Und was kann man damit machen? Diese Frage lauert insbesondere Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen auf, sobald sie den vertrauten akademischen Hafen verlassen. Der wirtschaftliche Nutzen von Poststrukturalismus und Metaphysik ist in der Tat schwer zu vermitteln. Vermutlich ist dies ein Grund dafür, dass Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen sich mit dem Gedanken, einen Job in Kultur, Bildung und Wissenschaft zu finden, wohler fühlen als bei einem Wirtschaftsunternehmen anzuheuern oder etwas ganz anderes zu machen. 

Freilich gibt es eine große Palette an Jobs und Tätigkeitsfeldern in genau diesen Bereichen: Projektmanagement, Marketing, Fundraising, Journalismus, Wissenschaftsmanagement, Lektorat, Beratung, und Eventmanagement sind nur einige wenige Beispiele. Spätestens ein Jahr nach ihrem Abschluss haben die allermeisten Absolvent*innen der Geistes- und Sozialwissenschaften den Einstieg ins Berufsleben geschafft – mit mehr oder weniger Zufriedenheit. Vielleicht freuen sie sich, jeden Morgen zur Arbeit zu fahren. Vielleicht sind sie aber auch nur froh, überhaupt etwas gefunden zu haben. 

Immerhin: Die Frage, was man mit einem geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studium machen kann, ist endlich beantwortet. Oder?

Actually, … no.

Mit einem geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studium kann man noch viel mehr machen. 

Hier eine Auswahl an  eher ungewöhnlichen Berufsbildern: 

