ursprünglich erschienen: 22.12.2014

“Social Business in Deutschland ist doch eigentlich nichts Neues”

“Social Business in Deutschland ist noch nicht soweit wie in anderen Ländern”

Sprich mit drei Menschen im gemeinnützigen Sektor, bei den Wohlfahrtsverbänden oder in der Politik und Du wirst garantiert drei ganz unterschiedliche Ansichten zu Social Business in Deutschland bekommen. Social Business hat einen schwierigen Standpunkt in Deutschland.

Auf der einen Seite ist man stolz, dass es einen super funktionierenden Sozialstaat gibt, bestehend aus sechs riesigen Wohlfahrtsverbänden (die größte Organisation Caritas beschäftigt über 600,000 Menschen in Deutschland - viel mehr als jede Firma in der Privatwirtschaft), die im Auftrag der Regierung ein flächendeckendes Versorgungungssystem mit Kitas, Pflegeheimen, Inklusionsprojekten uvm. für die ganze Gesellschaft bereitstellen. Im Grunde sind diese Organisationen erfolgreiche Sozialunternehmen: sie leisten einen Service und werden dafür bezahlt. Jedoch agieren sie in einem nur halb-freien Markt und bekommen eine Finanzierung von der Regierung, die nur entfernt Leistungsorientiert ist. Also keine übliche Situation für ein Social Business, das auf dem freien Markt mit “normalen” Unternehmen agiert.

Auf der anderen Seite gibt es definitiv weniger markttreue Social Businesses in Deutschland als in anderen westlichen Länder (z.B. USA und UK). Das liegt sicherlich daran, dass hier der Sozialstaat vieles übernimmt von dem, was in USA (und mittlerweile auch UK) nun von Sozialunternehmen geleistet werden muss. Es führt aber auch dahin, dass das soziale Innovationspotenzial in Deutschland etwas unterdrückt wird. Durch die bisherige Dominanz der Wohlfahrtsverbände gibt es auch noch keine Infrastruktur für große Risiko Investitionen. Darüber hinaus ist die Deutsche Start-up Welt und die Politik darum herum in Deutschland immer noch vorwiegend Profit-getrieben. D.h. schlaue Menschen mit einem Sinn für Business gründen vorwiegend profit-orientierte Unternehmen. In den USA haben große klassische Start-Up Inkubatoren wie Y-Combinator einen Platz für Sozialunternehmen... Solche Möglichkeiten bedeuten, dass Sozialunternehmen schnell skalieren können. Social Businesses in Deutschland müssen dagegen von vornherein ums Leben kämpfen.

Social Business in Deutschland: Die wichtigsten Akteure

Trotz allen Hürden gibt es auch in Deutschland viele Akteure (mittlerweile kommen auch die Wohlfahrtsverbände ins Rollen), die eine solche Infrastruktur für Social Business in Deutschland aufbauen. Wir haben für Dich die wichtigsten Akteure zusammengefasst.

Ashoka

Ashoka ist die erste und weltweit führende Organisation zur Förderung von Social Entrepreneurs. Die non-profit-Organisation wurde im Jahr 1980 von Bill Drayton in den USA gegründet und ist heute in über 70 Ländern aktiv. In Deutschland gibt es Ashoka als gemeinnützige GmbH seit 2003, als Ashoka nach mehr als 20jähriger Tätigkeit in Entwicklungs-, Schwellen- und Transformationsländern beschloss, auch in Westeuropa tätig zu werden. Ashoka Fellows sind weltweit das Herzstück unseres Netzwerks. Fast 3.000 Ashoka Fellows in über 80 Ländern sind aktiv, um unsere Gesellschaft zum Positiven zu verändern und auf ihrem Weg viele Menschen zu inspirieren selbst aktiv zu werden. Der erste deutsche Fellow wurde 2005 in das Netzwerk aufgenommen. Heute wirken in Deutschland bereits 51 Fellows in ganz verschiedenen Bereichen. Sie ermöglichen Langzeitarbeitslosen Existenzgründungen, stärken die Sozialkompetenzen von Kindern, Wirken dem Höfesterben entgegen, bringen Transparenz in die Demokratie und vieles mehr. Darüber hinaus haben sie ein Programm für junge Sozialunternehmer namens PEP. Das Programm Engagement mit Perspektive (PEP) richtet sich an Ehrenamtliche zwischen 16 und 27 Jahren, die für ihre vielversprechenden Projekte nachhaltige und wirkungsvolle Strukturen schaffen wollen.

Social Impact

Social Impact ist eine Beratung und Inkubator für Sozialunternehmen in Deutschland. Viele der bekanntesten Sozialunternehmen Deutschlands saßen irgendwann mal in ihren Räumlichkeiten. Durch das Inkubator-Programm bekommt man zwar keine direkte Finanzierung aber dafür ein tolles Netzwerk, Zugang zu viel Erfahrung und Wissen, und Büroräume über 8 Monate. Es gibt aktuell Inkubatoren in Berlin, Leipzig, Hamburg, Frankfurt und Munich.

