to belonging* ist unser nächster Schritt, um das Thema Anti-Diskriminierung neu zu denken und zu handeln. Weg vom Diskurs der Sichtbarkeit von Diversity und Inklusion hin zu einer authentischen und gelebten Zugehörigkeit aller marginalisierten Gruppen. Dies soll zu einem radikalen systemischen Wandel führen im Impact Sektor, von “Macht über” und “Macht für” hin zu “Macht mit”.  Diese Serie wird ermöglicht durch die Open Society Foundations. Im folgenden Zwiegespräch geht es um strukturelle Barrieren. Die Freundinnen Mary Ivić und Sarah Khayati (Biografien unten im Text) sprechen über ihre persönlichen Erfahrungen und Bewältigungsmechanismen.

Ihre Zwiegespräche führen Mary und Sarah bereits seit 2004. Zuerst als Studentinnen im Zugabteil Richtung Uni Frankfurt Oder. Später bevorzugt beim Essen in - wie auswärts. Mittlerweile nahezu ausschließlich im Rahmen kurzfristig entstehender Slots zwischen Alltag, Job und Familie, an deren Ende aber so gut wie immer ein „Das war und tat so gut, ich wünschte wir hätten die Aufnahmetaste gedrückt“ steht. Mit dem Blog Zwiegespräche.com haben die beiden nun ihre Homepage gewordene Aufnahmetaste gestartet: Ihr digitales Zuhause, eine kleine, aber sehr feine Zwei-Zimmerwohnung, in der all das, was sie bewegt und von dem sie bewegt werden zum geschriebenen Wort werden kann und darf. Mit einem Wohnzimmer, in dem man sich zum Austausch treffen kann. Und einem Arbeitszimmer, in dem sie einzeln, aber auch gemeinsam Perspektiven und Themen entwickeln und denken.

Sarah: Eine wirklich lange Zeit habe ich gar nicht erkannt, dass es Barrieren in meinem Leben wirklich gibt. Ich ging vollständig davon aus, frei in meinen Entscheidungen - und damit auch in meinen Optionen und Möglichkeiten – zu sein und die Wahl zu haben. Um dann festzustellen - mit dem Älterwerden, mit dem Mutter werden, mit dem Einstieg in meinen Job, dass ich sie nicht habe, sondern, dass ich eben doch im Kontext meines bzw. eines Umfeldes agiere und reagiere.

Mary: Ja, genau. Als Heranwachsende waren Barrieren für mich zunächst unsichtbar. Ich habe sie gespürt, aber sie waren nicht zu fassen. Klar, du merkst, dass da was ist, was dich ausbremst und dich nicht gleichermaßen teilhaben lässt, aber ich konnte diese Gefühle nicht benennen. Ich konnte es noch nicht einordnen und daher ließ es mich ewig zweifeln, zweifeln an meiner Person, meiner Performance, meiner Leistung. Ich dachte immer, dass es etwas mit mir zu tun hat. In meiner Familie sagten alle immer: “Lerne, arbeite und strenge dich an, du musst besser sein als die anderen, damit man dich ernst nimmt.” Und ich habe hart an mir gearbeitet, um “es” zu schaffen.

Sarah: Ha! Oh ja, um das Thema sozialer Aufstieg kam und kommt man auch in meiner Familie definitiv nicht rum. Besser sein als andere und - ganz wichtig - sich trotzdem niemals beschweren, nichts hinterfragen. Das war und ist das Motto. Anpassen und verbiegen. Und es reicht trotzdem nicht...

Mary: Richtig! Und als Jugendliche weiß man eben noch nichts von strukturellen Barrieren. Ich wusste nicht, dass alleine meine soziale Herkunft schon der Grund für meinen begrenzten Zugang zu so vielem in der Gesellschaft war. Noch immer wird suggeriert, dass alle die gleichen Chancen hätten, wenn sie sich anstrengen, aber das ist ein Trugschluss. Denn es sind klar strukturelle Barrieren, die dir den Zugang trotz individueller Höchstleistungen nicht gewähren. Darüber muss viel mehr gesprochen werden. Wenn ich das damals schon gewusst hätte und viel wichtiger noch, wenn mir damals erwachsene Personen den Druck genommen hätten, hätte ich mit Sicherheit eine freiere Kindheit und Jugend gehabt.

Sarah: Das gilt besonders auch im Kontext von Belonging. Hier gibt es ja dieses bezeichnende Bild:

“Diversity is being invited to the party;
Inclusion is being asked to dance.
To Belonging is dancing like nobody is watching you.”

