Gesundes Neues!?

Warum man seinen Mitmenschen vielleicht etwas anderes wünschen sollte.

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von Anne Gersdorff und Milena Ferenschild, January 24, 2023
Warum man seinen Mitmenschen vielleicht etwas anderes wünschen sollte.

Mit unserer Belonging Kolumne möchten wir gemeinsam mit unseren Freund*innen von LichtBlick den Themen Antidiskriminierung, Belonging und Intersektionalität am Arbeitsplatz mehr Raum und Sichtbarkeit geben. Unsere Kolumnist*innen für das Jahr 2023 sind die engagierten Aktivist*innen von SOZIALHELDEN e.V. mit dem Themenschwerpunkt Behinderung & Intersektionalität am Arbeitsplatz. Durch Artikel, Interviews und verschiedene Perspektiven wollen wir uns und alle, die im Impact-Sektor arbeiten herausfordern und inspirieren. Und gleichzeitig ermutigen, authentisch gelebte Arbeitsbereiche zu schaffen, die Zugehörigkeit fördern und Diskriminierung reduzieren. Indem wir neue Perspektiven gewinnen und einen gemeinsamen Dialog führen können wir einen kollektiven Schritt in Richtung eines radikalen Systemwandels im Impact-Sektor gehen – von „Macht über“ und „Macht für“ zu „Macht mit“.

Stell dir vor, du stehst morgens auf, machst dir dein histaminarmes, weizenfreies Frühstück, trinkst einen Heilkräutertee, nimmst deine Medikamente und gehst aus dem Haus. Du fährst ins Büro, kommst dort an, ziehst deine Jacke aus, drehst dich um; vor dir steht dein*e Kolleg*in: “Gesundes Neues Jahr!” Gesund? Da musst du erstmal schlucken, denn gesund fühlst du dich nicht. Dein*e Kolleg*in meint es ja nur gut, oder? 

 

Gerade seit Beginn der Pandemie wurde der Wunsch “Bleib gesund” inflationär verwendet. Implizit gemeint ist damit: Steck’ dich nicht mit Covid-19 an. Viele Menschen sind aber auch ohne Covid-19 nicht gesund, weil sie beispielsweise chronisch erkrankt sind. Chronische Erkrankungen kann man oft nicht sehen, denn sie erfordern nicht zwingend einen Rollstuhl, eine Prothese oder Hörgeräte. Außerdem werden sie oft gesellschaftlich nicht beachtet oder klein geredet. Viele chronische Erkrankungen führen aber wiederum zu Behinderungen. Aber sind Behinderungen und Krankheit nicht das Gleiche? Beide Begriffe werden häufig synonym verwendet. Diese Sichtweise, Behinderung in Verbindung mit Krankheit zu setzen, ist das medizinische Modell von Behinderung. Der Fokus liegt dabei auf Diagnosen bzw. den körperlichen Funktionen eines Menschen. Viele behinderte Menschen bevorzugen aber das menschenrechtliche oder soziale Modell von Behinderung. Das menschenrechtliche Modell von Behinderung zieht gezielt den Staat und die Zivilgesellschaft in die Verantwortung, Bedingungen so zu schaffen, dass Menschen mit Behinderungen überall teilhaben können. In der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK) ist dieser Anspruch wie folgt formuliert:: “Behinderung (entsteht) aus der Wechselwirkung zwischen Menschen mit Beeinträchtigungen und einstellungs- und umweltbedingten Barrieren (...)”. Das soziale Modell von Behinderung besagt, dass die Umwelt sowie die gesellschaftlichen Bedingungen dazu führen, dass Menschen behindert werden. Behinderung ist also nicht gleichzusetzen mit Krankheit, denn uns behindert nicht, dass wir schlecht sehen (Beeinträchtigung), sondern, dass Websites von Unternehmen oft nicht barrierefrei sind oder, dass Präsentationsfolien in Meetings nicht lesbar sind, weil schlechte Kontraste verwendet werden oder die Schrift zu klein ist. (Behinderung).

