des Klimawandels begrenzen, so dass nicht noch mehr Millionen von Menschen nach Europa migrieren wollen. Auf die provokante Frage: „Sitzen in Afrika Hunderttausende auf gepackten Koffern?“der BZ-Journalistin antwortete der Afrika-Beauftragte der Bundesregierung Günter Nooke im Oktober 2018: „Das wissen wir nicht. Aber viele tragen sich mit dem Gedanken auszuwandern. Fast immer ist das Traumziel Europa“.

Kollaboration als Chance für alle

Wir leben in einer zunehmend digitalen Wirtschaftswelt. Leider glänzt Europa nicht in Sachen digitale Innovation. Europa wäre sehr gut beraten, sich nicht als Wohlstands- und Moralhüter und Länder des globalen Südens, insbesondere Länder in Afrika, nicht mehr nur als Bittsteller und Empfänger unserer Zuwendung zu sehen. Neben den USA und China ist Europa ein unbedeutender Player der, aus Sicht der großen Digitalkonzerne, durch Regulierungsmaßnahmen wie der DSGVO versucht, andere auszubremsen. In einer Achse zwischen der Silicon Valley Plattformökonomie und chinesischen Social Credit Systemen, wird Europa in Zukunft nur relevant sein, wenn man lernt zu kooperieren. In vielen Ländern Afrikas steht Digitalisierung viel weiter oben auf der zivilgesellschaftlichen und politischen Agenda als in Deutschland. Viele Regierungen zeigen großes Interesse und Investitionsbereitschaft für den Ausbau digitaler Infrastruktur. Es besteht keine klassische Trennung mehr zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen, was digitale Innovationskraft angeht. Das Selbstverständnis, dass Entwicklungszusammenarbeit ein reziproker Austausch ist, bei dem beide Seiten partnerschaftlich zusammenarbeiten und gegenseitiges Lernen stattfindet, sollte einer modernen Entwicklungszusammenarbeit zugrunde liegen.

Innovation ist digital, transparent, offen und selbstbestimmt

Die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit ist digital, transparent, direkt und selbstbestimmt. Digitale Instrumente können neue Kooperationsformen ermöglichen. Direkte Kommunikation mit verschiedenen Organisationen, Interessengruppen, und Bürgern ist möglich, ebenso wie offene Prozesse und offene Daten. Dieses Potential muss genutzt werden um alte, intransparenten Strukturen zu Gunsten neuer, partizipativer und transparenter zu ersetzen. Zudem sollten die Empfänger und Förderinstrumente überholt werden. Entwicklungszusammenarbeit findet heute meist zwischen Regierungsinstitutionen und im Rahmen von Kooperationen mit großen Firmen und anderen etablierten großen Organisationen statt. Innovation nicht. Innovationen entstehen in von der Zivilgesellschaft betriebenen Hubs, Makerspaces, Startups, Graswurzelorganisationen und anderen lokalen Initiativen. In vielen Ländern entstehen innovative Lösungen für soziale und ökonomische Bedarfe, von der Herstellung von Lehrmitteln bis hin zur Lieferung von Blutkonserven, die oftmals fehlende öffentliche Versorgung und Infrastruktur kompensieren. Heute setzen alle Entwicklungsorganisationen eigene Accelerator Programme auf, weil es attraktiv ist, Startups zu fördern. Stattdessen könnte die Entwicklungszusammenarbeit für mehr Chancengleichheit sorgen und bereits existierende lokale Initiativen unterstützen: z.B. durch öffentlich zugängliche, transparente Maßnahmen unterschiedliche, auch kleine Akteure dabei zu fördern, effektive Lösungen zu entwickeln und zu skalieren. Bevorzugt sollten offene (im Sinne von Open Source), replizierbare und adaptierbare Lösungen gefördert werden. Regierungen könnten dabei unterstützt werden, neue Kooperationen und Formen der Zusammenarbeit mit innovativen und etablierten Grasswurzel -Akteuren einzugehen.

Die Zukunft liegt in lokalen Bürger-getriebenen Initiativen

Beispiel für soziale Innovation und neue Kooperationsformen ist das Global Innovation Gathering (GIG), ein Netzwerk aus Hubs, Makern und Innovatoren aus aller Welt, das gemeinsam für eine neue Form der internationalen Zusammenarbeit und nachhaltige, soziale Technologienentwicklung steht. Die Mitglieder des Netzwerks engagieren sich dafür, dass in ihren Ländern auf den lokalen Kontext angepasste, relevante Technologien entwickelt statt Einheitslösungen importiert werden. GIG Mitglieder unterstützen sich gegenseitig und setzen sich gemeinsam für die Ziele des Netzwerks ein: „We believe in active citizenship, in doing instead of waiting and in development through grassroot initiatives.“ heißt es in den Statuten des Vereins. Die Mitglieder kommen aus über 40 Ländern. Sie bauen zum Beispiel Makerspaces im Irak auf, leisten Nothilfe mit DIY-Lösungen in Nepal und Syrien, und verändern Lernmethoden an Schulen in Brasilien. Unter ihnen ist die Organisation Field Ready, sie leistet seit Jahren wichtige Nothilfe in Katastrophengebieten, indem sie 3D gedruckte Produkte herstellt. Zum Beispiel in Haiti, wo es nach dem Erdbeben 2010 keine Nabelschnurklammern gab – Field Ready versorgte lokale Kliniken mit ihren selbst gemachten Lösungen. Der Makerspace Kumasi Hive in Ghana arbeitet sowohl mit der technischen Universalität und lokalen Handwerkern zusammen, um Innovationen für Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung lokal zu fertigen und an lokale Bedürfnisse anzupassen. AB3D baut 3D Drucker aus recycelten Materialien.

Entwicklung für alle Seiten

Die ca. 150 Mitglieder des Netzwerkes schaffen offene, innovative Lösungen und Räume für andere, solche zu entwickeln, sie tauschen sich über ihre Arbeit aus und arbeiten an gemeinsamen Projekten. Die Initiative #i4Policy, die von Mitgliedern des Netzwerks ins Leben gerufen wurde, hat zum Ziel Regierungen mit Grassroot-Akteuren zu vernetzen, um ein besseres Verständnis für die Bedürfnisse dieser Akteursgruppe zu entwickeln und angepasste Regulierungen und Rahmenbedingungen für Innovationen zu schaffen. Durch verschiedene eigens entwickelte Formate wie „Policy Hackathons“ findet kreative Zusammenarbeit mit dem Ziel, progressive Innovations-Politik zu fördern unter Akteuren, die sonst nicht aufeinander treffen würden, statt. Damit schafft das Netzwerk neue Austauschformate auf nationaler und internationaler Ebene, Begegnungen „auf Augenhöhe“ und zukunftsgewandte Themen und Projektformate und zeigt den Entwicklungsgesellschaften, dass von einer Entwicklungszusammenarbeit, die lokale Akteure in den Mittelpunkt stellt und es versteht, sich digitaler Technologien zu bedienen, alle Seiten profitieren.

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