Im Sommer 2013 (ja, so lange ist das schon her!) ließ Angela Merkel auf einer Pressekonferenz mit Barack Obama in einem Nebensatz verlauten, dass das Internet für uns alle ja noch immer "Neuland" sei. Der Satz ging durch die Medien und wurde zum Inbegriff der Unfähigkeit der deutschen Regierung, sich dem digitalen Zeitalter anzupassen.

Seitdem hat sich viel geändert. Die Regierung arbeitet mit Hochdruck daran, den Abstand Deutschlands zu digitalen Vorreitern, wie China oder den USA, auszugleichen und die Digitalisierung, sowohl wirtschaftlich, als auch auf administrativer Ebene, zu fördern.  Erstmals wurde dabei dem Chef des Bundeskanzleramts, Helge Braun, eine zusätzliche Aufgabe übertragen. Er soll die Verwaltungsdigitalisierung betreuen und voranbringen. In dieser Rolle entschied er sich, im Rahmen einer Schirmherrschaft mit Tech4Germany zusammenzuarbeiten. Das Start-Up, dessen Wurzeln in einer studentische Initiative liegen, bringt Menschen mit Expertenwissen in Verbindung mit Behören, um Verwaltung digitaler zu machen. Wir haben mit den beiden Gründerinnen Sonja Anton und Christina Lang über den Inhalt ihrer Arbeit und weitere Projekte geredet.

Sonja & Christina, ihr habt ja zusammen 4Germany gegründet und betreibt unter diesem Dach das Fellowship Tech4Germany. Um was handelt es sich dabei und wofür ist es nützlich?

Sonja: Bei Tech4Germany treiben Digital-Talente mit ihrer Expertise in Tech, Product und Design die Digitalisierung des Staates voran, indem sie 12 Wochen lang gemeinsam mit Ministeriumsmitarbeiter*innen nutzerzentrierte Lösungen für konkrete Herausforderungen der Bundesministerien und -behörden entwickeln.

Für die Fellows ist das Programm eine tolle Möglichkeit einen Einblick in die Arbeit von Ministerien zu bekommen und gleichzeitig Produkte zu entwickeln, die das Leben von Millionen von Menschen verändern können. Die Ministeriumsmitarbeiter*innen erhalten durch das Fellowship Impulse für ihre Digitalprojekte und lernen, was es heißt agil und nutzerzentriert zu arbeiten – außerdem macht ihnen die Zusammenarbeit mit den Fellows richtig Spaß!

Das Fellowship wurde 2018 unter der Schirmherrschaft des Chef des Bundeskanzleramtes, Prof. Dr. Helge Braun, ins Leben gerufen.

Wie weit seit ihr schon damit?

Sonja: Tech4Germany findet 2020 zum dritten Mal statt. Im Sommer werden rund 35 Fellows an 8 Projekten der Bundesministerien und –behörden arbeiten. Insgesamt hatten wir dieses Jahr Interesse aus quasi allen Ministerien und wählen derzeit aus über 70 Projektideen die aus, bei denen wir in 3 Monaten den größten Impact erzielen können.

Wie seid ihr als Gründunsgteam zusammengekommen – was ist Euer Hintergrund, wie habt ihr Euch anfangs finanziert und wie läuft es bisher?

Sonja: Christina, Andrej und ich haben uns als Team im Frühjahr 2019 kennengelernt. Andrej hatte im Jahr zuvor Tech4Germany initiiert, ich war damals schon als Fellow dabei und war so überzeugt von dem Programm, dass ich danach mit Andrej ehrenamtlich am weiteren Ausbau gearbeitet habe. Parallel arbeitete Christina im Auswärtigen Amt und hatte die Idee zu unserem zweiten Fellowship Programm Work4Germany basierend auf ihren eigenen Erfahrungen als Quereinsteigerin in der Verwaltung. Beide Konzepte lagen dem Bundeskanzleramt vor, woraufhin die Idee entstand, beide Fellowship Programme zusammen zu denken, da sie das gleiche Ziel - einen digitaleren, nutzerzentrierten Staat – verfolgen. Nach wenigen Wochen stand ein gemeinsamer Business Case und wir entschieden uns, unsere Jobs für diese soziale Initiative zu kündigen. Ende des Sommers, mitten im Tech4Germany Fellowship, saßen wir dann zusammen beim Notar und haben gegründet. Wir ergänzen uns ziemlich gut. Christina, unsere CEO, hat Jura und BWL studiert, dann umfassende Erfahrung in einer großen Beratung gesammelt und durch ihre Zeit im Auswärtigen Amt ein gutes Verständnis dafür, wie Ministerien und Verwaltungsabläufe funktionieren. Ich habe Psychologie in den USA studiert und zuvor bereits ein Tech Start-Up in der Entwicklungsphase begleitet und bringe von daher die nutzerzentrierte Perspektive mit.

