SINGA bringt Einheimische und Neuangekommene auf Basis Ihrer Potenziale und Interessen in unterschiedlichen Formaten zusammen. Die Organisation nutzt dabei einen ganzheitlichen Ansatz, der die „klassische“ Rollenverteilung im Integrationsprozess auflöst: Einheimische und Neuangekommene sind gleichermaßen Geber und Empfänger von Erfahrung, Wissen und Ideen. Der Aufbau von SINGA in Deutschland wurde seit 2016 von der Robert Bosch Stiftung anschubfinanziert. Bei einem anstehenden Übergabeprozess an einen Nachfolger wurde das dreiköpfige Gründungs- und Leitungsteam ebenfalls unterstützt. Der nachfolgende Text schildert den Prozess und fasst positive Lernerfahrungen zusammen. Ein Beitrag vonVinzenz Himminghofen, ehemaliger Geschäftsführer von SINGA Deutschland und Lisa Veyhl, Projektmanagerin im Team Migration und Gesellschaft der Robert Bosch Stiftung GmbH.

Die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen ist bei Förderinstitutionen nicht mehr ausschließlich auf finanzielle Förderung beschränkt. Viele Stiftungen ergänzen sie durch nicht-monetäre Förderinstrumente wie Beratung, Vernetzung und Weiterbildung und investieren damit in die Organisationsentwicklung ihrer Projektpartner.

Bei der Beratung von kleineren und jüngeren zivilgesellschaftlichen Organisationen liegen die Schwerpunkte klar auf der Gründungs- und Professionalisierungsphase. Weniger Beachtung findet dagegen das Thema Nachfolgeregelung. Dabei gehören Leitungswechsel auch im Dritten Sektor zum Alltag und beinhalten nicht weniger große Herausforderungen, als sie beispielsweise in einer Gründungsphase auftreten. Ihre Nichtbewältigung kann dazu führen, dass die Organisation auseinanderbricht, wohingegen ihre aktive Gestaltung genau die positiven Energien freisetzen kann, die man sich von solchen Veränderungen erhofft.

Mit dem Übergabeprozess von SINGA Deutschland, der von der Robert Bosch Stiftung gefördert wurde, soll in diesem Artikel ein Beispiel in den Blick genommen werden, das – Stand heute – als erfolgreich bewertet wird. Siebenlessons learnedführen aus, was gemeinsam gelernt wurde. Um die besser einzuordnen können, erscheint es sinnvoll Transparenz über die Entscheidung zur Übergabe herzustellen und die Meilensteine des Beratungsprozesses zu benennen.

Wie kam es zu einem Veränderungsbedarf in der Organisation?

Nach etwas mehr als zwei Jahren intensiver Aufbauarbeit gab es im Winter 2017 im dreiköpfigen Leitungsteam von SINGA Deutschland erste Überlegungen, wie es weitergehen sollte. Das lag auch daran, dass die Bemühungen, die Organisation auf stabile Beine zu stellen, nicht den gewünschten Erfolg zeigten. „Zu dieser Zeit waren wir in einer finanziell schwierigen Phase und uns war allen klar, dass sich etwas ändern musste. Wir hatten schon früher erkannt, dass ab einem gewissen Zeitpunkt drei Personen in der Leitung organisatorisch zu viele waren. Gleichzeitig wollte keine/r von uns allein die Leitung übernehmen, weil wir so ein eingespieltes Team waren“, erinnert sich Luisa Seiler, eine der drei Gründerinnen.

Im April 2018 wurde nach vielen internen Gesprächen, die auch die Möglichkeit der Abwicklung von SINGA Deutschland zum Thema hatten, die Entscheidung getroffen, den Nachfolgeprozess einzuleiten und aktiv einen Nachfolger/ eine Nachfolgerin zu suchen. Zur gleichen Zeit gab es Gespräche mit der Robert Bosch Stiftung über die Fortführung der Zusammenarbeit, wobei von Beginn an offen kommuniziert wurde, dass ein Wechsel in der Geschäftsführung ansteht. „Wir haben daraufhin entschieden, dass wir diesen Prozess mit der Finanzierung einer externen Beratung unterstützen möchten, da wir natürlich mit Blick auf das geplante Projekt und unsere große Wertschätzung für die Arbeit, die SINGA in Deutschland leistet, ein starkes Interesse daran hatten, dass er gut verläuft und eine geeignete Person gefunden wird“, so Raphaela Schweiger, Senior Projektmanagerin im Thema Migration und Gesellschaft der Robert Bosch Stiftung.

