ursprünglich erschienen: 13.05.2015

Dieser Artikel stammt von unseren Partnern bei reset.org.

Was haben Car-Sharing, Kleidertauschringe und Couchsurfing gemeinsam? Richtig, hier werden Dinge geteilt und gemeinschaftlich genutzt. Laut dem Time Magazin ist der geteilte Konsum eine der zehn großen Ideen, die die Welt verändern. Aber was genau steckt eigentlich hinter den Begriffen Sharing, geteilter Konsum oder auch Collaborative Consumption?

Während einerseits der Konsum an Neuwaren noch immer ansteigt, gibt es auf der anderen Seite eine Bewegung, die sich in anderen Formen des Konsumierens erprobt: Kleider, Werkzeuge, Möbel, Wohnungen und Autos werden geteilt, getauscht, geliehen und so von schnelllebigen Produkten zu Zirkulationsgütern. In den letzten Jahren hat sich das Spektrum der kollektiven Konsumangebote beständig erweitert. Mittlerweile bieten neben dem klassischen Car-Sharing auch Automobilhersteller innovative Mietkonzepte wie car2go von Daimler oder DriveNow von BMW an. Und tamyca – die Abkürzung für „take my car“ – oder Nachbarschaftsauto sind junge Firmen, die das Autoleihen von Privat an Privat ermöglichen. Neben den verschiedenen Mobilitätskonzepten haben sich auch Plattformen für das Teilen von Gütern und Wohnungen etabliert: bei Frents oder Kleiderkreisel können unter anderem Kleider getauscht oder verkauft werden, bei Couchsurfing oder Airbnb wird Wohnraum auf Zeit weltweit angeboten und gemietet.

All diese Beispiele zeigen: Die Idee des gemeinschaftlichen Konsums zieht aktuell weite Kreise und scheint mehr als eine Mode zu sein. Es ist eine wachsende Bewegung, an der Millionen Menschen weltweit teilhaben. Dies belegt auch die Studie „Deutschland teilt“ der Universität Lüneburg zusammen mit der Sharing-Plattform Airbnb und dem Sozialforschungsunternehmen TNS-Emnid: Neben der Besitz-Ökonomie („Habenwollen“) nimmt auch die Sharing-Ökonomie („Tauschenwollen“) in Deutschland zu. Demnach hat jeder zweite Deutsche schon einmal Erfahrungen mit alternativen Konsumformen („Ko-Konsum“) gemacht, jeder vierte Deutsche hat schon einmal „selten gebrauchte Gegenstände“ von anderen Personen gemietet anstatt diese zu kaufen. Vor allem bei den 14- bis 29-Jährigen sind Sharing-Plattformen beliebt.

Vom Aufstieg des Teilens

Ganz neu sind die Ideen hinter dem geteilten Konsum natürlich nicht. Wohngemeinschaften, Büchereien, Waschsalons und Mehrwegflaschen sind Beispiele für bestehende gemeinschaftliche Nutzungsformen, die es schon seit Jahrzehnten gibt. Und schon in den 1970er Jahren war „Nutzen statt Besitzen“ ein Motto der Ökologiebewegung. Nicht zuletzt handelt es sich bei dem Trend des kollektiven Konsums um eine Wiederbelebung von Nutzungsformen aus Zeiten und Gesellschaften, in denen nicht fast alles zu günstigen Preisen für jeden zu erwerben war – und mancherorts auch noch immer ist. Das wirklich Neue an der aktuellen Bewegung ist daher vor allem ihre große Reichweite.

Die Zahlen sprechen für sich: Couchsurfing.org, die aktuell größte Plattform für kostenfreie Schlafplätze von Privat, hat nach eigenen Angaben eine sehr aktive Community von 6 Millionen Menschen in mehr als 100 000 Städten weltweit. Im Jahr 2012 wurden mehr als vier Millionen Sofas „gesurft“. Und auch das Car-Sharing wächst kontinuierlich: Anfang 2012 nutzten laut dem Bundesverband CarSharing insgesamt 220.000 Menschen ein geteiltes Auto. Aller Voraussicht nach werden diese Zahlen weiter steigen. Dafür spricht einerseits, dass laut einer Umfrage zum Umweltbewusstsein (2010) 26 Prozent der Autofahrer Car-Sharing attraktiv finden. Zudem besitzen immer weniger junge Städter ein eigenes Auto.

„Ich will ein Loch in der Wand, nicht die Bohrmaschine!“ Was genau ist kollektiver Konsum?

