Gastbeitrag von 7Mind.

Jeder kennt das Phä­no­men: Zehn Minu­ten im War­te­zim­mer können uns wie eine halbe Ewig­keit vor­kom­men. Wenn wir mor­gens auf die Snooze-Taste unse­res Weckers drü­cken, ver­ge­hen die Minu­ten jedoch wie im Flug. Je nach Akti­vi­tät, scheint sich die Zeit kom­plett anders anzu­füh­len, manch­mal fließt sie zäh dahin, wäh­rend sie in ande­ren Momen­ten kaum auf­zu­hal­ten ist. Trotz­dem ist eine Minute immer nur sech­zig Sekun­den lang und ein Tag hat immer 24 Stun­den. 

Ist Zeit ein­fach Kopf­sa­che oder hängt sie von unse­rer Beschäf­ti­gung ab? Wir fassen zusam­men, was Exper­ten zum Thema Zei­t­emp­fin­den her­aus­ge­fun­den haben und geben eine mög­li­che Ant­wort auf die Frage, wieso wir immer das Gefühl haben, nicht genug Zeit zu haben. Und das obwohl Smart­pho­nes und moderne Trans­port­mit­tel eigent­lich ver­spre­chen, Zeit zu sparen. Begin­nen wir mit einer klei­nen Zeit­reise in die Kind­heit. 

Gefühlte Zeit: Eine Frage des Alters?

Kannst du dich noch an die Som­mer­fe­rien wäh­rend der Schul­zeit erin­nern? Endlos warme Tage, Nach­mit­tage im Frei­bad, sechs Wochen Frei­heit. Als Kind kam uns der Sommer ewig vor. Mit zuneh­men­dem Alter haben wir immer mehr das Gefühl, die Jahre würden nur so an uns vor­bei­rau­schen. Für dieses Phä­no­men gibt es mitt­ler­weile eine wis­sen­schaft­li­che Erklä­rung. In seinem Buch ​„Gefühlte Zeit: Kleine Psy­cho­lo­gie des Zei­t­emp­fin­dens“ erklärt der kli­ni­sche Psy­cho­loge Marc Witt­mann das sub­jek­tive Zei­t­emp­fin­den wie folgt: Zeit­wahr­neh­mung ist para­dox. Wenn wir viel Neues erle­ben, ver­geht die Zeit für uns sehr schnell. Wenn wir uns rück­bli­ckend aber an all die neuen Ereig­nisse erin­nern, erscheint uns die ver­gan­gene Zeit plötz­lich sehr lang. Je mehr Neues und vor allem Emo­tio­na­les wir erle­ben, desto länger erscheint uns der Zeit­raum im Nach­hin­ein. ​„Neu­ar­tige Erleb­nisse dehnen im Rück­blick die Zeit“, erklärt Wittmann. Als Kinder begeg­nen wir der Welt deut­lich offe­ner, wir lernen noch viel mehr dazu, machen neue Erfah­run­gen oder fahren viel­leicht das erste Mal bewusst in den Urlaub. Des­halb schei­nen die Sommer unse­rer Jugend rück­bli­ckend so endlos lang. Aus der Entwick­lungs­psy­cho­lo­gie ist eben­falls bekannt, dass man im Alter weni­ger offen für Neues ist. Je mehr wir schon selbst erlebt haben, desto weni­ger neu erscheint uns die Welt. Das ist der Grund, warum uns die Zeit heute zwar aus­ge­dehnt erscheint, wir rück­bli­ckend aber das Gefühl haben, die Jahre wären unglaub­lich schnell ver­gan­gen.

Nidal Toman von der Ber­li­ner Cha­rité beschreibt das Phä­no­men der ​“Inne­ren Zeit” eben­falls als alters­ab­hän­gige Erfah­rung, die außer­dem durch das soziale und beruf­li­che Umfeld geprägt ist. Das bedeu­tet auch, dass uns rou­ti­ne­mä­ßig ver­brachte Zeit, zum Bei­spiel an einem ereig­nis­lo­sen Bürotag, teil­weise sehr lang vor­kommt. Am Ende des Tages fragen wir uns manch­mal, was wir eigent­lich den ganzen Tag gemacht haben, und die ver­brachte Zeit erscheint plötz­lich wieder als sehr kurz. Unser Zei­t­emp­fin­den hängt also eben­falls von unse­rer Stim­mung wäh­rend des Tages ab und ob wir ihn als lang­wei­lig oder beson­ders auf­re­gend emp­fin­den. 

Unser Zei­t­emp­fin­den wird also maß­geb­lich von der Menge an neuen Ereig­nis­sen in unse­rem Leben bestimmt. Wie hat sich unser Gefühl für Zeit mit der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­tion ver­än­dert? Schließ­lich erhal­ten und ver­ar­bei­ten wir täg­lich sehr viel mehr Infor­ma­tio­nen als bei­spiels­weise unsere Groß­el­tern. 

