Ursprünglich erschienen 25.03.2015

In unserer Interviewreihe sprachen wir mit Sandra Rasch von querstadtein.

querstadtein
bietet eine außergewöhnliche Berlintour, die von Obdachlosen durchgeführt wird und für mehr Begegnung und Austausch führen soll.

Was war die Motivation dahinter querstadtein zu gründen?

Die Idee für das Projekt hatten meine beiden Kolleginnen Katharina Kühn und Sally Ollech. Die Obdachlosigkeit in Berlin fiel ihnen immer wieder auf. Insbesondere, dass selten Begegnung und Austausch zwischen Menschen mit und ohne festen Wohnsitz stattfinden. Meist wird eher weggeguckt – und hier setzten sie mit der Gründung von querstadtein an. Ich selbst kam dazu, als die beiden im Freundeskreis fragten, wer Lust hätte ehrenamtlich mitzumachen. Das war auch der Zeitpunkt, an dem es an die konkrete Umsetzung ging.

Gemeinsam mit einem Team von etwa 15 Leuten entwickelten wir im Frühjahr 2013 die erste Stadtführung durch Schöneberg zusammen mit unserem Stadtführer Carsten Voss, den wir über eine Kooperation mit einem sozialen Träger kennengelernt hatten.

Uns motivierte die Frage, welche Geschichten hinter den Schicksalen der wohnungslosen Menschen stehen, die uns tagtäglich in der Stadt begegnen – sei es auf dem Weg zur Arbeit, zum Sport oder beim Einkaufen. Wir haben uns gefragt, wie man auf der Straße landet, wie ein Alltag für jemanden ohne Wohnung aussieht und welche Hilfsangebote man braucht, um den Schritt zurück in ein Leben mit einem Dach über dem Kopf zu schaffen. Außerdem hat es uns nachdenklich gemacht, dass wohnungslosen Menschen häufig mit Intoleranz und Nichtachtung begegnet wird.

Wir kannten ähnliche Stadtführungen aus anderen Städten und sehen gemeinsame Spaziergänge als eine gute Möglichkeit auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen, mehr über das Leben auf der Straße zu erfahren und einen Austausch zu ermöglichen. Es ist uns wichtig, möglichst viele Facetten von Obdach- und Wohnungslosigkeit sichtbar zu machen, um Vorurteile, Berührungsängste und Unsicherheiten abzubauen und zu einem toleranten Miteinander in einer Großstadt wie Berlin beizutragen.

Was unterscheidet querstadtein von einer klassischen Stadttour in Berlin?

Für uns sind die touristischen Sehenswürdigkeiten nebensächlich. Auf einer querstadtein-Tour steht die Biografie des jeweiligen Stadtführers (momentan haben wir leider noch keine weiblichen Stadtführerinnen) im Mittelpunkt und wird mit Orten verknüpft, die während der Obdachlosigkeit eine besondere Bedeutung für ihn hatten. Die TeilnehmerInnen erfahren, wie jemand trotz Angeboten wie Hartz IV wohnungslos werden kann, welche Dinge man neu erlernen muss, womit man zu kämpfen hat, wenn die Wohnung fehlt und wie man den Tag und die Nächte verbringt. Dadurch, dass jeder Stadtführer seine eigene Geschichte erzählt und nicht verallgemeinert, wirken wir Stereotypen von Obdachlosigkeit entgegen.

Viele Menschen auf der Straße wünschen sich eine Arbeit und sind auf den ersten Blick auch gar nicht als wohnungslos zu erkennen. Man lernt außerdem die Stadt aus einer völlig neuen Perspektive kennen: Wir machen z. B. Station am Alten Museum, allerdings nicht des Museums wegen, sondern weil der Stadtführer hier in den 90er Jahren einen guten Schlafplatz gefunden hatte. Wir interessieren uns dafür, wie Menschen ohne Wohnung die Stadt anders nutzen; vor allem das Thema Privatsphäre spielt hier eine Rolle.

Wie finanziert ihr Euch? Erhalten die Tour Guides eine Bezahlung?

Die Finanzierung für unser Projekt kommt aus drei Bereichen: den Teilnehmerbeiträgen für unsere Stadtführungen, Fördermitteln und Spenden. Dadurch, dass wir immer neue Touren entwickeln, die Nachfrage steigt und wir neue Zielgruppen erschließen, wächst der Anteil aus den Teilnehmerbeiträgen stetig.

Unser Ziel ist es, langfristig finanziell eigenständig zu werden. Momentan sind wir allerdings auf Fördermittel und Spenden angewiesen. Wir werden von der Auerbach Stiftung unterstützt und haben ein betterplace-Spendenprofil [https://www.betterplace.org/de/projects/23102-spende-fur-die-entwicklung-einer-neuen-querstadtein-tour], auf dem wir Mittel für die Entwicklung einer neuen Stadtführung sammeln. Außerdem sind wir auf der Suche nach Spendern oder Sponsoren aus dem Unternehmensbereich, die uns vielleicht sogar kontinuierlich unterstützen möchten.

