Stadt oder Land ist eine Typfrage – und bleibt nicht ohne Folgen. Wie das Stadtleben unser Gehirn beeinflusst und wie Du konstruktiv mit den Herausforderungen der Urbanität umgehst, zeigen wir Dir hier.

Sieht man sich in Zeitschriftenläden um, hat man den Eindruck, das neue Trendviertel sei das Land – die Magazine zum Landleben, Garten gestalten und Leben im Grünen sind zahlreicher denn je. Doch diese Zeitschriften beschreiben keinen tatsächlich gelebten Trend, sondern sind eher Ausdruck einer Sehnsucht. Denn mehr denn je ziehen Menschen in die Städte: auf der Suche nach besseren beruflichen Chancen, für eine bessere Ausbildung an renommierten Universitäten oder auch, um der bisweilen bedrückenden Enge eines kleinstädtischen Lebens und seinem geringen kulturellen Angebot zu entkommen.

Doch für viele Menschen, die in ländlicher Umgebung aufgewachsen sind, bringt der Umzug in eine Großstadt vielfältige Herausforderungen mit sich: Viele fühlen sich überfordert vom Gedränge der Menschen, der engen Bebauung, dem fehlenden Grün, dem hohen Lärmpegel und den Gerüchen. Dass einzelne Faktoren wie Lärm oder Luftverschmutzung unsere Gesundheit schädigen kann, ist mittlerweile wissenschaftlich gut belegt. Doch wie wirkt sich das Stadtleben allgemein auf den Menschen aus? Sind nicht gerade die Vielfalt an kulturellen Angeboten, Freizeitmöglichkeiten, die mit der größeren Anonymität höhere Toleranz für diverse Lebensstile befreiend? Oder wiegen doch die Nachteile schwerer?

Diesen Fragen widmet sich neuerdings eine interdisziplinäre Forschungsdisziplin: die Neurourbanistik. Das von dem an der Berliner Charité arbeitenden Stressforscher Mazda Adli und der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft initiierte Forum verknüpft Neurologie, Sozialwissenschaft, Architektur und Stadtplanung. Sie wollen herausfinden, was genau „Stadtstress“ ausmacht und wie er sich auf den Menschen auswirkt – und wie man sowohl individuell als auch strukturell die negativen Auswirkungen mindern kann.

Was ist Stress?
Stress ist ursprünglich ein neutrales Wort, das lediglich die Einwirkung einer Belastung beschreibt. Man unterscheidet Eu-Stress (guten Stress) und Disstress (schlechten Stress). Eu-Stress ist die beflügelnde Wirkung, die man bei Herausforderungen wie einem sportlichen Wettkampf erlebt. Disstress empfindet man in Situationen, denen man sich nicht gewachsen fühlt. Stress ist eine Reaktion, die immer auch körperliche Merkmale aufweist: in einer akuten Stresssituation werden die Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol ausgeschüttet. Lässt die akute Bedrohung nach, wird das Adrenalin schnell wieder abgebaut. Der Kortisolspiegel hingegen bleibt länger erhöht, um die Wachsamkeit aufrechtzuerhalten. Diese Alarmbereitschaft lässt den Blutdruck und den Blutzuckerspiegel steigen und beeinflusst den Gehirnstoffwechsel. Stehen wir unter Dauerstress, bleibt der Kortisolspiegel konstant erhöht, was sich gesundheitlich negativ auswirken kann.

Stadtstress und seine Wirkung auf Dein Gehirn

Ausgangspunkt der Forscher waren Studien, die belegten, dass Stadtbewohner ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen aufwiesen, v.a. Depressionen, Angsterkrankungen und Schizophrenie.

In einem ersten Experiment konnte die Gruppe um Adli feststellen, dass bestimmte Hirnregionen bei Stadt – und Landbewohnern unterschiedlich entwickelt sind.

