ursprünglich erschienen: 25.06.2014

In unserer Interviewserie sprachen wir mit Gerald Dissen, Gründer von Room in a Box. Room in a Box hat es sich zum Ziel gemacht den Wohnraum mit fair und nachhaltig produzierten Möbel zu gestalten. Im Interview spricht Gerald darüber wie die Idee entstanden ist und was Innovation wirklich ausmacht...

Lieber Gerald, wolltest Du immer im sozialen/grünen Sektor arbeiten? Hast Du auch Erfahrungen in anderen Sektoren gesammelt?

Ich war mir lange Zeit überhaupt nicht sicher, wie ich langfristig meine Brötchen verdienen will. Geholfen hat mir dann der Zufall. Dieser kam an einem Donnerstag im April 2011 vorbei. Da sah ich mich auf einem Kartonhocker auf einer Nachhaltigkeitsmesse sitzen. Zuvor hatte ich schon eine Ausbildung zum Bankkaufmann, einen BA in Wirtschaftswissenschaft und eine Zusatzausbildung in Design Thinking hinter mich gebracht, die mich sehr gut gelehrt haben, womit und vor allem auch - womit nicht - ich mich in meinem Leben beschäftigen möchte. Im Laufe meines Studiums konnte ich in verschiedene Initiativen und Startups herein schnuppern, zum Beispiel in die Oikos-Winterschool an der Uni Witten, hatte jedoch immer meine Vorbehalte, die mich davon abgehalten haben, mich mit einer Sache gemein zu machen. Das alles hat sich an dem besagten Donnerstag geändert, als ich auf einmal auf diesem Kartonstuhl saß. Mittlerweile arbeiten wir jetzt seit 12 Monaten mit voller Kraft an ROOM IN A BOX. Es ist richtig, dass wir ein grünes Startup sind und das Thema Nachhaltigkeit immer fest, im Privaten wie im Geschäftlichen im Blick haben. Die grüne Komponente ist aber nur eine von vielen Facetten, die für uns ROOM IN A BOX zu einem so spannenden Thema macht. Der Grund, warum ich mich entscheiden habe, das Projekt umzusetzen ist der, dass das Thema aus vielen unterschiedlichen Perspektiven Sinn macht.

Was war die Motivation dahinter Room in a Box zu starten?

Ein Grund, warum wir so viel Energie in das Projekt stecken, ist der Glaube daran, dass wir mit unserem Angebot wirklich eine Alternative zu bestehenden Ansätzen in der Möbelindustrie schaffen können. Unsere Möbel sind zu 100% aus Wellpappe gefertigt, welche zu 85% aus recyceltem Papier besteht. Die Produkte haben aber noch weitere sehr positive Eigenschaften. Sie sind leicht, stabil und ermöglichen dem Besitzer einen sehr flexiblen Lebenswandel. Jedes mal, wenn man seinen Lebensmittelpunkt verändert, bringt das auch eine logistische Herausforderung mit sich. Das habe ich mehrmals schmerzlich herausfinden müssen. Ein Umzug ist nicht nur anstrengend und teuer, auch die alleinige Vorstellung daran hat mich schon davon abgehalten, bestimmte Projekte anzugehen. Des Weiteren entsteht jedes mal ein Berg an Dingen, von denen man sich dann doch mehr oder weniger gerne trennt, weil Sie nicht in die Wohnung passen oder den häufigen Auf- und Abbau nicht mehr überlebt haben. Das Erlebnis mit dem Papphocker hat mir damals vor Augen geführt, dass herkömmliche Wohnlösungen nicht für jeden das Richtige sind und viel mobilere Wohnlösungen möglich sind. Man fährt ja auch nicht die Tour de France auf einem Hollandrad. Die Idee, meine sehr sperrige Einrichtung gegen eine superleichte, ökologisch saubere und mobile Zimmerausstattung aus Wellpappe auszutauschen, wollte mir fortan nicht mehr aus dem Kopf gehen. Unser Ziel ist es, das Thema Umzug für Menschen, die ungebunden und ökologisch Leben wollen, mit einem ultraleichten, sehr schnell auf- und abbaubaren Zimmerset zu vereinfachen. Am besten so einfach, wie das Verschicken eines Paketes per Post. Wenn wir das schaffen, wäre ich ein sehr glücklicher Mensch.