Im Englischen werden die alternativen Formen des Konsums mit Collaborative Consumption, Sharing bzw. im Sinne eines eigenen Wirtschaftszweiges als Sharing Economy bezeichnet. Durch die deutschen Medien und Studien schwirren Begriffe wie kollektiver Konsum (bzw. kurz KoKonsum), „Nutzen statt Besitzen“ oder auch geteilter Konsum. Ganz trennscharf sind die Begriffe aktuell noch nicht. Fest steht aber: es geht um das Teilen, Tauschen, Mieten und Schenken von materiellen und immateriellen Ressourcen (Objekte, Raum, Zeit, Fähigkeiten und Erfahrungen), das durch Online-Plattformen und soziale Netzwerke ermöglicht wird. Dabei wird Eigentum und Besitz die gemeinschaftliche Nutzung und das zugänglich Machen von Gegenständen und Dienstleistungen für viele entgegengesetzt.

Zur besseren Orientierung in der Vielfalt der Angebote kann es hilfreich sein, die Nutzungsstrategien in eigentumsbasierte und eigentumsersetzende Ansätze zu unterteilen (vgl. Studie der Heinrich-Böll-Stiftung "Nutzen statt Besitzen", Studie des IÖW):

  • Eigentumsbasierte Ansätze sind z.B. Tausch- und Verkaufsbörsen oder Reparaturangebote wie Ebay, bei denen Dinge für wenig bis kein Geld oder für eine Gegenleistung ihre Besitzer wechseln, aber weiter Eigentum einer Person bleiben.
  •  Eigentumsersetzende Ansätze sind Car-Sharing oder „Jeansleasing“. Beim Teilen (Sharing) und Leasen werden Dinge temporär zugänglich gemacht, das Eigentum verbleibt aber beim Anbieter – der sowohl ein Unternehmen als auch eine Privatperson sein kann. Diese Form des Konsums ohne Eigentum wird häufig auch als „Nutzen statt Besitzen“ bezeichnet.

Vor allem im Bereich des eigentumsersetzenden Sharings haben sich viele neue Geschäftsmodelle herausgebildet. Dazu gehören öffentliche Angebote von Sharing-Dienstleistungen (Public Sharing) wie kommunale Fahrradverleihsysteme sowie Sharing –und Pooling-Plattformen, die geteilten Konsum von Privat zu Privat ermöglichen. Beispiele sind hier Nachbarschaftsauto, Frents, Leihdirwas oder Flinc, die App für kurzfristige Mitfahrgelegenheiten innerhalb eines sozialen Netzwerks. (Quelle: Studie des IÖW) In all diesen Beispielen findet ein Wandel von Eigentum zu Dienstleistungen statt.

Eine Sonderform ist das Leasing. Im Gegensatz zum Sharing, bei dem selten genutzte Güter mit einem zeitgleich begrenzten Nutzungsrecht möglichst vielen Nutzern zugänglich gemacht werden, verbleibt beim Leasing das Leasingobjekt über einen längeren Zeitraum bei einer Person. Ein innovatives Beispiel ist das Konzept „Lease a Jeans“: gegen einen monatlichen Betrag wird die Jeans zur Verfügung gestellt, nach Ablauf eines Jahres kann sie entweder weiter „geleast“ oder gegen eine neue getauscht werden.

Außerdem lassen sich die verschiedenen Konzepte auch nach ihren Zielgruppen sortieren – so kann sich ein Angebot von Verbraucher an Verbraucher richten (z.B. Kleiderkreisel), von Unternehmen an Endverbraucher (z.B. Car2go oder der Werkzeugverleih im Baumarkt) oder zwischen Unternehmen (z.B. Chemikalien-Leasing) abspielen.

Konsum 2.0 – Gemeinsam sind wir reich!

Warum für viel Geld eine Bohrmaschine erwerben, die doch kaum genutzt wird und viel Platz wegnimmt? Wozu ein Auto besitzen, wenn ich via Flinkster, Car2Go oder Flinc je nach Bedarf auf ein Rad, eine Mitfahrgelegenheit oder einen Transporter zurückgreifen kann? Bei den meisten Konsumenten steht der persönliche Nutzen an erster Stellen; sie nehmen Teil-, Leih- und Tausch-Angebote wahr, um Geld, Platz und Zeit zu sparen. Oder auch, um außergewöhnliche Orte kennen zu lernen und Kontakte zu knüpfen, wie im Fall von Airbnb oder Couchsurfing, den Plattformen für Übernachtungsmöglichkeiten von Privat. Wird die Wohnung geteilt, ergibt sich der Austausch fast von selbst. Die Gastgeber können mit Insider-Tipps den Urlaub bereichern, die Gäste bringen neue Kulturen und Perspektiven in die eigenen vier Wände.