Es ist also häufig unklar, ob eine Person eine Erkrankung hat oder mit einer Behinderung lebt. Ein “Gesundes neues Jahr!” zu wünschen, kann für eine Person unter Umständen verletzend sein. Wir manifestieren damit ein Bild von Gesundheit als Norm, in der chronisch kranke, psychisch beeinträchtigte und behinderte Menschen keinen Platz finden und nicht berücksichtigt werden. Diese universelle, vermeintlich gesunde Norm führt dann zu Ableismus. Ableismus bezeichnet die Diskriminierung auf Grund von körperlichen, psychischen und kognitiven Fähigkeiten und die Strukturen, die diese Diskriminierung verstärken oder begünstigen. Diese Strukturen nennen wir meistens Barrieren. In Deutschland waren 2019 deshalb 43% der Menschen mit Behinderungen nicht imArbeitsmarkt integriert. Dabei sind sie oftmals höher qualifiziert als Arbeitssuchende ohne Behinderung. Frauen mit Behinderungen sind von dieser Diskriminierung besonders betroffen. In Deutschland leben außerdem 40% der Bevölkerung mit einer chronischen Erkrankung. Es ist also höchste Zeit, sich auch in Unternehmen umfassend mit dem Thema zu beschäftigen..

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen steht, jeder Mensch habe das Recht auf einen Lebensstandard, der Gesundheit und Wohlergehen gewährleistet. Dort ist auch das Recht auf Arbeit, freie Berufswahl, angemessene Arbeitsbedingungen etc. festgehalten. In der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht: “Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.” Aaron Antonovskys Modell der Salutogenese besagt aber, dass Gesundheit kein Zustand, sondern ein dynamischer Prozess sei. Es ist also sehr viel komplexer, als die Kategorien gesund vs. krank und nicht behindert vs. behindert auf den ersten Blick vermuten lassen. Umso wichtiger ist es deshalb, unsere eigene Kommunikation und die des Unternehmens, in dem wir arbeiten, zu überdenken und in Fragen zu stellen. Wir müssen ein Klima schaffen, in dem es in Ordnung ist, krank oder nicht immer 100% leistungsfähig zu sein. Wenn wir Barrieren abbauen wollen, müssen wir das  baulich umsetzen (Rampen, Aufzüge, Leitsysteme etc.), aber auch ethisch. Wir müssen ganzheitlich umdenken. Wir könnten uns stattdessen am Arbeitsplatz beispielsweise ein schönes, glückliches, frohes, stressfreies oder sonniges Neues Jahr wünschen. Damit ist in Sachen Inklusion noch lange nicht alles erreicht - die Auseinandersetzung mit dem Thema und ein Bewusstsein für ableistische Strukturen können aber helfen, Arbeitsplätze zu angenehmeren, respektvolleren, rücksichtsvolleren Orten zu machen.

Anne Gersdorff ist für die Organisation SOZIALHELD*INNEN e.V. als Referentin für das Projekt JOBinklusive tätig. Dort bringt sie Arbeitgeber*innen, Ausbilder*innen und Aktivist*innen zusammen, um mehr Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Zuvor unterstützte sie als Sozialarbeiterin Menschen mit Behinderungen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt lernten und arbeiteten. Sie setzt sich für ein selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen und für eine inklusive Gesellschaft ein.

anne gersdorf

Foto: Andi Weiland

 

Milena Ferenschild ist Heilpädagogik Studentin und macht gerade ihr Praxissemester bei den Sozialheld*innen. Sie lebt derzeit in Berlin. Sie hat eine Sehbehinderung und arbeitet mit technischen Hilfsmitteln. Außerdem hat sie Endometriose, eine gar nicht so seltene chronische Erkrankung bei Personen mit Gebärmutter, und beschäftigt sich deshalb gerne mit intersektionellem Feminismus.

Milena Ferenschild

Foto: Andi Weiland

 

Die Sozialheld*innen setzen sich für mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderungen ein. Sie bezeichnen sich auch als konstruktive Aktivist*innen. Ihr Team besteht aus Medienschaffenden, Kommunikateur*innen, IT-Spezis und vielen weiteren kreativen und engagierten Menschen, die nach dem Motto “einfach mal machen” handeln. Mit über 15 Projekten arbeiten die Sozialheld*innen am sogenannten Disability Mainstreaming und wurden bereits vielfältig ausgezeichnet.

Foto: Andi Weiland

 

Hier könnt ihr mehr Artikel aus unserer Belonging Kolumne lesen: https://www.tbd.community/de/t/tobelonging