Aber solange diese Hürden nicht überwunden sind und eben Gerechtigkeit statt Gleichheit ganz deutlich die Prämisse ist, sehen die Wege auf die Tanzfläche eben verdammt unterschiedlich aus - um mal in diesem Bild zu bleiben. Bzw. müssen die einen erheblich mehr Stylingaufwand betreiben und lange in der Schlange stehen, um – wenn überhaupt – in den Club zu gelangen. Und das während andere nicht nur easy reinkommen oder durchgewunken werden, sondern bereits ganz automatisch auf der Gästeliste stehen.

Mary: Wie oft sind wir abends, meistens wegen unserer Kumpels, nicht in die Clubs gekommen. Insbesondere für Heranwachsende ist das eine krasse Erfahrung trotz der Angepasstheit nicht voranzukommen. Es hat definitiv etwas mit mir gemacht, dass ich es trotz individueller Höchstleistungen nicht immer geschafft habe, meine Ziele zu erreichen.

Sarah: Und dieses immer das Beste geben, dieses Abstrampeln und soviel mehr an Leistung für das Gleiche oder ein geringeres Ergebnis abrufen zu müssen. Direkte und indirekte strukturelle Hürden kosten einen Teil unserer Gesellschaft einfach unglaubliche Energie mental und auch körperlich. Ich muss da immer an einen Post von Tarik Tesfu aus dem letzten Sommer denken, der bis heute bei mir nachwirkt. Dort fragt er sich am Ende eines Statements zur Antirassismusarbeit, wo er privat und beruflich wohl stehen würde, wenn er seine Zeit nicht damit verschwenden würde.

Mary: Auf jeden Fall! Du kannst es dir nicht aussuchen, ob du dich damit beschäftigen willst oder eben nicht. Rückblickend fällt mir auf, dass ich eine Weile einfach nur pragmatische Entscheidungen getroffen habe. Ich verfolgte eher Projekte, die mich effektiv weiter brachten als Dinge, die keinen “direkten” Nutzen hatten. Ich wollte zum Beispiel nur deshalb eine Ausbildung nach der zehnten Klasse machen, um schneller finanziell unabhängig zu sein. Nur nahm mich damals niemand, weil alle Bewerbungsgespräche damit endeten, dass meine Gesprächspartner*innen mich aufgrund meiner guten Noten wieder in die Schule schickten, damit ich mein Abitur mache. Ich habe es also fremden Menschen zu verdanken, dass ich nicht aus diesen Gründen die Schule abgebrochen habe.

Sarah: Same same but different. Bei mir ist es quasi die andere Seite der Medaille: Der Old time Classic: “Wir sehen dieses Kind nicht auf dem Gymnasium!” Der mir übrigens erst letztens wieder bewusst wurde, als das Zitat von Biontech-Chef Uğur Şahin auf Instagram und Co viral ging, in dem er berichtete, dass auch seine Lehrer*innen ihn zuerst auf der Hauptschule verorten wollten. Mein Vater hatte ein solches Gespräch damals mit meiner Klassenlehrerin auf dem Gymnasium. Sie legte ihm nahe, dass für “ein Kind wie mich” doch auch schon der Weg über die Realschule ein großer Erfolg wäre. Erst als ich Jahre später gemerkt habe, dass sich diese Erzählung in meinem BIPoC Umfeld wiederholt und nahezu eins zu eins die gleiche ist, ist mir klar geworden, dass es in diesem Fall viel wahrscheinlicher um Strukturen und Diskriminierung, als um mich und meine individuellen Leistungen ging.

Mary: Ja! Natürlich haben wir das damals noch nicht wirklich gecheckt. Wir sind ja in den Neunzigern zur Schule gegangen und Wokeness war noch kein Thema, im Gegenteil. Viele, viele Jahre habe ich versucht, nicht als Andere aufzufallen, wollte eintauchen in diese Mehrheit und unmarkiert sein. Ich passte zum Beispiel meine Sprache an und sprach übertrieben korrektes Deutsch und verbannte alles Kanakische. Was dann auch dazu führte, dass ich in den migrantischen Kreisen verarscht wurde. Jetzt kann ich schmunzeln, aber im Rückblick kann man sagen, dass diese Zerissenheit einen krassen Impact auf meine Identitätsentwicklung hatte. Bei dir war das ja ähnlich als eine der wenigen PoC an einem humanistischen Gymnasium, oder?

Sarah: Total! An unserem Gymnasium gab es nur wenige BIPoCs und ich wurde von einem Mitschüler im Leistungskurs tatsächlich als “Exotin” bezeichnet. Als sehr, sehr sichtbar also im Vergleich zu “den Anderen”, was die unsichere Pubertierende in mir sogar zu einer fast schon schmeichelhaften Auszeichnung hingedreht hat. Ich war etwas “Besonderes” und habe hier gar keine Barrieren, kein Othering erkannt. Ich bin dann aber auch knallhart im Abi-Buch auf die Siegertreppe in Sachen “Ms. Tussi” gewählt worden, als die eine offensichtliche Mehrheit meiner Schule Mädchen wie mich empfand. Die “Prollige” aus Wedding. Das war dann schon ein wirklich nicht subtiler Hinweis, den ich aber null in einen gesamtgesellschaftlichen oder strukturellen Kontext gesetzt habe.