In jedem Sektor gibt es Auf und Abs. Was war bis jetzt der größte Erfolg von Room in a Box?

Ein großer Erfolg war bis jetzt die Teilnahme an dem diesjährigen DMY International Design Festival. Wir wurden dazu eingeladen, unser Kartonbett in der Kategorie New Talents auszustellen. Wir waren von den vielen positiven Rückmeldungen wirklich überrascht und begeistert. Das hat uns noch mal angespornt. Mir persönlich macht das Projekt im Moment mehr Spaß denn je. Es ist wunderbar zu beobachten, wie nach 14 Monaten hartem Aufbau langsam die ersten Entwürfe die Produktreife erlangen und sich die Website und unsere anderen Kommunikationskanäle langsam füllen. Das ist ein unheimlich tolles Gefühl.

Bitte teile auch die 5 Top Learnings mit uns - Was würdest Du anderen empfehlen, wovon abraten?

  1. Team, Team, Team. Die schönste Idee ist wertlos, wenn es unter den Gründern zwischenmenschlich nicht passt.
  2. Der Anfang ist das schwerste. Kümmert man sich am Anfang schnell um eine Website, Visitenkarten, einen knackigen Namen und ein hübsches Logo, dann merken die Leute nicht so schnell, dass du eigentlich noch ziemlich nackt da stehst.
  3. Wer gründen will, braucht Geld, um „die Sache“ mit ganzem Herzen vorantreiben zu können. Ich würde anderen Menschen davon abraten, in Teilzeit zu gründen.
  4. Fang früh an, dein Umfeld darüber zu informieren, was du tust und wo du mit deinem Projekt stehst. Es dauert lange, eine Fanbase aufzubauen. Im Falle einer Anschubfinanzierung für ein neues Produkt, z.B. per Crowdfunding, kann sich diese dann später allerdings als unendlich wertvoll erweisen.
  5. Wenn dir dein erstes Produkt nicht peinlich ist, bist du zu spät an den Markt gegangen.

Was ist ein Beispiel für ein erfolgreiches Sozialunternehmen und warum?

Es handelt sich dabei zwar nicht direkt um ein social business, aber ich bin ein großer Fan von der Initiative „100 Paten für Berlin“. Eine Freundin von mir setzt sich seit längerer Zeit im Rahmen der Initiative dafür ein, soziale und strukturelle Missstände, denen Berliner Kinder ausgesetzt sind, abzumildern. Ich finde das Konzept großartig. Bessere Rahmenbedingungen und Chancengleichheit für Kinder zu schaffen, bedeutet für mich eine Investition in unser aller Zukunft. Außerdem finde ich die Perspektive schön, viele haben bei der Menge an globalen Problemen den Blick und das Gefühl für die eigenen Nachbarn verloren. Ich finde es wichtig beides im Blick zu behalten.

Was macht Dich zum Changer?

In Frankreich gibt es in jeder größeren Stadt Workshops von so genannten „Kartonisten“. Dort werden aus Wellpappe und Pappmaché schön geformte Möbel gebaut, die im Anschluss auch noch gestaltet werden. Die Akzeptanz für den Rohstoff ist auch im allgemeinen viel höher. Im meinem Wirtschaftsstudium habe ich gelernt, dass es sich bei einer Innovation nicht um etwas dingliches, wie zum Beispiel das bessere Mobiltelefon handelt. Innovation ist in meinen Augen die Fähigkeit eines Akteurs oder einer Gruppe, einen sozialen Wandel herbeizuführen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir es auch in Deutschland schaffen, die Akzeptanz für Möbel aus unserem speziellen Rohstoff zu erhöhen und dadurch langfristig eine neue und viel flexiblere Art und Weise des mobilen Lebens etablieren. Um die Sache auf den Weg zu bringen, haben wir gerade eine Crowdfunding-Kampagne für unser erstes Produkt, das ROOM IN A BOX | Bett, gestartet. Man findet diese unter www.startnext.de/das-Bett. Wir sind für jegliche Unterstützung dankbar.

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