«Und wir finden es beide unheimlich erfüllend, unsere Leidenschaft jetzt als unseren Job bezeichnen zu können!»

Christina: Und wir finden es beide unheimlich erfüllend, unsere Leidenschaft jetzt als unseren Job bezeichnen zu können! Die ersten beiden Jahre hatte Tech4Germany eine Anschubfinanzierung durch eine Stiftung. Seit Ende letzten Jahres werden wir durch öffentliche Projektmittel gefördert. Für teilnehmende Behörden und Fellows ist das Programm kostenlos, Fellows erhalten ein Stipendium während der Teilnahme. Nachdem wir bis dahin zu zweit bzw. zu dritt hauptsächlich ehrenamtlich agiert haben, sind wir jetzt sehr glücklich darüber, seit Januar 2020 insgesamt zu neunt Tech4Germany und Work4Germany professionell weiterentwickeln zu können.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Ministerien bzw. mit der Verwaltung? Was sind die größten Herausforderungen? Welche Erfolge konntet ihr schon verzeichnen?

Sonja: Die Zusammenarbeit mit den Ministerien und Behörden ist sehr kollaborativ. Uns ist wichtig, dass die Verwaltungsmitarbeiter sich nicht als Auftraggeber sehen, die Projektergebnisse abnehmen, sondern als Partner, die operativ und auf Augenhöhe gemeinsam mit den Fellows arbeiten. Für viele unserer Ansprechpartner ist diese Art der Zusammenarbeit eine Möglichkeit Projekte mal ganz neu anzugehen, eine andere Arbeitsweise kennenzulernen und dabei wertvolle Impulse zu gewinnen. Natürlich gibt es in dieser Zusammenarbeit auch immer wieder Herausforderungen – immerhin stoßen in dem Programm zwei ganz unterschiedliche Welten und Arbeitskulturen aufeinander. Aber allen Beteiligten ist bewusst, dass die kleinen Irritationen Teil dessen sind, was den Austausch so lehrreich macht.

Ein riesiger Erfolg war, dass bei unserer Abschlussveranstaltung im Oktober im Auswärtigen Amt über 400 geladene Gäste kamen, die sich für die Ergebnisse des Fellowships interessiert haben – darunter Vertreter*innen aus allen Ministerien. Seither haben uns über 70 Projektvorschläge für das diesjährige Fellowship erreicht. Nur 8 davon werden wir durchführen können. Die Auswahl wird nicht leicht. Zudem befinden sich einige Prototypen aus dem letzten Fellowship Programm bereits in der Testphase in den jeweiligen Ministerien. Das Interesse bei Tech4Germany mitzumachen und die weitere Implementierung unserer Projektergebnisse sind zwei unserer wichtigsten Erfolgsfaktoren.

Was ist Euer langfristiges Ziel bzw. Vision?

Christina: Wir wollen die Digitalisierung des deutschen Staates vorantreiben. Unser langfristiges Ziel ist ein souveräner digitaler Staat, der von innen heraus die Kompetenzen besitzt, um Bürger*innen proaktiv und nutzerfreundlich Services anzubieten. Und ein Staat in dem die besten Talente ihre Fähigkeiten gern zum Wohle der Allgemeinheit einsetzen wollen.

2019 startet was Neues. Warum und was wird draus?

Christina: Gerade erst haben wir Work4Germany gelaunched. Work4Germany ist ein 6-monatiges Fellowship, das sich an methodisch starken Führungsnachwuchs mit mindestens 3-5 Jahren Arbeitserfahrung aus der Wirtschaft richtet. Im Vergleich zu Tech4Germany geht es nicht um digitale Lösungen, der Fokus liegt darauf, methodische Kompetenzen in die Verwaltung zu bringen und die Arbeitskultur zu verändern. Die Fellows arbeiten im Tandem mit den Innovationstreiber*innen aus den Ministerien an wichtigen, oft bereichsübergreifenden Projekten. Ziel ist es, die methodischen Kompetenzen zu stärken, neue Arbeitsweisen voneinander zu lernen und etablierte Prozesse neu zu denken.

Ihr habt erzählt, dass Ihr die Ausschreibung für Fellows gendergerecht gemacht habt, damit ihr mehr Frauen erreicht. Hat es funktioniert? Welche Tipps habt ihr in der Hinsicht?