Mary: Sarah, das ist doch so krass, dass wir das erst jetzt checken! Die Generation heute geht mit einem ganz anderen Verständnis durch die Welt. Die haben jetzt die Worte, die uns fehlten.

Sarah: Absolut! Es gab diese Worte dafür einfach nicht, zumindest haben sie mir gefehlt! Ich liebe und mich empowert die jetzige Entwicklung so sehr. Ich lerne gerade so viel dazu und kann mir selbst, meinen Freund*innen, meinen Töchtern eine so viel bessere Begleiterin im Alltag sein. Unser Rucksack ist jetzt einfach viel besser gefüllt. Und im Gegensatz zu Argumenten, die bspw. sensible Sprache anstrengend und im Ausdruck beschränkend finden, kann ich nur sagen: Je mehr Raum Menschen in all ihrer Vielfalt einnehmen zum Beispiel durch eben sprachliche oder auch mediale Sichtbarkeit, je mehr sich alle auch wirklich angesprochen und nicht nur “mitgemeint” fühlen, desto glücklicher bin ich. Her mit den Worten! Rein in die Räume!

Mary: Die Möglichkeiten und Chancen, die man heutzutage mit den sozialen Medien hat, sind meiner Meinung nach eine Bereicherung für uns! Alleine, dass man sich neben den klassischen Medienformaten endlich repräsentiert sieht, ist unglaublich gut. Diese Macht der Vielen beeindruckt mich.

Zum Beispiel Enissa Amani und ihr Format #BesteInstanz als Antwort auf die Trashsendung im WDR, zeigt, dass nicht mehr nur über uns gesprochen werden kann! Im Gegenteil: Wir gestalten mit!

Sarah: Ich feiere es auch so sehr, dass wir uns diese Formate jetzt schlichtweg einfach selbst schaffen! Mein Freund und ich haben begeistert Hadnet Tesfais und Aminata Bellis Sitzplatzreservierung letztes Jahr bei Instagram geschaut, die Realitäter*innen und Tratsch und Tacheles höre ich beim Kochen - I love it!

Aber ich genieße zum Beispiel auch sehr unsere Alltagsfluchten Mary, unseren oft gefühlt schlichten Austausch über alles was grade so los ist. Bei dem wir am Ende aber doch immer feststellen wie gut und wichtig und tatsächlich heilsam es war und ist, in genau diesen Dialog zu treten mit einer Person, der man vieles schlichtweg nicht erklären muss, weil sie die gleichen oder sehr ähnliche Erfahrungen teilt bzw. ganz automatisch in denselben Kontext einbettet.

Cheesy aber wahr: Diese Zwiegespräche bedeuten mir sehr viel und ich wünsche allen einen Menschen und einen Raum, mit dem und in dem so etwas möglich ist.

Mary: Mir bedeutet das auch so viel. Jede*r braucht diesen Safe Space!

Und es ist großartig, dass wir beschlossen haben, mit unseren Zwiegesprächen nicht mehr nur einen Privaten, sondern auch einen öffentlichen Raum einzunehmen, um die Welt da draußen mitzugestalten und sichtbar zu werden.

Über die Autorinnen

Als Akteurin im bildungspolitischen Kontext engagiert sich Mary Ivić auf verschiedenen Ebenen für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Mit dem #sozialhochbegabt möchte sie darauf aufmerksam machen, dass insbesondere Kinder und Jugendliche, die nicht aus privilegierten Haushalten stammen, gesehen werden. „Sie haben außerordentliche Kompetenzen, doch in unseren gesellschaftlichen Strukturen sind sie unterrepräsentiert, weil diese Stärken für den ‘sozialen Aufstieg’ nicht abgefragt werden.“

Gerechtigkeit und Chancengleichheit sind auch Sarah Khayatis Steckenpferde. Beruflich setzt sie sich für eine stärkere Projektorientierung in der Bildungsarbeit ein, wobei sie besonders das Potenzial hierin für bildungsbenachteiligte Schüler*innen bewegt. Darüber hinaus hat sie Verein*t gestartet, ein Community-Projekt mit dem Ziel einen so niedrigschwellig wie möglichen Safer Space für den Austausch von BiPoC Frauen* zu schaffen.

www.zwiegespräche.com

Instagram: https://instagram.com/zwie.gespraeche

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