Wir haben in unserer tbd* Community nach Beiträgen für die Serie "Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit" ausgerufen und besonders beeindruckt hat uns der Beitrag von Marc Groß. Marc Groß ist Leiter der Kommunikationsabteilung beim DRK-Bundesverband und teilt mit uns seine Bedenken und Hoffnungen zur Agenda 2030. 

Im Jahr 2012 wechselte ich die Seiten. Ich legte meine Uniform ab, verließ die Kaserne und wurde so vom Offizier der Bundeswehr zum Teil der NGO-Landschaft. Und es war eine gute Zeit für diesen Schritt.

Zu dieser Zeit befanden sich die Millenium-Entwicklungsziele auf der Zielgeraden. Denkfabriken zogen von Organisation zu Organisation, MitarbeiterInnen aus anderen Kulturkreisen begannen, Vorurteile aufzubrechen, und wir alle hatten das Gefühl, nicht nur im Konkreten die Palmölproduktion in Sierra Leone verbessern zu können, sondern gemeinsam auch das Große und Ganze zu bewegen. Doch während mich die Euphorie-Welle auf meinen ersten Schritten voll mitriss, gab es schon damals erfahrene KollegInnen, die frustriert waren. Und ganz ehrlich, ich konnte das kaum nachvollziehen. Seit dem Jahr 2000, in dem die Ziele verabschiedet wurden, verringerte sich beispielsweise die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, um gut eine Milliarde. Die weltweite Zahl der Sterbefälle von Kindern unter fünf Jahren wurde nahezu halbiert. Und trotz aller Kritik, was die Methodik der Erhebung und der Rolle des industriellen Westens bei der Zielsetzung anbelangt, war ich davon beeindruckt, dass ich offensichtlich in einer Zeit lebte, in der positive Veränderung möglich ist - trotz aller Rückschläge durch Naturkatastrophen oder durch von Menschenhand gemachte Konflikte.

Von der Sprechblase zum Chor der Vernünftigen

Heute nun, gut dreieinhalb Jahre nach dem Inkrafttreten der neuen Agenda 2030, ist leider nichts mehr von der Euphorie der ersten Tage geblieben. Und ich spreche nicht von den KollegInnen, die pragmatisch, aber von leichter Hand, im In- und Ausland gemeinsam mit Partnerorganisationen aus dem Süden für eine bessere Welt einstehen. Ganz im Gegenteil, sie sind für mich der Grund, warum ich nach wie vor an den Sektor und seine Kraft glaube. Wir alle hatten 2015 den gemeinsamen Versuch unternommen, aus den Erfahrungen der SDGs zu lernen und damit den industriellen Westen stärker in Verantwortung zu nehmen. Endlich eine Brücke zwischen den technologischen und den sozialen Errungenschaften unserer Zeit zu bauen. Doch der Blick auf die kommenden Jahre frustriert nun auch mich. Bis zum Jahr 2030 sollen Hunger und Armut auf dieser unserer Welt der Vergangenheit angehören. Ein greifbares Ziel, für das es sich lohnt, aufopferungsvoll zu kämpfen. Nur kann dieser Kampf nicht im Kleinen gewonnen werden, es braucht weit mehr politischen Willen, ausreichend finanzielle Mittel und den Mut, innovative Wege zu gehen. Derzeit fehlen jedoch Milliarden von Dollar in der Finanzierung der globalen Nachhaltigkeitsziele. Weit mehr: Komplexe Krisen können heute einfach nicht mehr allein angegangen werden. Die Weltgemeinschaft muss von einer Sprechblase zu einem realen Chor der Vernünftigen wachsen, die Verantwortliche an einen Tisch holt, soziale Ungleichheit bekämpft und damit die Voraussetzung für ein sinnvolles globales Zusammenleben schafft. Entwicklungszusammenarbeit kann und muss also im Gleichklang mit anderen Themenfeldern gedacht werden. Und Entwicklungszusammenarbeit muss sich weiterentwickeln.

Es braucht ein neues Paradigma

Nach den karitativen Ansätzen der 70er und 80er Jahre entstand der Frame „Hilfe zur Selbsthilfe“, der uns nun mit ins 21. Jahrhundert begleitet. Die Frage ist, ob die dahinter liegende Idee der Befähigung des Anderen zum eigenen Denken und Handeln immer noch zeitgemäß ist. Für mich ist es keine Frage der Begrifflichkeit, sondern mehr eine Frage der Abhängigkeit des Einzelnen oder der Community von der Hilfe von außen. Deshalb braucht es auch in unserem Sektor wesentlich mehr Mut, das Thema Freiheitsgrade der Partner viel intensiver zu denken. Ich glaube, dass uns neue digitale Möglichkeiten die Chance bieten, individueller zu agieren, mehr auf Bedarfe einzugehen und die Gefahr von Abhängigkeiten stringenter zu bewerten. Um die Unabhängigkeit des Einzelnen zu stärken, ist es notwendig, seine innere Gesundheit und damit die individuelle Resilienz zu stärken. Untersuchungen zeigen, dass mentale Krankheitsbilder, also unsichtbare Traumata in Industrie- und Entwicklungsländern, zunehmen. Ich glaube fest daran, dass uns das Thema innere Gesundheit durch die nächsten Jahre begleitet und zu einem kritischen Erfolgsfaktor nachhaltiger Entwicklung werden wird.   

Die Agenda der Vielen

Das sind im Übrigen nur einige wenige Punkte, denen wir gemeinsam mehr Aufmerksamkeit schenken sollten, um die nachhaltigen Entwicklungsziele hinzubekommen. Wenn es uns also gelingt, dass wir im Sektor weiterhin so entschlossen bleiben, wenn es uns gelingt, die Agenda 2030 zu einer Agenda der Vielen werden zu lassen, einer Agenda von SchülerInnen, von UnternehmerInnen und AktivistInnen, dann ist sie eben nicht nur eine Vision eines einzelnen Sektors. Dann kann sie zum zentralen Kompass unserer Zeit werden. Und während ich diese Zeilen schreiben, ertappe ich mich dabei, hoffnungsvoller als noch bei Satz 11 zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass es den Menschen, mit denen ich tagtäglich hier und auch in anderen Organisationen zu tun habe, gelingt, meinen Frust immer in Energie und Tatendrang umzuwandeln, gleich wie schwierig die Rahmenbedingungen auch sein mögen.

Diese Einstellung zeichnet Zivilgesellschaft aus. Den zähen langen Weg zu gehen, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Das beeindruckte mich schon 2012, als ich noch dachte, solch klare Überzeugung gibt es nur in Uniform. Und es beeindruckt mich heute, da ich weiß, dass Überzeugungen nur gemeinsam auf die Straße gebracht werden können.