Doch hinter Collaborative Consumption stecken häufig auch politische und ökologische Motive und nimmt Bezug auf gesellschaftliche Missstände. Beispiele sind Food-Sharing-Gemeinschaften als Antwort auf die Lebensmittelverschwendung oder die solidarische Landwirtschaft, bei der ein landwirtschaftlichen Betrieb und eine Gruppe privater Haushalte gemeinsam wirtschaften. Für die Betriebe bedeutet das Planungssicherheit und Marktunabhängigkeit, die Verbraucher erhalten faire, biologische und regionale Lebensmittel  – und Mitbestimmung.

Wieso aber erfreuen sich derartige Nutzungsansätze ausgerechnet jetzt einer so großen Beliebtheit? Das Internet macht es möglich! Zu keiner Zeit war Kommunikation und Austausch derart raum-und zeitbefreit. Erst dieses Vernetzungs- und Verwaltungstool hebt das Teilen und Tauschen auf die Ebene riesiger Bevölkerungsgruppen. Dazu kommt noch eine Eigenart des Internets: Weite Bereiche des Netzes sind auf dem Prinzip des Teilens von Informationen, Texten oder Musik aufgebaut – sei es in kommerzieller oder nichtkommerzieller (CC-Lizenzen etc.) Form. Damit erfahren Menschen jeden Tag, dass kein exklusives Eigentum an Dingen nötig ist, um ihre Vorteile nutzen zu können. Außerdem machen unkomplizierte Zahlungsmodalitäten und die Vielfalt der Angebote im Internet den Austausch leicht. Zum Beispiel funktioniert die Organisation spontaner Mitfahrgelegenheiten des Anbieters flinc.org über die kurzfristige Verbindung der Anbieter mit den Nachfragern via Smartphone, App und Navigationssoftware.

Eine wichtige Voraussetzung der internetgestützten Leih-, Miet- und Tauschmodelle ist Vertrauen. Vertrauen, dass meine Dinge von unbekannten Menschen gut behandelt werden und ich nicht hinters Licht geführt werde. „Vertrauen ist die neue Währung“ postuliert auch Rachel Botsman, die zusammen mit Roo Rogers das aktuell viel zitierte Buch „What’s mine is yours. The Rise of Collaborative Consumption“ geschrieben hat, ein. Hergestellt wird das Vertrauen durch ein Nutzerprofil samt Bewertungsmöglichkeiten. Einer wachsenden Zahl an „Commonisten“ reicht das aus, um in den Tauschhandel einzusteigen.

Nichts geht ohne Interaktion: Vor allem innerhalb der Leih- und Tauschnetzwerke von Privat zu Privat entstehen neue Gemeinschaften, sei es eine Gruppe an Menschen, die sich zum regelmäßigen Kleidertausch trifft, Autos miteinander teilt oder eine medial unterstütze Community wie WHYown.it, bei der jeder User sein Freundes-Netzwerks nach den benötigten Dingen durchsuchen kann.

Commoner sind Ressourcensparer

Wird verantwortungsvoller Konsum weitergedacht ist schnell klar, dass der schlichte Austausch von “schlechten” – weil sozial-ökologisch nicht korrekt – mit “besseren” Produkten nicht allein die Antwort auf die drängenden Probleme unserer Zeit – Stichwort Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung und Ausbeutung von Menschen – sein kann. Auch wenn die meisten Nutzer eher finanzielle als ökologische Motive umtreiben dürfte, so kann die Tausch- und Teilkultur doch einen Beitrag gegen die Ressourcen vernichtende Überproduktions- und Wegwerfkultur leisten.

Schon die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ hebt 1996 hervor, dass „eine Konsumgesellschaft, die zukunftsfähig bleiben will, (...) zu einem guten Teil die Logistik ihrer Waren an der Nutzung und nicht am Besitz ausrichten wird“. Und auch das Umweltbundesamt stellte 1997 in seinem Bericht „Nachhaltiges Deutschland – Wege zu einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung“ fest, dass die „Umorientierung des Konsums im Hinblick auf eine Nutzung der Produkte anstelle ihres Besitzes“ ein „bedeutsamer neuer Aspekt“ ist.

