Die Zeit der „Heropreneurs“ (sinngemäß: „Unternehmerhelden“) ist vorbei. In den letzten Jahrzehnten wurden SozialunternehmerInnen vermehrt glorifiziert und als Helden dargestellt. Das ist an sich nicht schlecht, muss aber meiner Meinung nach differenzierter betrachtet werden. Bemühungen, Sozialunternehmen heranzuziehen, zu unterstützen und weiter zu entwickeln waren insgesamt sehr erfolgreich. Stiftungen wie UnLtd, Schwab, Ashoka und Skoll haben einen wahnsinnig guten Job gemacht, indem sie GründerInnen zu eigenen Sozialunternehmen inspiriert haben. Sogar in Frankreich (wo es laut verlässlicher Quelle nicht mal ein Wort für Unternehmertum gibt) kann man keine Wirtschaftsfakultät besuchen, ohne von Werbeplakaten für die besten Business-Pläne deines Sozialunternehmens überflutet zu werden. Die Schwierigkeit besteht nicht mehr länger darin, die Kreationen von Sozialunternehmen zu katalysieren: Laut UnLtd starten 27% aller Unternehmen in Großbritannien mit einer sozialen oder gemeinnützigen Mission, was dazu führt, das im Vergleich zu kommerziellen, mittelständischen Unternehmen dreimal so viele Unternehmen, die jünger als drei Jahre sind, im sozialen Sektor anzutreffen sind. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, die Sozialunternehmen zu wichtigen und einflussreichen Mitspielern der ökonomischen Elite zu machen. Denn wie viele nationale oder internationale Sozialunternehmen fallen dir spontan ein?

Die Herausforderung, erfolgreich Sozialunternehmen darin zu unterstützen ihren Impact zu vergrößern, fiel bis vor kurzem noch allein in die Hände von Sozialinvestoren, die durch neuartige Business-Strategien Sozialunternehmen mit flexiblem und nachhaltigem Finanzkapital versorgten. Aber immer mehr beteiligte Parteien, von der Regierung bis zu den SozialunternehmerInnen verstehen mittlerweile worauf es ankommt: Nämlich, dass die Herausforderung, neue Talente ins eigene Boot zu holen essentiell ist, um der Bewegung der Sozialunternehmen weiter Auftrieb zu verleihen und so tatsächlich Einfluss nehmen zu können. Im Silicon Valley sind viele der Überzeugung, dass die richtige Person für eine Unternehmensgründung nicht zwangsläufig auch die richtige Person für den Ausbau des Unternehmens ist, und diese wiederum nicht die richtige, um das Unternehmen zu lenken sobald es einmal ausgebaut ist. So benötigt jede Stufe ihre eigenen Skills und Motivationen. In diesem Punkt unterscheiden sich Sozialunternehmen nicht von kommerziellen Unternehmen.

"Die Zeit der Heropreneurs ist vorbei."

Bei On Purpose konnten wir in den letzten sieben Jahren zukünftige Führungspersönlichkeiten im sozialen Sektor finden und weiterbilden, um Sozialunternehmen dabei zu unterstützen ihr größtmögliches Potenzial auszuschöpfen. Dazu bietet unser einjähriges, full-time Leadership-Programm angehenden Führungspersönlichkeiten die Möglichkeit, längerfristig in den sozialen Sektor zu wechseln. 

Es gibt jedoch auch einen weitaus subtileren Grund weshalb die Ära des einsamen Unternehmers vergangen ist. Die Mehrheit der Probleme, denen sich ein Unternehmen heutzutage stellen muss, sind zu komplex, um von einem einzelnen Unternehmer oder einer einzelnen Organisation gelöst zu werden. Die grundlegenden Änderungen die erforderlich sind, um die Gesellschaft zu schaffen die wir brauchen, werden nur aus Gemeinschaften von Menschen und Organisationen hervorgehen, die gemeinsam experimentieren, zusammenarbeiten und Innovationen schaffen. Und zumindest einige dieser Organisationen müssen in der Lage sein, sichtbaren Einfluss nehmen zu können. 