Zeit­knapp­heit als Lebens­ge­fühl

Durch den Fort­schritt der Tech­nik, den Gebrauch von Smart­pho­nes und die damit ein­her­ge­hende Erreich­bar­keit stehen wir stän­dig unter Strom. Die klei­nen ​“Zeit­spa­rer” des All­tags nennen sich Power­napping, Fast Food oder Speed-Dating und werden durch Smart­wat­ches und Apps sogar noch per­fek­tio­niert. Tat­säch­lich sparen wir Zeit an allen Ecken, schließ­lich können wir per App das Abend­es­sen lie­fern lassen, den Urlaub buchen oder das nächste Date ken­nen­ler­nen. Autor Rafael Ball sagt, dass durch den Gebrauch neu­es­ter Tech­nik auch ein ganz neuer Zeit­be­griff ent­stehe und beschreibt in seinem Buch ​“Die pau­sen­lose Gesell­schaft” den moder­nen Men­schen wie folgt: ​“Der moderne Mensch fährt Zug, tippt dabei seine Chat-Nach­rich­ten, hört Musik und liest dazu noch in einer Gra­tis­zei­tung. Diese Gleich­zei­tig­keit erlaubt einen unglaub­li­chen Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wachs”. Pro­duk­ti­vi­täts­zu­wachs klingt gut, trotz­dem scheint die Zeit nie aus­zu­rei­chen. Und der Tag ist immer noch nicht länger als 24 Stun­den. 

Der Sozio­loge und Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Hart­mut Rosa sieht das Problem in unse­rer Psyche begrün­det, die dem wach­sen­den Lebenstempo nicht gewach­sen sei. Bur­nout und Depres­sio­nen seien die Folge der über­schleu­nig­ten Zeit, die letzt­lich eher zu einer Ent­frem­dung von der Welt führe. In einem Inter­view mit der Wirschaftswo­che stellt er sich die Frage, wo die ein­ge­sparte Zeit hin­fließt, die wir seit der Erfin­dung der Mikro­welle, des Fahr­stuhls und dem Flug­zeug ein­spa­ren. So müss­ten wir dank neu­es­ter Tech­nik eigent­lich im Zeit­wohl­stand leben. Warum sie uns trotz­dem davon läuft, erklärt der Wis­sen­schaft­ler an einem ein­fa­chen Bei­spiel: ​“Wenn ich heute statt zehn Brie­fen zehn E-Mails schreibe, spare ich etwa die Hälfte der Zeit: Früher habe ich eine Stunde gebraucht, heute eine halbe. Macht eine halbe Stunde mehr Frei­zeit. Das Pro­blem besteht nun darin, dass die Wachs­tums­rate meiner Kom­mu­ni­ka­tion über ihrer Beschleu­ni­gungs­rate liegt – dass ich statt zehn Brie­fen heute zwan­zig Mails schreibe, das heißt: Ich brau­che wieder eine Stunde”. Wie kommen wir raus aus dem Teu­fels­kreis der zuneh­men­den Beschleu­ni­gung? Eine mög­li­che Ant­wort: Mach mal lang­sam. 

Die neue Lang­sam­keit

Slow-Food, Slow-Tra­vel­ling, Slow-Busi­ness – Lang­sam­keit ist Trend, privat und beruf­lich. Zukunfts­for­scher Mat­thias Horx ist eben­falls der Mei­nung, dass in unse­rer moder­nen Gesell­schaft ein hohes Bedürf­nis nach Lang­sam­keit bestehe. So sagte er gegen­über der Deut­schen Presse-Agen­tur, dass sich der Slow-Trend in vielen Berei­chen durch­set­zen wird, mit dem Ziel, eine höhere Lebens­qua­li­tät zu errei­chen. Horx nennt außer­dem die moderne Acht­sam­keit als einen großen kul­tu­rel­len Trend, der sich vor allem in der Arbeits­welt durch­set­zen werde, da er auf Koope­ra­tion, Moti­va­tion und Nach­hal­tig­keit setze. Das Zukunfts­in­sti­tut, eines der ein­fluss­reichs­ten Think Tanks der euro­päi­schen Trend­for­schung, beschreibt Acht­sam­keit als ​“Ablen­kungs- und Auf­merk­sam­keits­diät”. Dazu gehöre auch, wieder gedul­di­ger zu werden, sich Zeit zu nehmen, die Zeit auch mal anzu­hal­ten und bewusst den Moment zu genie­ßen – egal in wel­cher Situa­tion. ​“Wenn man in all­täg­li­chen Situa­tio­nen – an der Bus­hal­te­stelle, beim Arzt, beim Auto­fah­ren – den Geist auf­merk­sam wach hält, ohne stän­dig an seinem Smart­phone zu fum­meln, hat man schon einen gewal­ti­gen Schritt zur Frei­heit geschafft”, so eine Emp­feh­lung auf der Web­site des Insti­tuts. 

Die For­schung im Bereich der Zeit­wahr­neh­mung zeigt deut­lich, dass das Zei­t­emp­fin­den indi­vi­du­ell, sowie gesell­schaft­lich und poli­tisch bestimmt wird. Gesell­schaft und Poli­tik können zwar den Takt, Wochen­ar­beits­zei­ten oder Fei­er­tage bestim­men, was wir mit dem Rest unse­rer Zeit anfan­gen, bleibt aber uns selbst über­las­sen. Ob wir uns über den ver­spä­te­ten Zug oder das volle War­te­zim­mer ärgern oder genau diese Zeit ganz bewusst nutzen, ist unsere Ent­schei­dung. Eines ist sicher, all diese Momente sind Lebens­zeit. Wie willst du sie ver­brin­gen?

Im Online-Magazin von 7Mind erscheinen wöchentlich neue Artikel und Impulse rund um die Themen Achtsamkeit und Meditation. Das Team liefert aktuelle Denkanstöße, gepaart mit wissenschaftlich fundierten Fakten zu Schwerpunkten wie Erfolg, Arbeit, Glück und Beziehungen.