Ursprünglich erschienen April 2016

Leider leben wir noch immer in einer Zeit in der Menschen, die sich für eine Karriere mit Social Impact entscheiden, weniger verdienen als ihre Bänker- und McKinsey Freunde. Natürlich sollte sich das ändern. Doch wie ist es denn eigentlich vom "Gutverdiender" zum 20.000 Euro Jahresgehalt zu wechseln? Anna Kümmel verließ die klassische Wirtschaft und ist Teil des On Purpose Associate-Programms. Dieser Schritt führte allerdings auch zu einem massiven Einschnitt in ihrem Einkommen. In diesem Artikel teilen Anna und ihre Kollegen ihre Erfahrungen als "Geringverdiener", die möglicherweise am Ende des Tages dennoch mehr haben.  Ein Erfahrungsbericht.

20,000 Euro – Arbeitnehmerbrutto. Soviel verdiene ich in meinem On Purpose-Jahr. Das ist deutlich weniger als zuvor. Keine Frage, mir wird im Gegenzug ein hoher immaterieller Mehrwert in Form von Weiterentwicklung, Mentoring und Coaching dafür geboten. Aber trotzdem will das alltägliche Leben weiterhin mit schnödem Geld bezahlt werden. Und das ist eine Herausforderung – allerdings eine machbare. 

Das erfordert Planung und die Umstellung mancher Gewohnheiten. Jeder von uns On Purpose-Associates hat bewusst die Entscheidung getroffen, am Programm teilzunehmen und dabei auch das geringe Gehalt in Kauf genommen. Aber wie stehen wir heute dazu, da über die Hälfte des Jahres vergangen ist? Ich spreche von „wir“, weil ich diesen Artikel nicht alleine geschrieben habe, sondern mich mit mehreren On Purpose-Associates unterhalten und versucht habe, gemeinsame Punkte herauszustellen. Hier sind unsere Take-Aways:

Ist es überhaupt eine große Sache?

Ja und nein. Das kommt sehr auf die individuelle Situation einer Person an. Wer direkt aus seinem vorherigen, höher bezahlten Job zu On Purpose wechselt, für den macht sich der Unterschied deutlich bemerkbar. Wer, wie ich, zuvor auf Reisen war und dabei von wenig Geld gelebt hat, für den ist die Umstellung nicht ganz so groß. Es ist die Höhe der Fixkosten, die darüber entscheidet, ob der Verzicht auf einen Großteil des früheren Gehalts zu mehr oder weniger starken Einschränkungen führt. Wer aufgrund einer großen Wohnung, eines Autos, verschiedener Abos und ähnlichem hohe regelmäßige Ausgaben hat, der kommt mit dem On Purpose-Gehalt schnell an seine Grenzen. 

Wie verändert sich der Alltag?

Neben den oben genannten großen Fixkosten sind natürlich auch die kleineren alltäglichen Ausgaben von einem geringeren Gehalt betroffen. Hier haben alle Associates ihre eigenen Strategien entwickelt, wie sie ihren Alltag kostengünstiger gestalten können. Ein großes Thema ist dabei das Essen. Fast alle sind dazu übergegangen, viel weniger essen zu gehen und zum Beispiel ihr Mittagessen selbst vorzukochen und zur Arbeit mitzunehmen. In vielen der Unternehmen, in denen wir jetzt arbeiten, ist das sogar sehr üblich, was es zusätzlich einfach macht. 

Auch die Freizeit lässt sich günstiger gestalten. Statt in einer teuren Bar kann man sich zuhause oder auf ein Bier im Park treffen. Shoppen kann man auf dem Flohmarkt statt in der Boutique. Viele von uns verzichten sogar ganz auf ausgedehnte Shoppingtouren – stattdessen kann der bestehende Kleiderschrank neu entdeckt werden!

 

Reicht das Geld zum Leben?

Viele von uns können ihren Alltag geradeso vom On Purpose-Gehalt bestreiten – weil sie die angesprochenen Veränderungen in ihrem Alltag umgesetzt haben. Alle Extras wie Reisen oder größere Anschaffungen wie technische Geräte müssen von Erspartem bestritten werden. Wer hohe laufende Kosten hat, die er nicht abstellen kann, zum Beispiel einen Kredit abbezahlt oder in einer teuren Wohnung lebt, muss diese ebenfalls von anderen Quellen als dem On Purpose-Gehalt bezahlen. Und dennoch: Gerade in Berlin kann man mit 20,000€ (über)leben.