Um das Einsparpotential der Umorientierung vom Besitzen zum Nutzen zu erkennen braucht es keine Rechenkünste: eine private Bohrmaschine z.B. wird im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 45 Stunden genutzt, über 300 Stunden könnte sie aber problemlos eingesetzt werden. Wird die Bohrmaschine geteilt, können die Nutzungsdauer ausgeschöpft und zusätzlich noch mehrere Maschinen ersetzt werden. Durch einen intensiven (Güter-)Austausch haben wir Zugang zu Gütern aller Art, ohne selbst komplett ausgerüstet zu sein. Der geteilte Konsum reduziert so die Gütermengen, ohne dass wir unseren Lebensstandard senken müssen. (Quelle: Studie der Heinrich-Böll Stiftung "Nutzen statt Besitzen")

Wie viel Ressourcen und Energie ein Nutzungsmodell spart hängt jedoch von den Rahmenbedingungen ab, z.B. den Transportwegen zwischen altem und neuen Nutzer bzw. Nutzer und Anbieter (hier gilt: je länger der Transportweg, desto geringer die Einsparungen), der Produktart (werden alte, ineffiziente Produkte durch Weitergabe länger verwendet, kann das eine schlechtere Umweltbilanz haben als der Neukauf eines effizienteren Gerätes) und den sogenannte Rebound-Effekten: Lädt der günstigere Konsum zu mehr Konsum ein, können Einsparungen schnell wieder aufgewogen werden. Ausführlich dazu die Studie der Böll-Stiftung "Nutzen statt Besitzen", die exemplarisch drei verschiedene „Nutzen statt Besitzen“-Praktiken untersucht.

Allgemein gilt: Je mehr ein Produkt genutzt wird, desto effizienter ist es. Daher sind Sharing-Modelle mit einer kurzen Nutzungsdauer von vielen Nutzern meistens ressourcenschonender als die Wiederverwendung (Second-Hand). Außerdem haben regionale Leih- und Tauschgeschäfte von Produkten mit langem Innovationszyklus das größte Einspartpotential, da weite Transportwege und Verpackungsmaterialien wegfallen und die Technik nicht schon längst von weitaus effizienteren Modellen überholt wurde.

Was bringt die Zukunft? Leichter Leben statt Besitzen!

Das Potential von Collaborative Consumption als Handlungsoption für eine ressourcenschonende Zukunft ist groß: mit dem kollektiven (Aus-)Tausch wird Müll vermieden, Energie gespart und Ressourcen werden geschont. Doch aktuell sind alternative Nutzungsstrategien nach wie vor Nischenphänomene. Daher stellt sich die Frage: Wie lassen sich noch mehr Menschen erreichen?

Sicherlich können die verschiedenen Angebote und die zunehmende Professionalisierung der Leih-Industrie auch das Vertrauen in die Shareconomy insgesamt steigern und zu größerer Beliebtheit und Reichweite führen. Ein entscheidender Faktor wird dabei der Aufwand für das Ausleihen sein - je geringer desto besser.

Es braucht aber auch einen Wandel in der Bedeutung des Eigentums, um die Vorteile des geteilten Konsums auf breiter gesellschaftlicher Ebene zu verankern: wie befreiend es ist, weniger zu besitzen, wie viel mehr Platz gewonnen werden kann durch weniger Gegenstände und die Zeitersparnis, wenn Pflege und Wartung der Besitztümer wegfällt.

Auf politischer Ebene können Weichen gestellt werden, um den geteilten Konsum als Alternative zum Besitz voranzutreiben. Die Politik hat das Potenzial dieser Ansätze zwar bereits erkannt; im Deutschen Ressourceneffizienzprogramm heißt es, dass „die Nachfrage nach Produkten auch mit wesentlich geringerem Ressourcenverbrauch durch Dienstleistungen befriedigt werden [kann] – z. B. durch ‚Nutzen statt Besitzen‘. “ Doch aktuelle Regulierungen haben sich daraus nicht ergeben. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Das IÖW empfiehlt in seiner Studie „Alternative Nutzungskonzepte
– Sharing, Leasing und Wiederverwendung" z.B. eine erweiterte Produzentenverantwortung (z.B. eine Rücknahmeverpflichtung kann den Anreiz erhöhen, durch Miet- bzw. Leasingkonzepte geschlossene Materialienkreisläufe zu schaffen), Abfallvermeidungsprogramme (z.B. durch Formulierung von Abfallvermeidungszielen und Ziele für geteilte Nutzung plus deren Förderungen) und eine öffentliche Forschungsförderung im Bereich des geteilten Konsums.

Einen spannenden Weg möchte die dicht besiedelte Stadt Seoul gehen und zur "Sharing City" werden. Auf Initiative des Bürgermeisters sollen Sharing-Angebote innerhalb der Stadt ausgebaut werden. Schön wäre es, wenn auch andere Städte und Regionen ähnliche Ziele formulieren.

Suchst noch nach passendem Sharing-Angebot? Tipps und Links findest du in unserem Artikel Meins ist Deins!"

3sat Report: Wem gehört die Welt - Wachstum durch Teilen

Quellen und Links

Autorin: Indra Jungblut, RESET-Redaktion/ 2013

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