Sonja: Als Technologie-Fellowship, das digitale Leistungen für eine diverse Nutzergruppe gestalten will, muss es selbstverständlich sein, auch im Fellowship selbst unterschiedliche Perspektiven und Interessenlagen abzubilden. Für uns war von Anfang an klar, dass wir Geschlechterparität erreichen wollen und haben daher immer wieder kritisch hinterfragt, was wir verbessern können, um beide Geschlechter gleichermaßen anzusprechen. Wir haben zum Beispiel gemerkt, dass viele Frauen bei dem Begriff “Digital-Talent” eher angesprochen fühlen als bei “Tech-Talent”. Zudem gendern wir natürlich und achten auf eine gleichmäßige Repräsentanz auf den Fotos. Im Fellowship 2019 hat das bereits dazu geführt, dass 41% der Teilnehmer weiblich waren, was für ein Technologie-Fellowship schon nicht schlecht ist. Dieses Jahr wollen wir neben einer ausgewogenen Geschlechterverteilung auch umfassender Diversity-Strategie feilen, Gleichbehandlung von Männern und Frauen ist hier nur ein erster Schritt.

Was sind die Zukunftsperspektiven für ein Land wie Deutschland, die digitale Talente (oder auch nur junge Talente) nicht in die Behörden ziehen können? Was muss sich ändern?

Christina: In Behörden ist dieses Problem doch längst angekommen. Die Bewerbungszahlen gehen selbst in den Ministerien zurück und viele ausgeschriebene Stellen können nicht zeitnah besetzt werden. Schätzungen zufolge könnten 2030 bis zu 800.000 Stellen im öffentlichen Sektor unbesetzt sein.

Das Wissen darum, dass digitale Kompetenzen für die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit eines Landes enorm wichtig sind, ist größtenteils auch in den Ministerien präsent. Aber gerade nach technischen Fachkräften und Digitaltalenten wird überall händeringend gesucht, nicht nur in der Bundesverwaltung. Dieser Kampf um die besten Köpfe führt oft zu Gehaltsniveaus, die der öffentliche Sektor nicht bedienen kann. Und andere Aspekte, in denen der öffentliche Sektor sehr gut gegenüber der Wirtschaft punkten kann, werden noch viel zu wenig genutzt. Denn viele in unserer Generation suchen nach Arbeit bei der sie echten Sinn stiften und etwas zum Gemeinwohl beitragen können. Und nur der Staat bietet die Möglichkeit an Produkten zu arbeiten, die Millionen von Menschen erreichen und eine enorme Wirkung auf soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Sicherheit in unserem Land haben!

Allerdings hat sich die Verwaltung nicht so schnell wie der private Sektor auf die zunehmende Macht anspruchsvoller Arbeitnehmer*innen eingestellt; hier gilt es auch, die eigenen Arbeitsprozesse und -strukturen anpassen, um als Arbeitgeber für Digital-Talente attraktiv zu sein. Das Beförderungssystem, die Hierarchieebenen und Abstimmungswege sind zu starr, als dass damit derzeit Arbeitnehmer*innen gewonnen werden können, die eigenverantwortliches Arbeiten, Flexibilität und kurze Dienstwege einfordern. Außerdem sollten Karrieremodelle geschaffen werden, die einen Quereinstieg in die Verwaltung erleichtern – auch jenseits einer Verbeamtung auf Lebenszeit.

Vielleicht hast du ein paar Fragen als junge Gründerin z.B. bzgl. Recruiting. Vielleicht kann jemand aus der tbd* Community helfen? Möchtest Du sie hier stellen?

Wir probieren wie beschrieben auf Inklusivität und Diversität bei der Auswahl unserer Fellows zu achten! Hast du dazu gute Erfahrungen gesammelt? Oder fällt dir in unserer Kommunikation oder auf unserer Website etwas auf? Bitte lasst es uns wissen.

Möchtest du sonst noch was teilen?

Wir würden uns freuen, von dir zu lernen und uns auszutauschen, wenn du bereits Erfahrung mit Change Management oder Innovation in der öffentlichen Verwaltung gesammelt hast. Oder möchtest du selbst Teil der Veränderung sein? Die Bewerbungsfrist für Work4Germany läuft bis Ende Februar, das Tech4Germany Recruiting startet Anfang März – sei dabei!

 

About

Christina Lang: CEO und Co-Gründerin, 4Germany - Work4Germany und Tech4Germany

Zuvor: Beraterin, McKinsey; Master of Management, London Business School; 1. juristisches Staatsexamen, Universität Mannheim

Sonja Anton: Tech4Germany Programmleiterin und Co-Gründerin, 4Germany

Zuvor: Public Sector Team, Capgemini; Tech4Germany Fellow 2018; Aufbau eines von der schwedischen Regierung finanzierten Public Tech Start-Ups, Bachelor in Psychologie & Management, St. Olaf College, USA

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