Header: Heilsam Heilen © Soraida Velazquez Reve

Anders als der Titel es vermuten lässt, meint unsere Autorin und langjährige tbd* Freundin Soraida Velazquez Reve nicht, dass ihr euch die FFP2-Masken vom Gesicht reißen müsst. Es geht um Masken im übertragenen Sinne, die wir manchmal im Leben aufrecht erhalten, um uns zum Beispiel vor Verletzungen oder Demütigung zu schützen. Wie ihr damit umgehen könnt, hat sie in diesem großartigen Think Piece beschrieben.

Stell Dir vor, Du stehst vor einer Tür, an der mit großen Buchstaben steht: „Willkommen! Sei ganz Du selbst.“– was wäre Deine Reaktion?

Vielleicht würdest Du Dich freuen und direkt beschwingt eintreten: „Endlich! Darauf habe ich gewartet.“ Vielleicht jedoch, würde ein Gefühl von Skepsis aufkommen. Ein Erfahrungswissen, dass Dir rät, diesen Worten lieber nicht ganz zu trauen, lieber eine Maske aufzusetzen und die Luft anzuhalten: „Augen zu und durch!“

Auch ich kenne diesen Moment des Atemanhaltens zu gut. Beispielsweise habe ich während meines gesamten Bildungswegs gefühlt immer wieder den Atem angehalten, einfach um durchzukommen. Sei es, wegen negativer Grundüberzeugungen, die ich unterdrückte, wegen Mikroaggressionen, die sich mir in den Weg stellten oder Formen intersektionaler Diskriminierung, mit denen ich gezwungen war, einen Umgang zu finden. Ob es die Erfahrung war bereits von der Ferne zu wissen, dass jede Person, die mir in der Schule ähnlich sah, eines meiner drei Geschwister war; oder die Erfahrungen, das LehrerInnen mir mitteilten, dass ich weder mein Abitur noch ein Psychologiestudium schaffen könnte, oder PsychologiekommilitonInnen, die mich fragten, ob sie das N-Wort verwenden könnten in einem Seminar zur Geschichte der Psychologie, um „alle“ in das Gefühl der damaligen Zeit zu versetzen. Das Spektrum ist weit. Mein Ausatemmoment geschah, als ich mich mit anderen Personen austauschte, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie ich. Dem Ausatmen, folgte ein Ablassen der Anspannung, die nicht selten in Tränenvergießen mündete. Erst dann spürte ich körperlich, wie lange ich diese Maske aufrechterhalten hatte. Die Maske, die nach Außen alle meine Verletzungen unsichtbar machen sollte, damit niemand auf die Idee kam, mir zu nah zu kommen und schon gar nicht, mich erneut zu verletzen.

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Vielleicht kennst auch Du solche Momente des Atemanhaltens und vielleicht hast Du bereits die wundervolle Erfahrung gemacht, durch einen Moment des Demaskierens in eine ehrliche Verbindung mit einem wohlwollenden Gegenüber gegangen zu sein.

Diesen Moment habe ich als psychotherapeutische Psychologin, Coach und Tanzlehrerin in Einzel- und Gruppensettings immer wieder erleben dürfen. Erst, wenn es zum ehrlichen Teilen eigener Erfahrungen, Gedanken und Gefühlen in einem sicheren Raum kommt, geschieht ein erleichtertes Ausatmen. In diesen Momenten erlauben wir uns, sichtbarer zu werden.

In Anlehnung an die Schematherapie nach Jeffrey Young, verstehe ich hier Masken als Bewältigungsversuche mit maladaptive Schemata. Eckhard Roediger beschreibt Schemata als „Fußabdrücke“ früherer Erfahrungen in der Struktur unseres Gehirns. Maladaptive Schemata entstehen, wenn die Grundbedürfnisse im Heranwachen nicht erfüllt werden. Dadurch entwickeln wir beispielsweise Schemata, wie: „Ich kann mich nur auf mich selbst verlassen.“ oder „Nur wer Leistung zeigt, wird geliebt.“. Als Umgangsformen mit den nicht erfüllten Bedürfnissen reagieren wir, indem wir uns fügen, vermeiden oder überkompensieren. Beispielsweise kann eine Person, die in zahlreichen Situationen erlebt hat, dass egal, was sie auch tut, es nie gut genug zu sein scheint, um Anerkennung zu erhalten, zu Perfektionismus neigen, Herausforderungen vermeiden oder durch eine erhöhte Lockerheit die Ansprüche kompensieren.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass diese Masken irgendwann in unserem Leben hilfreich waren.