Der sogenannt vordere zinguläre Kortex und die Amygdala (Mandelkern) sind für die Emotionsverarbeitung unter Stress zuständig.

Die Amygdala verarbeitet negative Emotionen, Gefühle von Bedrohung und verknüpft aus der Umwelt aufgenommene Informationen mit Gefühlen. Zusätzlich beeinflusst sei die Stresshormonregulierung, die einen entscheidenden Anteil bei der Entstehung von Depressionen und Angsterkrankungen hat. In den Versuchen konnte nachgewiesen werden, dass die Amygdala umso aktiver ist, je größer die Stadt ist, ist der der Proband wohnt.

Die Aktivität der zweiten Hirnregion, des vorderen zingulären Kortex, wiederum ist davon abhängig, wie lange jemand in der Stadt aufgewachsen ist. Dieser Teil des Gehirns ist hauptsächlich für Stressverarbeitung zuständig und besonders empfindlich gegenüber der Ausschüttung von zu großen Mengen des Stresshormons Kortisol.

Diese beiden Areale sind unterschiedlich stark verknüpft, je nachdem, wo man aufgewachsen ist. Ursache für die verschiedenen Verknüpfungen ist vor allem sozialer Stress.

Auch die „graue Substanz“ weist unterschiedliche Größen abhängig vom Ort des Aufwachsens auf. Trotz des unscheinbaren Namen ist die graue Substanz extrem wichtig: sie enthält die Zellkörper und –kerne der Nervenzellen und ist für sämtliche Verarbeitungsprozesse zuständig. In ihr werden Emotionen gesteuert, Impulse kontrolliert und Handlungen geplant. Bei Menschen, die in der Stadt aufgewachsen sind, ist die graue Substanz kleiner – eine Größenveränderung, die auch bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Depressionen und bipolaren Störungen auftritt.

Doch keine Angst: nicht jeder Stadtmensch landet deswegen zwangsläufig beim Therapeuten! Die Versuche zeigen aber, dass die unterschiedlichen Umfelder Spuren im Gehirn hinterlassen. Vor allem die Stressverarbeitung ist bei in der Stadt aufgewachsenen Menschen viel ausgeprägter: das System hat feinere Antenne entwickelt und springt schneller auf Stressreize an, es ist quasi stärker konditioniert.

Die Stadt als Stressursache

Eine sensiblere Reaktion auf Stressreize heißt aber nicht, dass automatisch jeder Städter auch unter Stress leidet.

Stressoren gibt es in einer Stadt zu Haufe: Verkehrs-, Bau- und Nachbarslärm; Luftverschmutzung; enges Aufeinandersitzen mit Fremden bei gleichzeitiger Anonymität, wenig Grün, viel Licht, das den Tag- und Nachtrhythmus durcheinander bringen kann, aber auch scheinbar positive Aspekt wie ein reichhaltiges Kulturangebot und zahlreiche Freizeitmöglichkeiten können sich stressend auswirken.

Wie beschrieben, entsteht Stress v.a. in Situationen, denen wir uns hilflos ausgeliefert fühlen. Doch auch in einer Stadt kannst Du bestimmte Strategien nutzen, die Dich etwas „immuner“ gegen verschiedene Stressoren machen. Das Schlüsselwort heißt Aneignung: wer sich selbst aktiv eine Stadt erobert, fühlt sich den verschiedenen Einflüssen weniger ausgeliefert.

