Ursprünglich erschienen April 2016

Jeder hat es bestimmt schon mal gehört: Gründe niemals mit Deinen Freund/innen, das wird nix. Also staunen die Menschen, wenn wir erzählen, dass wir drei (immer noch) super gut befreundet sind. Nicole und ich wohnen auch noch zusammen. Gründen mit Freund/innen kann also scheinbar gut gehen (oder fragt uns vielleicht noch mal in einem Jahr…).

Auf jeden Fall haben Nicole und ich eine gemeinsame Nachbarin. Frau Schneider*, 89 und alleine lebend. Immer wenn wir sie im Flur sehen (meistens morgens wenn wir noch mit letztem Schluck Kaffee im Hals aus der Wohnungstür rennen), quatschen wir ein bisschen. Wir kaufen auch ab und an für sie ein und letztens hat Nicole Cookies gebacken (eher eine Seltenheit) und bei ihr vorbeigebracht. Wir fragen natürlich auch, wie es ihr geht. “Einsam” ist die häufigste Antwort. “Ich werde da verrückt in diesen vier Wänden mit nur meinem Vogel als Gesellschaft”. Traurig. Und keine Seltenheit.

Ich habe mal von einer alten Frau in London gehört, die eine Krankheit vortäuschte, damit sie Weihnachten im Krankenhaus sein konnte anstatt alleine zu Hause. Die in London tätige Ärztin Ishani Kar-Purkayastha schrieb in der Fachzeitschrift The Lancet über sie, weil Altersisolation zu einer ernst zu nehmenden Sache wird. Laut einer Studie leiden knapp ein Fünftel aller über 80 Jährigen an Einsamkeit.

Deshalb waren wir froh, als wir im Rahmen unserer Suche mit Ben & Jerry’s nach coolen Businesses, die mit Essen Gutes tun, von .kuchentratsch erfahren haben. .kuchentratsch hat ihre Basis in München und liefert mittlerweile auch deutschlandweit ihre 'Omakuchen' aus. Die Idee: ältere Menschen durch das gemeinsame Backen wieder im Alltag zu integrieren und Jung und Alt mit leckeren Kuchen zu versorgen. Und das Ganze mit jahrzehntelang erprobten Rezepten. Neben betriebswirtschaftlichem Wissen aus ihrem Studium bringen die Gründerinnen auch Erfahrung in der Gastronomie mit: Katharina ist gelernte Hotelfachfrau und Katrin hat jahrelang in einer Bäckerei gearbeitet. Das Ziel ihres Projektes war, beides zu kombinieren, und zwar auf einer Art und Weise, die der Gesellschaft zu Gute kommt. So macht man Social Business.

Nach einer erfolgreichen Pilot-Phase hat .kuchentratsch es dann geschafft sich zu vergrößern. Das Social Business hat sich durch eine Crowdfunding Kampagne und vielen fleißigen Unterstützern den Traum einer eigenen Backstube verwirklicht.  

Heute engagieren sich über 35 Seniorinnen und Senioren in der Backstube und treffen sich  zum gemeinsam gebacken, austauschen und vermutlich auch mal zum selber Kuchen essen. Die leckeren Stückchen werden von Lieferopas in mehrere Cafés und Bäckereien in München geliefert oder per Post direkt vor die Haustür. Rentner und Rentnerinnen jeden Alters sind willkommen und können entweder ehrenamtlich arbeiten oder auf Mini-Job Basis angestellt werden. Es geht aber um mehr als Geld. Gemeinsam Kuchen backen, sich austauschen und dabei neue Leute kennenlernen, das ist die Idee von Kuchentratsch. Um Mitleid geht es allerdings nicht. Wer weiß denn nicht schon als Kind, dass die besten Kuchen immer von Oma gebacken werden. Eine ganzheitliche Win-Win Situation.

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Kuchentratsch

Und - wenn alles gut läuft - können Nicole, Nadia und ich dann auch noch wenn wir 89 Jahre alt sind gemeinsam mit anderen neuen Freunden und Freundinnen Kuchen backen.

*Name geändert.

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