Unsere Stadtführer bezahlen wir natürlich auch. Sie bekommen einen festen Betrag pro durchgeführter Tour und haben so eine gute Zuverdienstmöglichkeit. Wir freuen uns aber, dass die Vergütung für die Stadtführer nicht im Mittelpunkt steht – sie sind vor allem dabei, weil es ihnen Spaß macht Teil unseres Teams zu sein, sie Verantwortung übernehmen können und außerdem viel Anerkennung bekommen, wenn sie ihre Geschichte mit den BesucherInnen teilen.

In Berlin gibt leben mehr Obdachlose, als in anderen Deutschen Städten. Wird das Projekt auf irgendeine Art und Weise vom Staat oder der Stadt Berlin unterstützt?

Im letzten Jahr wurden wir nach erfolgreichem Projektantrag im Rahmen des Programms „Lokales Soziales Kapital“ unterstützt, in das zu gleichen Teilen Gelder aus dem Europäischen Sozialfonds und dem Land Berlin fließen. Darüber hinaus haben wir bisher keine öffentliche Förderung erhalten, würden uns aber freuen, wenn hier noch mehr möglich wäre.

Plant ihr das Konzept auch in anderen Städten anzubieten?

Wie schon gesagt, gibt es das Konzept so oder so ähnlich auch in anderen Städten. Häufig hängen die Projekte mit den lokalen Straßenmagazinen zusammen. Im Moment konzentrieren wir uns auf Berlin, da wir merken, dass wir unsere Möglichkeiten hier noch nicht ausgeschöpft haben. Wir schließen aber nicht aus, dass wir in Zukunft auch in anderen Städten aktiv werden.

In jedem Sektor gibt es Aufs und Abs. Was war bis jetzt der größte Erfolg?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, im letzten Jahr ist vieles passiert und querstadtein entwickelte sich in einem rasanten Tempo! Wir hatten nicht erwartet, dass die Stadtführungen so gut angenommen werden würden; gemeinsam mit unseren Stadtführern haben wir seit Juni 2013 schon weit über 5.000 BesucherInnen erreicht. Für uns war aber auch die Aufnahme ins Social Impact Lab in Berlin sehr wichtig – der Austausch im Netzwerk und die Beratungsangebote haben uns weitergebracht.

Was war die größte Herausforderung und wie konntet ihr diese bewältigen?

Wir kamen relativ schnell an den Punkt, an dem eine rein ehrenamtliche Koordination der Stadtführungen und des Trägervereins Stadtsichten e.V. nicht mehr möglich war. Die größte Hürde lag darin, eine Finanzierung für eine hauptamtliche Projektkoordinationsstelle zu realisieren. Zum Glück haben wir schnell zur Auerbach Stiftung gefunden und auch der Antrag beim Programm „Lokales Soziales Kapital“ war erfolgreich. So bin ich seit März letzten Jahres in Vollzeit dabei und kann mich hauptamtlich querstadtein widmen.

Du arbeitest nun seit zwei Jahren an dem Projekt, was sind Deine Top 3 Learnings?

Seit der Projektidee im Sommer 2012 und der ersten Schöneberg-Tour im Juni 2013 haben wir viel gelernt – sowohl über Obdachlosigkeit als auch darüber, was es bedeutet, ein Team aufzubauen und gemeinsam zu wachsen. Meine drei Erfahrungswerte sind:

  1. Man sollte immer in Bewegung bleiben und die Gründungsidee kontinuierlich weiterentwickeln.
  2. Eine Beratung ist meistens nur so gut wie die Fragen, die man dafür vorbereitet hat.
  3. Man sollte nicht unterschätzen, welch vielfältige Ressourcen und Fähigkeiten im Freundeskreis schlummern!

Was macht Dich zum Changer?

Auf der einen Seite liegt unser Impact bei den Stadtführern: Wir verändern mit querstadtein ihren Alltag und ihr Leben nachhaltig. Bei uns sind sie nicht trotz, sondern genau wegen eines „Bruchs“ in ihrer Biografie. Einer unserer Stadtführer hat uns gesagt: „Das Erste, was Du auf der Straße verlierst, ist Dein Selbstbewusstsein. Stadtführer bei querstadtein zu sein, hat mir das wiedergegeben“. 

Zum anderen laden wir die TeilnehmerInnen unserer Touren zu einem Perspektivwechsel ein, bei dem sie die Möglichkeit haben, einen neuen Blick auf das gesellschaftliche Miteinander im Großstadtleben zu bekommen. Viele berichten uns, dass sie nach der querstadtein-Tour mit anderen Augen durch die Stadt gehen und einige beginnen sogar, sich selbst zu engagieren – das freut uns! 

Und schlussendlich trägt unsere Arbeit dazu bei eine breite Öffentlichkeit für das Thema Obdach- und Wohnungslosigkeit zu sensibilisieren. Wir sagen: Hin- statt Wegschauen, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

This interview was presented in collaboration with MakeSense. MakeSense is a global network of individuals committed to helping social entrepreneurs overcome their challenges. 

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