Irgendwann einmal waren sie die bestmögliche Umgangsform innerhalb einer kritischen sozialen Situationen. Irgendwann haben wir in unserer individuellen oder kollektiven Erfahrung gelernt, dass es erwünschter ist, zum Beispiel ein „nettes Mädchen“, „ein starker Junge“, „eine heterosexuelle Person“, „ein aufopferndes Elternteil“, „ein aggressiver Ausländer“ oder „ein krankes Opfer“ zu sein. Zunächst gilt es, uns dieser Masken bewusst zu werden, erst dann können wir sie Stück für Stück ablegen, wenn wir dazu bereit sind. Denn zum Glück sind unsere Gehirne noch über das Jugendalter hinaus formbar und lernfähig.

Denn Gewohnheiten abzulegen braucht Zeit. Selbst wenn uns bewusst wird, dass es sich hierbei um Masken handelt und wir für uns entscheiden, dass wir sie ablegen wollen und können, schleichen sie sich doch noch in unser Leben. Aufgrund der oft jahrelangen Gewohnheit kann es dazu kommen, dass unser erster Impuls darin besteht, die alte Maske wieder aufzusetzen. Als Handlungsoption werden sie auch immer für uns verfügbar sein. Ob ich sie aufsetze oder nicht, wird aufgrund von verschiedenen Handlungsoptionen und Erfahrungen eine freie und bewusste Entscheidung.

Während der Vorbereitungen eines Seminars stellte ich beispielsweise fest, dass die Folie zur Vorstellung meiner Person versehen war mit vielen kraftvollen, zugewandten und strahlend fröhlichen Bildern. Und ja, ich lache viel und gern, und bin auch oft eine aktive Person. Nur gibt es eben auch andere Momente, in denen ich zum Beispiel bitterlich weine, bebe vor Wut oder still in mich gekehrt bin. Ich, wie alle Menschen, zeige viele Facetten von Verhaltensweisen, die sich auch zu widersprechen scheinen.

Mit etwas Abstand auf die Bilder zu schauen, zeigte mir, dass ich kurz davor war, mir die Maske einer reduzierten Version meiner Selbst aufzusetzen. Denn schließlich hatte ich gelernt, dass weibliche Leitungspersonen besonders kraftvoll sein müssten um Kompetenz auszustrahlen und dass ich mir als nicht-weiße Person Sympathien durch zugewandte Fröhlichkeit erarbeiten müsste. Aber in Wahrheit ist jede noch so professionelle Person auch ein Mensch, der ein Spektrum an Gefühlen und Lebensphasen hat. Mir in diesem Kontext die Maske aufzusetzen, würde also auch bedeuten, alle SeminarteilnehmerInnen dazu einzuladen, diese überholten Modelle zu reproduzieren. Es hindert uns daran, die Vielfältigkeit unserer Gefühle als normal anzusehen. Langfristig kann es uns sogar krank machen, wenn wir versuchen, die Einseitigkeit eines „all day happy“ zu leben. Ein Foto zu finden, dass mich in einem traurigen Moment zeigte, war dann übrigens gar nicht so leicht. Aber ich fand es. Es entsprang dem Sommer-Retreat, das ich im vergangenen Jahr mit meinem interdisziplinären TherapeutInnen-Team veranstaltet hatte. Es war ein zauberhafter Moment der ehrlichen Begegnung von diversen Menschen auf Augenhöhe, durch die wir uns selbst und einander offen und zugewandt begegnen durften.

