ursprünglich erschienen: 31.07.2015

Nachhaltigkeit ist schon lange nicht mehr nur "nice to have", sondern eine dringende Notwendigkeit. Gerade die Generation Y möchte aktiv unsere Welt verändern. Sie stellen sich den globalen Herausforderungen, wie Klimawandel und Resourcenknappheit, und sind sich der Wichtigkeit von Nachhaltigkeit bewusst.  

Genauso wie der Nachhaltigkeitsaktivist und -Blogger Daniel Anthes. In seinem Interview mit Dr. Alexandra Hildebrandt spricht er über die Herausforderungen der heutigen Welt, gescheiterte UN-Gipfel und warum wir 2015 Nachhaltigkeitsgeschichte schreiben. Die Generation Y ist eben doch kein Phantom, sondern die dringend gebrauchten Changer/innen dieser Welt.

Daniel, weshalb ist der Klimawandel für Sie eine der fundamentalsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts?

Mittlerweile ist es wissenschaftlicher Konsens, dass der Klimawandel real ist und der Mensch mit seinem wirtschaftlichen Handeln seit der Industrialisierung entscheidenden Einfluss darauf nimmt. 2014 war das wärmste Jahr seit der Wetteraufzeichnung und die CO2-Konzentration der Atmosphäre ist die höchste seit 800.000 Jahren - mit mehr als 400 Millionen Teilchen pro Millionen wurde dabei vergangenen März ein neues Rekordniveau erreicht.

Die Verbrennung fossiler Energieträger wie Öl, Gas und Kohle gilt als Hauptverursacher dieses Anstiegs und damit der Forcierung der globalen Erderwärmung. Die Auswirkungen für Mensch und Natur sind dabei schon heute zu sehen: schmelzende Gletscher, ansteigender Meeresspiegel, zunehmende Wetterextreme und Schäden an Ökosystemen.

Klar ist mittlerweile auch, dass so die Chancen das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen verschwindend gering geworden sind - und damit auch die Möglichkeit, unseren Planeten vor irreparablen Schäden zu bewahren

Mit der Ressourcenverknappung sind rapides Bevölkerungswachstum, steigender Wohlstand und sich verändernde Konsummuster verbunden. Worin liegen die Ursachen dafür?

Ursächlich ist vor allem der Konsumhunger und damit immense ökologische Fußabdruck in der bereits industrialisierten Welt. Global sind 24 Prozent der Landesflächen von Degradierung betroffen, wobei jedes Jahr weitere 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Erde aufgrund von Erosion, Bebauung, Verdichtung und Ressourcenausbeutung verloren gehen.

Prognosen zufolge übersteigt die globale Nachfrage nach Wasser bis 2030 das heute zur Verfügung stehende Süßwasserangebot um 40 Prozent. Und mit u.a. Kupfer, Wolfram, Tantal, Indium und Zinn werden innerhalb der nächsten Jahrzehnte für eine Bandbreite bedeutender Zukunftstechnologien, wie z. B. Photovoltaik und Elektroauto-Batterien, fundamental wichtige Rohstoffe ausgehen.

Wir brauchen heute schon umgerechnet 1,5 Planeten Erde, um die Ökosystemleistungen bereitzustellen, die wir Jahr für Jahr aufzehren. Dieser „Overshoot" geht zwangsläufig auf Kosten unserer Kinder und Enkelkinder.

Weshalb muss beim Thema Armut und Hunger zuerst das globale Verteilungsproblem gelöst werden?

Das hängt in gewisser Weise direkt mit dem eben Genannten zusammen. Die UN beziffert die weltweite extreme Armut auf 1,2 Milliarden Menschen - d.h. mehr als jeder siebte Mensch muss mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag auskommen. Leider ist auch das Recht auf Zugang zu sauberem Trinkwasser und Sanitäranlagen immer noch kein Universales.

Außerdem leiden weiterhin rund 800 Millionen Menschen unter Hunger, während in den Industrieländern teilweise bis zu 50 Prozent der produzierten Lebensmittel weggeworfen werden.

Wenn man sich in diesem Kontext zum Beispiel die Frage stellt, wie wir die bis 2050 prognostizierten neun bis zehn Milliarden Menschen auf der Welt satt bekommen können, so ist nicht zwingend die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion zu nennen.

Wir können nämlich bereits mit der Menge heute produzierter Lebensmittel mehr als diese zehn Milliarden Menschen satt bekommen.

In der Praxis bedingen die jeweiligen Umstände die Lösung. Während in Schwellen- und Entwicklungsländern der Großteil der Lebensmittel als sog. Ernte- bzw. Nachernteverluste schon am Anfang der Wertschöpfungskette verloren geht, sind es in den Industrienationen vor allem Verluste und Verschwendung beim Konsumenten.

Sowohl Investitionen in Infrastruktur als auch ein geschärftes Bewusstsein beim Verbraucher sind vonnöten, um dieser Vergeudung und damit vermeidbaren Belastung für Mensch und Umwelt Herr zu werden.

Weshalb kann 2015 ein Jahr werden, in dem wir Nachhaltigkeitsgeschichte schreiben?