  1. Man kann als Fuhrparkmanager und Disponent bei einem Startup für Fahrradlogistik arbeiten. So wie Bernd (Historiker), der eines Tages auf der Straße ein elektrisch betriebenes Lastenrad von Velogista sieht, mit dem Fahrer ins Gespräch kommt und kurze Zeit später gewerbliche Lastentransporte koordiniert und durchführt, Reparaturen im Fuhrpark, die Kommissionierung und Lagerhaltung verantwortet, Touren plant, und Besprechungen mitgestaltet. Hat das noch was mit Geschichte zu tun? – Inhaltlich nicht. Aber die Fähigkeiten eines Historikers, vernetzt zu denken oder die Ursachen für Symptome (zum Beispiel Engpässe in der Lieferkette) zu identifizieren, kommen Bernd täglich zugute. Was er an seinem Job sonst noch mag? Er kann seine Leidenschaft für Fahrräder voll ausleben. Außerdem stimmt die Identifikation mit den Werten und Zielen des Unternehmens: Für die urbane Lebensqualität findet Bernd es sowohl unter ökonomischen als auch ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll, den Lieferverkehr auf elektrische Lastenräder zu verlagern. Er trägt viel Verantwortung, kann sich kreativ austoben und unglaublich viel Neues lernen. 
  2. Man kann ein Tangostudio aufmachen und eine Existenz als Tänzer und Tanzlehrer aufbauen. So wie Rafael (Germanist, Literaturwissenschaftler und Sozialwissenschaftler), der als Abteilungsleiter eines Callcenters von E-Plus innerlich ausbrennt, seine alte Kraftquelle, das Tangotanzen, wiederentdeckt und seine Ansicht überwindet, dass Tangotanzen kein echter Beruf sei. In Wirklichkeit ist Tangotanzen und Tangounterrichten sehr wohl ein Beruf, und zwar ein für Rafael besonders erfüllender. Denn beim Tango geht es um eine Form von Kommunikation, die ohne Worte eine tiefe Verbindung zwischen den Tanzenden entstehen lassen kann. Es geht um einfühlsame Wahrnehmung, um das nahtlose Ineinandergreifen von Führen und Folgen, um den Ausdruck wunderschöner Musik. Es geht um persönliche Entwicklung. In seinem Studio Tangotanzenmachtschön erlebt Rafael jeden Tag, wie beglückend es ist, seine tänzerischen und emotionalen Fähigkeiten an seine Schüler*innen weiterzugeben. Musste er dazu Germanistik studieren? Vielleicht nicht. Dennoch sagt er, dass er durch sein Studium die innere Freiheit entwickelt hat, die ihn immer wieder innehalten lässt und die ihm erlaubt, seinen Neigungen zu folgen – auch wenn es dafür keinen vorgefertigten Pfad gibt. 
  3. Man kann Beraterin und Trainerin für Suchmaschinenoptimierung und -marketing werden. So wie Karin (promovierte Literaturwissenschaftlerin) die während ihres Studiums nebenberuflich EDV-Kurse für Frauen gibt und danach einige Jahre als Projektleiterin einer IT-Firma arbeitet. Karin merkt, dass es nicht der Inhalt ihrer Arbeit ist, der sie unzufrieden macht, sondern die Arbeitskultur. Also macht sie sich mit der kleinen Agentur Webgewandt selbständig und vereint damit das für sie Beste aller Welten: Als ihre eigene Chefin arbeitet sie zu gleichen Teilen allein am Schreibtisch, wo sie das Ranking für die Internetprojekte ihrer Kund*innen optimiert, und erklärt sie in Schulungsräumen Selbständigen und Firmenmitarbeiter*innen, wie sie Social-Media-Tools in ihre Unternehmenskommunikation einbinden können. Ihr im Studium erworbenes Verständnis von Kultur und Gesellschaft prägt auch ihre Herangehensweise an Businessprozesse und HTML-Codes: Es sind alles komplexe Texte, deren Beschaffenheit und Verknüpfung es zu ergründen gilt. 
  4. Man kann eine Firma gründen, die Radarmodule für die Bergbauindustrie entwickelt und verkauft. So wie Christian (promovierter Germanist, Philosoph und Historiker), der mit einem Freund zusammen indurad gründet und heute als Head of Sales & Business Development durch Brasilien, Chile, Kanada, Australien, Indien und China reist. Er selbst spricht von der „verrückten indurad-Idee“ seines Freundes. Verrückt? Die Firma hat heute rund siebzig Angestellte. Christian mag seinen Job. Sein Geschichtsstudium hat ihn befähigt, die Beschreibungen von Problemen seiner Kund*innen wie historische Quellen auszuwerten und zu analysieren, nach Lücken zu suchen, weitere Quellen zu finden. Dadurch ergibt sich dann häufig ein sehr viel umfassenderes Bild des Problems, für das nun eine wirklich passende Lösung gefunden werden kann. Und der Sinn? Abgesehen davon, dass wir alle in höchstem Maße auf Rohstoffe angewiesen sind (Kies, Sand und Kalkstein für den Bau von Häusern und Straßen; Eisen, Kupfer, Kobalt zur Herstellung von Handys und Notebooks; …), sparen die Anlagen von indurad global geschätzt ein Kohlekraftwerk ein. 
  5. Man kann sich als imkernder Freigeist und „stolzer Visitenkarten-Nichtbesitzer“ (O-Ton) mit seiner Partnerin und seinen Kindern einer dreißigköpfigen Gemeinschaft auf dem Land anschließen, die an ihrer Selbstversorgung arbeitet, und die Menschen mit ihren Bedürfnissen nach lebendigem Kontakt, Zugehörigkeit, Ruhe, Kreativität, und Freiheit in den Mittelpunkt des Miteinanders stellt. So wie Johannes (Politik- und Wirtschaftswissenschaftler, Philosoph), der im Laufe mehrerer Jahre bei Teach First Deutschland feststellte, dass das System (öffentliche) Schule immer schmerzhafter mit seinen Werten und Idealen kollidierte: hierarchiefreies und selbstbestimmtes Lernen, echte Wertschätzung von Unterschiedlichkeit, gelebte Demokratie. Weil die Lebenskosten auf dem Land und in einer solchen Gemeinschaft sehr viel geringer als in der Stadt sind, reichen 10-20 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche für Johannes aus. Die füllt er mit verschiedenen Jobs, die ihm Spaß machen und ihm etwas bedeuten: als Office Manager von Frédéric Laloux (Autor von Reinventing Organizations) bearbeitet er dessen Korrespondenz und regelt Termine, als Übersetzer eines Fachbuchs über freies Lernen trägt er zur Wissensverbreitung dieses ihm wichtigen Themas bei, als Imker unternimmt er erste Versuche, und als Prozessbegleiter fährt er ab und zu in die Städte und arbeitet für Stiftungen und NGOs mit großen Gruppen. 
  6. Man kann sich als Bewerbungsberaterin für Spitzenuniversitäten selbständig machen. So wie Katharina (Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin, Philosophin), die nach einigen Berufsjahren erst in der Unternehmensberatung und dann in einem Startup in der Lebensmittelindustrie den Mut findet, eine Idee in die Tat umzusetzen, die sie schon seit ihrem Studium in Oxford nicht mehr loslässt: nicht UK-sozialisierten Schulabsolvent*innen den Zugang zu Oxford, Cambridge & Co. durch ein umfassendes Beratungs- und Begleitangebot erleichtern. Weil Katharina ihre Entscheidung, nach Oxford zu gehen, als die „erste beste Entscheidung ihres Lebens“ betrachtet, erfüllt es sie mit Glück, wenn sie anderen Menschen dabei helfen kann, eine ähnlich tiefgreifende Erfahrung zu machen, die so viele Türen öffnet. Und die zweite beste Entscheidung ihres Lebens? Ganz klar: Oxbridge Bewerbung gründen. 
  7. Man kann auch als Business Intelligence Consultant für einen großen Automobilkonzern arbeiten. So wie Max, promovierter Philosoph, der nach längerer fruchtloser Bewerbungszeit eher zufällig das weite Feld der IT-Datenanalyse entdeckt. Was genau macht Max? Große Unternehmen haben Millionen von Daten – über Produkte, Kund*innen, Finanzen. Diese Daten werden in Datenbanken verwaltet und nach verschiedenen Fragen und Kriterien von Business Intelligence Consultants wie Max so ausgewertet, dass interessante Informationen dabei herauskommen, die den Führungskräften im Unternehmen helfen, faktenbasierte Entscheidungen zu treffen. Im Philosophiestudium hat Max gelernt, logisch zu denken. Er kann mit logischen Operatoren besser umgehen als manch naturwissenschaftlich geprägter Kollege. Der Spaß am Knobeln und am Lösen von schwierigen Problemen begleitet Max bei seiner Arbeit genauso wie im Studium. Nur den Sinngehalt findet er noch nicht so befriedigend. Doch sein Wissen, wie man große Datenmengen gewinnbringend analysiert, ist auch für den wachsenden Bereich sozial und ökologisch motivierter Unternehmen interessant. Somit hat Max unzählige Möglichkeiten, sein Berufsleben in die gewünschten Bahnen zu lenken.