Die Meilensteine des Beratungsprozesses

Mit den Wirkungslotsen wurden zeitnah geeignete Berater gefunden. Einzelne Teammitglieder von SINGA hatten schon einmal mit Christine und Dennis Hoenig-Ohnsorg zusammengearbeitet, die mit ihrer Agentur für soziale Innovation Purpose-Projekte in Veränderungsprozessen begleiten. Ab Sommer 2018 konnte der Beratungsprozess gestartet und SINGA für knapp 10 Monate in der Übergangszeit begleitet werden. Die wesentlichen Meilensteine waren die gemeinsame Planung des Übergabe-Prozesses, die Klärung der neuen Rollen im Team mit dem neuen Geschäftsführer, der Abschluss der Einarbeitung und der Übergabegespräche mit Partnern, die Klärung ausstehender Rechtsfragen sowie die Verabschiedung einer neuen Geschäftsordnung. Dass die Zusammenarbeit nicht nur in einer reinen Begleitung, sondern auch in sehr persönlichen und empathischen Einzel- und Gruppencoachings bestand, war ein wichtiger Faktor für das Gelingen des gesamten Prozesses.

Aus Sicht von SINGA Deutschland fällt das Fazit aus der Übergabe deswegen positiv aus, weil (1) für die Organisation wesentliche Partnerschaften gestärkt aus dem Prozess hervorgegangen sind, (2) die alte und neue Geschäftsführung ein gutes und geklärtes Verhältnis haben (3) das gesamte Team der Organisation mitgezogen hat und dabei geblieben ist. Dadurch verband sich Kontinuität in der operativen Arbeit und mit dem Esprit einer neuen Leitung in konstruktiver Weise. Die Robert Bosch Stiftung unterstützt weiterhin SINGA Deutschland als Ideengeber und Projektpartner im neuen Programm „Integration neu denken“ und stärkt damit Ehrenamtliche und ihre Organisationen in ihrem Engagement mit Flüchtlingen und Neuzuwanderern mit dem Ziel Integration und Teilhabe zu verbessern. Im Programm fungiert der neue Geschäftsführer als Koordinator; die ehemaligen Geschäftsführer sind als Trainer und Trainerinnen eingebunden – eine Kombination, die mit Blick auf Wissensmanagement und Kontinuität der Arbeit Vieles vereinfacht.

Was haben wir in diesem Prozess gelernt?

  1. Transparenz in alle Richtungen lohnt sich und schafft Vertrauen. Eine frühzeitige und offene Kommunikation unter Projektpartnern bietet die Möglichkeit den Prozess gemeinsam zu gestalten. Außerdem trägt sie dazu bei, Unsicherheiten abzubauen, die zwischen Partnern in solchen Situationen leicht entstehen können.
  2. Eine Prozessbegleitung kann Großes bewirken. Die externe Perspektive kann eine neutrale Atmosphäre schaffen, in der (potentielle) Konflikte zwischen aktueller und neuer Leitung erkannt und gelöst werden können. Dabei ist die Begleitung keine Schiedsrichterinstanz, sondern moderiert das Gespräch und stellt klärende Fragen.
  3. Eine Nachfolge zu finden und einzuleiten ist vor allem Arbeit und braucht Zeit. Das funktioniert am besten in gut sortierten, kleinen Schritten. Es hilft, einen zeitlichen Rahmen für den Prozess festzulegen und sich strikt daran zu halten. Bei SINGA Deutschland war der Prozess nach etwas weniger als einem Jahr abgeschlossen.
  4. Es braucht immer wieder Räume, in denen alles gesagt werden kann. Dies gilt sowohl für die Kommunikation zwischen den in der Organisation Beteiligten als auch für den offenen Austausch zwischen Berater-Organisation-Förderinstitution.
  5. Es lohnt sich im Organisationsteam Rollen für die Übergabe zu definieren und schriftlich festzuhalten. Die Rollen können unterschiedlich ausgestaltet sein, je nachdem inwieweit die jeweilige Person mit der Organisation/dem Projekt verbunden bleibt und damit auch Aufgaben behält.
  6. Persönliche Coachings für die alte und neue Leitung können den Prozess ergänzen. Jede/r Beteiligte/r hat eigene Themen, die individuell am besten bearbeitet werden können und somit den Prozess in der Gruppe nicht beeinträchtigen.
  7. Die Auswahl der Berater, das Matching, hat einen entscheidenden Beitrag für das Gelingen des Prozesses. Ein vorheriger Kontakt und ein bereits bestehendes Vertrauensverhältnis können von Vorteil sein. Darüber hinaus ist es wertvoll, wenn die Berater über intensive Erfahrung mit den besonderen Herausforderungen von Sozialunternehmen und innovativen Projekten im Dritten Sektor verfügen.

Über SINGA Deutschland:

Der aktuelle Schwerpunkt der Arbeit liegt im Bereich unternehmerische Bildung. SINGA ist 2012 in Paris entstanden und arbeitet heute an verschiedenen Standorten in Europa und Nordamerika. In Berlin wurde SINGA 2015 ins Leben gerufen und 2016 von einem dreiköpfigen Team, Vinzenz Himmighofen, Luisa Seiler und Sima Gatea als gemeinnützige Unternehmergesellschaft gegründet. Mittlerweile liegt die Geschäftsführung bei Fabian Thun.

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