Was bedeutet das für die Festlegung von Talentprioritäten im sozialen Sektor? Zu allererst müssen wir die geeigneten Talente finden, weiterbilden und auch behalten. Klare Priorität ist es, Menschen zu finden, die Teil wachsender und großer Organisationen auch außerhalb des Sozialsektors sind. Wenn wir die Klügsten und Talentiertesten unter ihnen finden wollen, müssen wir vor allem den erfolgreichen Ausbau eines Unternehmens fördern, nicht nur dessen Gründung.

"Klare Priorität ist es, Menschen zu finden, die Teil wachsender und großer Organisationen auch außerhalb des Sozialsektors sind."

Zweitens muss sich die Bewegung ein verbindendes Element überlegen, einen kollektiven Sinn sozusagen. Ich habe gerade erst über Bewegungen des Viktorianischen Zeitalters nachgedacht, die sozialgesellschaftlichen Wandel im England des 19. Jahrhunderts begünstigten (eine Zeit mit vielen Parallelen zum Heute): z.B. die Quäker und die Heilsarmee. Ich glaube, dass wir eine ähnliche Inbrunst und Motivation für unseren gesellschaftlichen Wandel brauchen. Bei eingehender Betrachtung einiger dieser Organisationen hat es mich verwundert, mit welchen moralischen Kriterien wir sie überhäufen. Aber vielleicht ist gerade ihr moralischer (oft auch religiöser) Enthusiasmus etwas, wovon wir heutzutage als moderne Beobachter lernen können. In dem Sinne wie sie gemeinschaftlich agieren und Unterstützung über weite Distanzen hinweg mobilisieren. Die Heilsarmee agiert z.B. in mehr als 100 Ländern. Für all ihre veralteten Strukturen, ihren gänzlich enthaltsamen Ansatz und die militärische Sprache ist das eine beeindruckende Reichweite. Kein Zweifel, dass eben diese Aspekte von vielen kritisiert werden, und ihre Religiosität nichts für jeden ist. Aber der weltweite Impact ist kaum zu übersehen.

Sozialunternehmerische Vermittler wie wir spielen eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Bewegung aus Menschen und Organisationen zum Zweck eines gesellschaftlichen Fortschritts. Wir haben die Chance und die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die soziale Unternehmensbewegung mehr ist als nur die Summe ihrer Teile.

Um die besten Talente für unsere Idee zu gewinnen, müssen wir sicher sein, für welche sozialen Ziele und Moralvorstellungen wir stehen wollen. Es bedarf einer größeren Sorgfalt mit der wir über Sozialunternehmen sprechen, ihre Zwecke müssen in klaren und einfachen Begriffen artikuliert werden, um mehr Reichweite zu erlangen. Denn wie dir jeder gute Verkäufer sagen wird: je klarer und spezifischer du bist, desto mehr Käufer wirst du finden. 

Das Mindeste was wir tun können ist, die besten Leute zu finden, die Teil unserer Bewegung werden wollen und ihnen dann den größtmöglichen Support zu geben. Im Viktorianischen Zeitalter wurde jeder der es zu etwas bringen wollte Ingenieur, denn dort konnte man Teil gesellschaftlicher Innovation werden; in den 1980er und 1990er Jahren wurde jeder der es zu etwas bringen wollte Investment Banker, denn dort konnte man sich austoben (im guten wie im schlechten) und wurde dafür belohnt. Lasst es uns ermöglichen, dass jeder der es in den 2010ern und 2020ern zu etwas bringen möchte, sich dem sozialen Sektor zuwendet und so mit seiner Arbeit einen Beitrag zu einer gerechteren Welt leistet.

Dieser Artikel ist Teil des talent project des Global Social Entrepreneurship Networks (GSEN, gegründet von UnLtd) und der BMW Foundation Herbert Quandt. Das Projekt zielt darauf ab, die Herausforderungen und Lösungen im Zusammenhang mit der Attraktivität, Entwicklung und Beibehaltung von Talenten in Organisationen zu beleuchten. Folge uns unter #talentsummer.

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Wie viel verdient man eigentlich im sozialen und nachhaltigen Sektor?
Der tbd* Gehaltsreport – Gehalt, Präferenzen und Zufriedenheit der Mitarbeiter im sozialen Sektor.
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