Woher weiß ich, ob ich mich darauf einlassen kann?

Ein Rat, den jeder von uns Associates gibt: Kalkuliere vorher genau durch, ob du von etwas über 1,000€ netto im Monat leben kannst. Schreibe dir alle deine Fixkosten auf und versuche realistisch zu veranschlagen, wie viel du im Monat für Essen, Ausgehen, Kleidung und andere Konsumgüter ausgibst. Überlege dir, ob du Kosten streichen kannst (und willst!). Ein Auto, das Du selten benutzt, kannst Du verkaufen; Abonnements und Mitgliedschaften kündigen. Miete und mögliche Kreditraten sowie Telefon- und Internetverträge sind hingegen schwer auszusetzen.

Wenn du dir eine ehrliche Rechnung erstellst, kannst du dir die Frage selbst beantworten. Wenn sich trotz Kürzungen ein Fehlbetrag ergibt, überlege, ob du diesen über Erspartes finanzieren kannst und willst. Wer mit einem Partner zusammenlebt, sollte die Veränderung außerdem mit seinem Partner durchsprechen, schließlich ändert sich damit die finanzielle Situation des ganzen Haushalts. Eventuell wird der Partner für das Jahr ein paar mehr Kosten übernehmen. Zumindest aber sollte er in die Entscheidung mit einbezogen werden.

Wie fühlt es sich an?

Häufig fällt im Gespräch über das On Purpose-Gehalt der Begriff „Studentenleben“. Wir fühlen uns erinnert an die Zeit, als wir studierten und jeden Cent umdrehen mussten. Gleichzeitig haben viele von uns inzwischen etwas angespart und können darauf zurückgreifen – anders als während des Studiums. 

Besonders kompliziert ist die Frage vom Wert der eigenen Arbeit. Anders als im Studium haben wir alle inzwischen einen oder mehrere Abschlüsse, mehrere Jahre Berufserfahrung und waren es gewohnt, in unseren Jobs höher bezahlt zu werden. Wir haben uns dann bewusst dafür entschiedenen, unsere Arbeit einem sozialen Zweck zu widmen und uns dafür bei On Purpose beworben. Wir wussten im Voraus, dass wir während dieses Jahres nur 20,000€ verdienen würden. Trotzdem hat das Gehalt auch eine unbewusste Komponente: Man setzt es mit dem Wert der eigenen Arbeit gleich. In unserer Gesellschaft steht ein hohes Gehalt für Erfolg und Eigenständigkeit. Auch, wenn wir den Sinn unserer Arbeit höher bewerten, so können wir uns von dieser gesellschaftlichen Deutung doch nicht ganz trennen. Wir sind einerseits glücklich, wenn wir unsere Arbeit jetzt als sinnhafter erleben und fühlen uns andererseits doch unterbezahlt – schließlich ist die Art unserer Tätigkeit häufig ähnlich zu dem, was wir früher schon für mehr Geld geleistet haben.

Zu einem guten Teil aufgewogen wird dieses Ungleichgewicht durch die zahlreichen Benefits, die wir während des On Purpose-Jahres erhalten. Ein umfangreiches Coaching, einen Mentor, der uns zur Seite steht, jeden Freitag Fortbildungsseminare, ein breites Netzwerk durch Veranstaltungen, Trainings und natürlich die Placements selbst. Ein Associate zog den Vergleich zu einem MBA: dabei verdienen die Teilnehmer nichts und zahlen stattdessen sogar zehntausende Euro. Natürlich ist On Purpose anders ausgelegt als ein MBA-Studium, aber der Vergleich ist interessant!

Ja, das On Purpose-Jahr lohnt sich. Was danach passiert wird spannend. Hier wird jeder für sich versuchen, die Balance zwischen sinnhaftem Job und gutem Gehalt zu finden.

Über die Autorin

Anna Kümmel

Anna Kümmel ist Associate bei On Purpose Berlin, einem einjährigen Leadership-Programm für soziales Unternehmertum. Anna hat Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und als Marketing-Managerin in einer E-Commerce Agentur gearbeitet.