BonVenture

BonVenture finanziert Sozialunternehmen im deutschsprachigen Raum mit sozialem Risikokapital. BonVenture ist selbst als Social Business strukturiert und beachtet bei allen Investitionen auch soziale und finanzielle Renditeaspekte. Im deutschsprachigen Raum hat BonVenture als erste Beteiligungsgesellschaft diesen Ansatz aufgegriffen und bietet seit 2003 Investoren die Möglichkeit, solche Unternehmungen zu unterstützen. Sie stärken auch neben Kapital mit Know-how und Kontakten, geben Orientierungshilfe beim Aufbau und Wachstum ihrer Organisation und befördern so die Entwicklung und Verbreitung innovativer Ideen. Investitionen ab ca. 300.000 EUR.

Social Venture Fund

Der Social Venture Fund investiert in Sozialunternehmen, die innovative Antworten auf drängende soziale oder ökologische Fragen liefern. Das Ziel des Social Venture Fund: Investiertes Kapital zurück zu erhalten und für erneute Investitionen wieder verwendbar zu machen. So wird nur die Kraft des Kapitals, nicht jedoch das Kapital selbst für eine positive Veränderung eingesetzt.

Die Ananda Ventures GmbH ist Initiatorin des ersten international investierenden Social Venture Capital Fonds in Deutschland. Sie wurde 2010 als Sozialunternehmen gegründet. Ziel der Gesellschaft ist es, mit unternehmerischer Energie und einem erfolgsorientierten Investmentansatz positiven gesellschaftlichen Wandel zu ermöglichen.

Tengelmann Social Ventures

Tengelmann Social Ventures GmbH  ist ein Social Impact Investor, der sich auf die Finanzierung von Social Businesses und auf die Unterstützung von Social Entrepreneurs fokussiert. Der Fokus ist auf Internet Startups und e-commerce und einige deren aktuellen Unternehmen sind Dot.Hiv und Coffee Circle.

Vodafone Stiftung

Die Förderschwerpunkte von der Vodafone Stiftung sind Bildungsprojekte und Sozialunternehmertum. Sie sind sehr wichtig in der Skalierung von Projekten wie Rock Your Life gewesen und unterstützen aktuell die Quinoa-Schule. Die Quinoa-Schule soll sozial benachteiligten Jugendlichen mehr Chancengerechtigkeit durch eine Aussicht auf Ausbildung und Bildungsaufstieg bieten. Ihre Sekundarschule hat im August 2014 in Berlin-Wedding eröffnet, wo aktuell ca. 68% der Jugendlichen in Hartz IV-Haushalten leben. 85% der Schülerinnen und Schüler einer 10. Klasse haben nach ihrem Abschluss keine berufliche Perspektive.

Bertelsmann Stiftung

Bertelsmann ist vor allem eine operative Stiftung, die aber riesig ist und sehr einflussreich. Sie machen viel Lobby und Advocacy im Bereich des Sozialunternehmertums und auch Impact Investing.

BMW Stiftung

Die BMW Stiftung Herbert Quandt ist ebenfalls vor allem operativ tätig aber nimmt eine Schlüsselrolle ein im Bereich Social Business und Impact Investing. Ryan Little, selbst Sozialunternehmer, ist der wichtigste Ansprechpartner in diesem Bereich.

Social Entrepreneurship Akademie

Die Social Entrepreneurship Akademie ist ein interdisziplinäres Projekt, welches eine Zusammenarbeit von allen Münchern Universitäten darstellt. Sie wollen Student/innen aus allen Bereichen - von Ingenieuren bis hin zu Ärzten und BWL-er - für das Thema Sozialunternehmertum sensibilisieren und begeistern. 

Impact Hub

Impact Hub ist ein globales Netzwerk von co-working Spaces für Sozialunternehmer/innen und Freiberufler/innen mit einem sozialen Mehrwert. Aktuell gibt es ein Impact Hub in Berlin und in München. Die Mitgliedschaft fängt bei 20 EUR im Monat an. Spannende Veranstaltungen und eine sehr positive Energie sind einige der vielen Vorteile einer solchen Mitgliedschaft.

Entrepreneurs Pledge

Ein soziales und nachhaltiges Unternehmen gründen und die Gewinne dieses Unternehmens zur Hälfte zu reinvestieren – das versprechen die Unterzeichner des Entrepreneur’s Pledge. Das Projekt wurde von Waldemar Zeiler und Philip Siefer in Berlin gestartet. Es soll mehr Aufmerksamkeit für soziale Aspekte und Fairness im Business erzeugen – aber auch skalierbare Unternehmen hervorbringen. Die Liste der bislang knapp 50 Unterzeichner enthält bekannte Gesichter. Die Mymuesli-Gründer Hubertus Bessau und Max Wittrock haben unterzeichnet, auch I-Potentials-Frontfrau Constanze Buchheim, die Helpling-Macher Benedikt Franke und Philip Huffmann, Lebenslauf.com-Gründer Thomas Bachem oder Team-Europe-Partner Kolja Hebenstreit.

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Wie viel verdient man eigentlich im sozialen und nachhaltigen Sektor?
Der tbd* Gehaltsreport – Gehalt, Präferenzen und Zufriedenheit der Mitarbeiter im sozialen Sektor.
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