In solchen Momenten entsteht genau das zuvor beschriebene Aufatmen. Es wird die Anspannung ausgeatmet, die wir in uns haben, wenn wir die Luft anhalten, um echte Persönlichkeitsanteile von uns zu unterdrücken oder komplett zu negieren. Es entwickelt sich eine Erlaubnis, sich selbst mehr öffnen, zu zeigen und somit selbst entdecken zu dürfen. Dieser Raum, der sich bildet durch das Teilen miteinander im Außen und das Atmen in uns, erlaubt uns außen sowie innen in den Prozess der Regeneration und Heilung zu gehen.


Heilsam heilen durch Bewegung © Soraida Velazquez Reve

Wenn wir jedoch die Hände voll damit zu tun haben, unsere Masken vor unserem wahren Gesicht aufrecht zu erhalten, bleibt weder eine Hand frei, um uns um unsere Regeneration zu kümmern, noch können wir uns und andere richtig im Blick haben. Erst wenn wir die Möglichkeit haben, die Masken abzulegen, können wir erleben, wie es sich anfühlt wieder ganzer zu sein, verbunden mit uns selbst und dem Umfeld. Und ja, dieses Gefühl ist oftmals am Anfang sehr ungewohnt, ja sogar unangenehm.

Es mag ein Schamgefühl aufkommen. Vergleichbar mit dem bei Nacktheit. Wenn wir unsere Kleidung ausgezogen haben, ist es ähnlich wie mit der Offenheit, wenn wir unsere Masken ablegen. Wenn wir feststellen, dass wir uns in einem Raum befinden, in dem wir Masken samt Scham ablegen dürfen, können wir uns selbst erst wiederentdecken. Um Masken und Scham ablegen zu können, brauchen wir sichere Räume.

Räume, in denen wir unsere bisherigen Erfahrungen reflektieren und neue heilsame Erfahrungen machen dürfen. Räume, in denen eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Verständnis erwachsen ist und sich weiterentwickeln darf. Räume, in denen wir sonst unsichtbare Aspekte unserer Selbst sichtbar werden lassen dürfen. Räume, in denen Verletzungen sichtbar gemacht werden und heilen dürfen. Räume, in denen ich darauf vertrauen kann, dass ich gehalten werde, wenn ich falle. In solchen Räumen können wir uns sicher genug fühlen, die Masken abzunehmen, endlich durchatmen und wachsen.

Diese Räume lassen sich prinzipiell in allen unseren Lebensräumen etablieren: in unseren Familien, in unseren Beziehungen, in unserer Freizeit oder auf Arbeit.

Die Verantwortung hierfür liegt auf allen Ebenen. Bei unsicheren externen Strukturen reicht es nicht aus, nur auf individueller Ebene solche Räume zu schaffen. Da wir selbst vielfältig sind, müssen auch die Räume, die angeboten werden, vielfältig sein. Anderenfalls werden einige immer wieder, andere nahezu gar nicht angesprochen.

Diese Räume können geschaffen werden in Therapien, kreativen Arbeiten, Freizeitgruppen, Themengruppen, Familienabenden, FreundInnenzeit, im Bildungsbereich und auf Arbeit.

Auch Unternehmen können solche Räume schaffen, um insgesamt eine heilsame Begegnungsfläche für ArbeiterInnen zu ermöglichen. Konzepte, in denen ArbeiterInnen während der Arbeitszeit Zeiträume erhalten, um eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Bewusstsein und ein gemeinsames Entdecken ihrer Selbst zu erhalten, schaffen langfristig sichere Räume. Diese Erfahrung habe ich selbst machen dürfen durch die Leitung eines Wellbeing-Programms, welches während der Arbeitszeit über sechs Wochen durchgeführt wurde. Es ist möglich, wenn wir uns von alten Strukturen lösen und uns erlauben, miteinander zu wachsen.

Wenn wir alle regelmäßig Räume erhalten, in denen wir uns sicher fühlen und auf Augenhöhe begegnen können, dann ist es möglich, dass wir in uns selbst die Einladung internalisieren: „Willkommen! Sei ganz Du selbst.“

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