ursprünglich erschienen: 28.05.2015

Eine Überfliegerin. Esra Kücük hat die Idee zur Jungen Islam Konferenz entwickelt, um jungen Menschen mit und ohne muslimischen Migrationshintergrund ein Forum für Austausch und eine institutionalisierte Stimme in der politischen Debatte rund um das Thema Islam und Muslime, Vielfalt und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland zu bieten. Die gebürtige Hamburgerin ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und promoviert an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo sie ebenfalls die Junge Islam Konferenz – Deutschland leitet. Aber es war nicht immer leicht, wie Die Zeit berichtet: "Der Weg von Esra Küçük schien vorgezeichnet: Geboren und aufgewachsen im Süden Hamburgs, in einem Viertel, in dem die S-Bahn Orient Express genannt wird und in dessen Grundschule deutsche Muttersprachler eine gewisse Exotik haben – wie naheliegend war da die Hauptschule und wie abwegig das Gymnasium. Der Überzeugung waren zumindest Rektorin und Lehrer an ihrer Grundschule. Da halfen Esra auch die Einser und Zweier im Zeugnis der vierten Klasse nicht. "Unsere Schüler sind grundsätzlich nicht fürs Gymnasium geeignet", sagte die Rektorin ihrer Mutter und verweigerte die Empfehlung"

Sie sind in Hamburg aufgewachsen aber leben jetzt in Berlin. Merken Sie Unterschiede zwischen den beiden Städten, gerade im Bezug auf interkulturelle Beziehungen bzw. Spannungen?

Sowohl Hamburg als auch Berlin zeichnen sich aus durch ihre heterogene und kosmopolitische Gesellschaft mit besonderer Weltoffenheit, die man in anderen Regionen vielleicht nicht in dem gleichen Ausmaß genießen kann. Die antiislamische Pegida-Bewegung hat uns nochmal vergegenwärtigt, dass muslimfeindliche Ressentiments vor allem in Regionen aufblühen, in denen es kaum Kontakt zwischen den Bevölkerungsgruppen gibt. Doch natürlich gibt es auch in Städten wie Hamburg und Berlin große Unterschiede zwischen den einzelnen „Kiezen“, was die Lebensverhältnisse, Kontakträume und soziale Spannungen betrifft. Mir ist bewusst, dass ich mich in Berlin-Mitte unter einer Art intellektuellen Käseglocke befinde.

Ich bin im Süden von Hamburg in einem sozialen Brennpunkt aufgewachsen, der sich wenig durch soziale Mobilität auszeichnete sondern mehr mit sozialer Segregation, Kleinkriminalität und häuslicher Gewalt. Unsere JIK-Themen sind aus meiner Sicht aber überall relevant – ob in Großstädten oder in der Provinz, in sozialen Brennpunkten, im Szeneviertel oder in der idyllischen Vorstadt. Denn auch in bürgerlichen Kreisen bleiben Negativbilder von „dem“ vermeintlichen Islam und „den“ Muslimen sehr salonfähig. Das ist natürlich viel latenter als eine offene Auseinandersetzung auf der Straße, aber viel wirkmächtiger in der Gesellschaft. Wir wollen aber nicht nur auf die Konflikte schauen, sondern auf positive Aspekte, auf das ganz normale, alltägliche, friedliche Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in der Einwanderungsgesellschaft. Darüber wird nämlich viel zu wenig berichtet.

Was war Ihre persönliche Motivation, die JIK zu starten? Gab es einen bestimmten Moment, an dem Ihnen klar wurde, dass Sie irgendwas unternehmen mussten?

Die rassistische Buchpublikation „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin 2010 und die dadurch losgetretenen öffentlichen Debatten, die fremdenfeindliche/ muslimfeindliche Stimmung im Land waren ein wichtiger Auslöser für meine Initiative. Ich hatte einfach das Gefühl, dass sich das junge neue Deutschland auch zu diesen Themen zu Wort melden müsse, um etwas zu unternehmen gegen diese rassistischen Diskurse, die sich breit machten. Vor unserer Gründung gab es kein herkunftsübergreifendes Forum für junge Menschen, um über Islam- und Muslimbilder in der Gesellschaft zu reflektieren. Ausgangsidee war außerdem, dass die JIK die 2006 ins Leben gerufene Deutsche Islam Konferenz (DIK) mit einer unabhängigen, überparteilichen, jungen Perspektive begleiten sollte.

Die jungen Stimmen, die in einem vielfältigen Deutschland aufwachsen waren in der Diskussion unterrepräsentiert. Also haben wir selbst das Netzwerk und damit eine Plattform für junge Menschen gegründet, die die öffentliche Diskussion über Muslime in Deutschland positiv vorantreiben sollte. Mit den Jahren haben wir uns erweitert und begleiten nun ein erweitertes Themenspektrum. Wir hinterfragen in der Öffentlichkeit bestehende Vorurteile und Negativbilder. Deutschland hinkt in mehrfacher Hinsicht den pluralen Realitäten noch immer hinterher. Es fehlt vor allem ein Narrativ, das die Einwanderungsgesellschaft in ein positiveres Licht rückt und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt wirklich voranbringt.