Viele mögen mich als Idealist, Optimist oder gar Romantiker bezeichnen, wenn ich sage, dass ich die Hoffnung hierfür noch lange nicht aufgegeben habe. Ob in Addis Abeba in puncto Entwicklungsfinanzierung, in New York in puncto weltweit geltender Nachhaltigkeitsziele (SDGs) oder in Paris in puncto globaler Klimaschutz - wir haben in diesem Jahr auf gleich drei großen Bühnen die Chance, uns zu mehr Nachhaltigkeit in der Welt zu verpflichten.

Ich denke, dass die Vorzeichen hierfür zumindest im Hinblick auf die Vorjahre schlechter stehen könnten. Denn ob UN oder G7, große Schwellenländer wie China oder sogar der Papst - wir sehen derzeit mehrfach Bemühungen, das Augenmerk auf die zentralen Herausforderungen wie z. B. den Klimawandel zu lenken.

Und damit kam es in letzter Zeit teils zu historischen Schritten in die richtige Richtung, sei es das Abkommen zwischen den USA und China bzgl. ehrgeizigerer Klimaschutzziele oder das Vorhaben der G7 zur Dekarbonisierung der Weltwirtschaft. Wichtig ist nun, dass diesen Versprechen auch ernstgemeinte Taten folgen.

Skeptiker verweisen auf frühere UN-Gipfel, die nicht annähernd die an sie gestellten Erwartungen erfüllen konnten...

... und das ist sicherlich nicht unbegründet. Sie spielen hier wahrscheinlich auf die Klimakonferenz in Kopenhagen aus dem Jahr 2009 an. Aber man darf eben auch nicht immer nur auf die große Politik oder irgendwelche Wirtschaftsriesen schimpfen und sonst nichts unternehmen. Denn es ist letztlich nicht immer nur die große politische Bühne vonnöten, um etwas zu bewirken.

Jeder kann mit seinem individuellen Handeln einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten.

Aus Erfahrung weiß ich, dass hier gerade Nichtregierungsorganisationen und Vereine - oft nahezu unbemerkt - viel auf lokaler Ebene anstoßen und damit zu wirklichem Wandel beitragen - ganz nach dem Motto „Veränderung beginnt mit dir".

Können Sie ein konkretes Beispiel aus Ihrem Umfeld nennen?

Ein mittlerweile von der Bundesregierung ausgezeichnetes Beispiel hierfür ist ShoutOutLoud, ein in Frankfurt ansässiger Verein, der sich im Rhein-Main-Gebiet im Bereich Nachhaltigkeit und ökologische Tragfähigkeit engagiert. Seit einiger Zeit arbeite ich als Vorstandsmitglied des mehr als 20 Personen starken Vereins unmittelbar an der Planung, Kommunikation und Durchführung mit.

Dabei beschäftigen wir uns u.a. mit den Themen Lebensmittelverschwendung und Plastikabfall. Denn letztlich sind dies zwei mögliche und dabei im Alltag zentrale Stellschrauben, anhand derer jeder Einzelne auf einfachste Art und Weise den Druck auf unsere weltweiten Naturressourcen verringern kann.

Dazu braucht es Bewusstseinsbildung...

Ja, das ist definitiv vielfach noch der Knackpunkt. Denn oft werden die Implikationen und damit nicht-sichtbare Bedeutung des eigenen Konsums unterschätzt.

Was bringt es, wenn ich mich anstelle des Discounter-Hackfleisches für das des Bio-Metzgers entscheide und dabei meinen Fleischkonsum auf einmal pro Woche beschränke? Was macht es für einen Unterschied, wenn meine T-Shirts nur fünf Euro oder das Vierfache kosten? Und natürlich brauche ich jedes Jahr das neue iPhone!

Leider ist immer noch vielen Menschen nicht wirklich bewusst, dass sie durch ihre Nachfrage indirekt die Art und Weise mitgestalten, auf welche die Wirtschaft funktioniert.

Weshalb ist für Sie Nachhaltigkeit' kein „nice to have" mehr, sondern bittere Notwendigkeit?

Ein Wirtschaftssystem, das ausschließlich monetäres und materielles Wachstum anstrebt, wird nicht mehr funktionieren. Wir müssen grundlegend überdenken, wie wir die uns zur Verfügung stehenden Naturressourcen nutzen.

Um das globale Verteilungsproblem zu lösen, bedarf es einem prinzipiellen Wandel hin zu nachhaltigeren Produktions- und Konsummustern vor allem in der industrialisierten Welt.

Klar ist aber auch, dass es ein Patentrezept oder Masterplan für die gleichzeitige Lösung aller Herausforderungen und Probleme nicht gibt. Doch es gibt definitiv Ansätze, die uns als Gesellschaft auf den richtigen Kurs bringen können.

Es ist jedoch unabdingbar, dass hier alle Akteure am gleichen Strang ziehen - sowohl Regierungen, als auch Privatsektor und Zivilgesellschaft. Multistakeholder-Ansätze sind fraglos die Lösung des Problems.

Nachhaltigkeit ist eben nicht mehr nur die Predigt der politischen Grünen oder Greenpeace-Aktivisten - sie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und deshalb auch oben auf der politischen und wirtschaftlichen Agenda.

Um hier aber eine revolutionäre Stoßrichtung hin zu Wandel mit Wirksamkeit der Renaissance zu entfalten, bedarf es dem authentischen, ernst gemeinten und vor allem kohärenten Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit - von allen!

Dieses Interview stammt von Dr. Alexandra Hildebrandt und erschien ursprünglich hier

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