5 Skills, die Dein Leben in der Stadt entstressen

  1. Umgang mit Einsamkeit und Anonymität: Selbst gewähltes Alleinsein tut manchmal gut – zum Gedanken sortieren und abschalten. Doch gerade in einer neuen Stadt kann Alleinsein unter vielen Menschen schnell ins Gegenteil umschlagen und man fühlt sich einsam. Was Du tun kannst: falls Du ein WG-Mensch bist, ist das in einer neuen Stadt natürlich der schnellste Weg, um Anschluß zu finden. Falls nicht, such Dir erstmal die Wohnung in einer belebteren Gegend mit Cafés oder öffentlichen Plätzen. So hast Du kürzere Wege, um Dich ins Getümmel zu stürzen, wenn Dir die Decke auf den Kopf fällt. Wer vom Land kommt, kennt das: irgendwer sieht Dich immer und erzählt Dienen Eltern, mit wem DU wann wo warst. Die soziale Kontrolle ist umso enger, je kleiner das Dorf. Gerade wenn man einen etwas unkonventionellen Lebensstil pflegt, ist es in der Stadt meist einfacher, sich auszuleben ohne ständig auf Widerstand zu stoßen. Doch die Anonymität kann auch belasten. Was hilft: sich Gleichgesinnte suchen. Mittlerweile gibt es Online jede Menge Möglichkeiten, sich kennenzulernen und Interessierte zu einem bestimmten Thema zu finden. Radikaler erster Schritt: sich beim Einzug den Nachbarn vorstellen!
  2. Mobilitätskompetenz: es reduziert den Stress im alltäglichen von A nach B zu kommen,  wenn man möglichst viele Verkehrsmittel nutzen kann. Probier verschiedenen Alternativen und Kombinationen aus Rad, Bus, Carsharing, Taxi etc. aus. Wenn Du ein Monatsticket o.ä. für den lokalen ÖPNV hast, setzt Dich einfach mal in eine Bus- oder Bahnlinie und fahr die Strecke ab. So hast Du die Stadt auch geographisch schneller im Kopf.
  3. Komplexitätstoleranz: die Vielfalt einer Stadt lehrt uns, dass die Dinge selten schwarz oder weiß sind. So ist es auch mit Teilen der Stadt. Ein Park kann tagsüber eine grüne Erholungszone sein, aber nachts ein Treffpunkt von Drogenabhängigen, den man besser meidet. Viele Einkaufsmöglichkeiten sind praktisch, ziehen aber auch größere Menschenmengen an. Lass Dich auf diese Widersprüche ein und akzeptiere sie als Teil Deines neuen Umfelds.
  4. Psychische Flexibilität: gerade in Großstädten bleibt nichts wie es ist. Permanent wird abgerissen, renoviert, wieder aufgebaut, umgebaut, neu gestaltet, umgezogen. Auf dem Weg zur Arbeit gerät man an eine gesperrte Straße, muss Umwege suchen; die Nachbarn wechseln häufig; die zahlreichen Freizeitangebote erfordern Entscheidungsstärke und Flexibilität. Wer sich spontan bei einer abgesagten Veranstaltung freut, dass er jetzt Zeit hat, eine neue Bar zu besuchen, gewinnt durch diese Flexibilität. Zudem lernt man, dass man Situationen umdeuten und umgestalten kann und nicht allem ausgeliefert ist.
  5. Onlinekompetenz: auch wenn digitale Enthaltsamkeit angeraten wird und man sich Auszeiten von den Onlineaktivitäten gönnen sollte, sind gerade Apps im Großstadtdschungel extrem hilfreich. Anwendungen wie Google Maps, Apps des ÖPNV, Veranstaltungstipps, Restaurantempfehlungen etc. helfen Dir, Dich auch spontan zurecht zu finden, wenn mal was dazwischen kommt, erleichtern den Zahlungsverkehr, wenn mal wieder ein Fahrkartenautomat abgebrannt ist. Und was auch immer man von Apps wie Tinder halten mag, aber auch sie erleichtern eine gewisse „Eroberung“ des Stadtlebens im sozialen Umfeld. 

Die Neurourbanistik als interdisziplinäres Forschungsfeld möchte weiter forschen und ihre Ergebnisse für eine stressfreiere und dem Menschen angepassten Stadentwicklung nutzen. Das wird noch etwas dauern, aber mit unseren Tricks kannst Du Dir selbst ein entspannteres Umfeld schaffen!