Womit wir wieder bei den Möglichkeiten wären. Sicher können Geisteswissenschaftler*innen nicht alles machen. Für manche Berufe braucht man spezielle Zulassungen und Qualifikationen. Für die allermeisten Berufe ist das allerdings nicht der Fall, weswegen es faktisch unendlich viele Möglichkeiten gibt – auch und gerade für Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen. Der Weg dahin? Über den Tellerrand schauen. Sich in fachfremde Soziotope wagen. Mutige Menschen treffen, und sich von ihnen inspirieren lassen. Von denen gibt es jede Menge. Wirklich wahr. (Übrigens habe ich gerade auf LinkedIn herausgefunden, dass von den drei Gründerinnen von tbd* zwei ebenfalls geisteswissenschaftliche Fächer studiert haben…)

Noch mehr Anregungen zu Übungen für die Jobsuche – und noch mehr Beispiele für mögliche Jobs – findest du in meinem Buch Monster zähmen, das im Mai bei Marta Press erschienen ist. Oder in diesem Interview beim WDR: http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-scala-aktuelle-kultur/audio-wo-sind-die-jobs-fuer-geisteswissenschaftler-100.html 

Über die Autorin

ulrike

Ulrike Schneeberg arbeitet als Trainerin und Coach nicht nur für Geisteswissenschaftler*innen auf Jobsuche, sondern auch mit Maren Drewes und Claire Born im Bereich Organisationsentwicklung und Fördermittelberatung. 

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