Sie promovieren gerade. Wie finden Sie es Ihre wissenschaftliche Arbeit mit einer solchen praktischer Tätigkeit zu vereinbaren? Was würden Sie anderen Menschen raten, die vielleicht selbst überlegen auch aus der Uni Karrierebahn auszubrechen?

Das ist schon eine organisatorische Herausforderung, die viel Disziplin erfordert. Ich würde jedem raten, sich das gut zu überlegen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung im Rahmen meiner Dissertation gibt mir viele Impulse für meine praktische Arbeit, die ich nicht missen möchte. Für mich sind die beiden Bereiche kein Widerspruch, sondern greifen ineinander. In der JIK haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, dass in der Wissenschaft vorherrschende Wissen jugendgerecht aufzuarbeiten und mit Methoden der außerschulischen politischen Bildungsarbeit zu vermitteln. Eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung ist für mich ohnehin unabdingbar.

Warum ist es für Sie wichtig sich bei der Konferenz auf junge Menschen zu konzentrieren?

Es gibt viele gute Gründe für diese junge Zielgruppe: Es ist ein wichtiges Zeitfenster, das wir nutzen, denn eine (wertschätzende oder negative) Haltung gegenüber gesellschaftlicher Vielfalt wird vor allem in jungen Jahren geprägt. Wichtige Sozialisationspunkte junger Menschen, in denen Bilder und Einstellungsmuster verinnerlicht werden, sind v.a. die Schule, Familie, Nachbarschaft und Peergroups. Deshalb ist es wichtig, sie in dieser Lebensphase bereits interkulturell zu sensibilisieren. Unsere Konferenzteilnehmer sind herkunftsübergreifend und zur Hälfte muslimisch und nicht-muslimisch zusammengesetzt und das besteht in unserem Netzwerk fort. Der dadurch entstehende Perspektivwechsel und Austausch birgt viel Dynamik und eine Menge Aha-Effekte.

Interessanterweise sehen wir bei der jungen Generation ohnehin weniger Vorbehalte und Ängste gegenüber Muslimen und dem Islam, denn viele von ihnen sind bereits selbstverständlich in einem vielfältigen Deutschland aufgewachsen. Allerdings ist diese junge, viel offenere Generation in vielen integrationspolitischen Entscheidungsgremien und auch in der muslimischen Verbandslandschaft unterrepräsentiert. Dabei sind von den vier Millionen Muslimen, die in Deutschland leben, etwa die Hälfte unter 25 Jahre alt. Unsere Zielgruppe, die von 17 bis 25 Jahre reicht, gibt also genau diesen jungen Menschen eine Plattform, von der aus sie sich in den Diskurs einbringen und politische Prozesse mitgestalten, indem sie Empfehlungen an die Politik richten und mit den Entscheidern in Dialog treten.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie von Vorfällen wie in Tröglitz [die Verbrennung des Flüchtlingsheims] hören?

Erschrocken und traurig, aber auch bestätigt darin, dass es in Deutschland leider noch immer viele Menschen gibt, die menschenverachtende und undemokratische Gesinnungen haben. Tröglitz verdeutlicht, dass Menschen für gesellschaftliche Veränderungen begleitende Prozesse brauchen. Die humanitäre Verantwortung Deutschlands in der Asylfrage ist meiner persönlichen Ansicht nach nicht zu verhandeln. Die Geschehnisse in Tröglitz verdeutlichen aber, dass wir dies noch deutlicher den Menschen in unserer Gesellschaft vermitteln müssen.

Was macht Sie zu einem Changer?

Wir arbeiten mit unserem Projekt auf verschiedenen Wirkungsebenen: Unsere jungen Teilnehmenden der Bundes- und Länderkonferenzen werden zu Multiplikator/innen in einem bundesweiten JIK-Alumni-Netzwerk, die das Erfahrene und Gelernte in ihren eigenen Peer-Groups weitergeben. Neben wissenschaftlichem und politischem Grundlagenwissen zu islambezogenen Themen, dem Austausch mit Experten und der intensiven Erfahrung des Perspektivwechsels im politischen Planspiel auf den Länderkonferenzen, geben wir den JIK’lern auch methodisches Werkzeug für Moderation und Training mit auf den Weg. Hierfür haben wir mit unserem Kooperationspartner Dialog macht Schule ein eigenes Ausbildungsformat für Diversity-Peer-Trainer konzipiert, das diesen Sommer startet.

Was uns von unserem Netzwerk häufig nach den Konferenzen gespiegelt wird ist, dass die Begegnungen, das gemeinsame Erarbeiten von Ergebnispapieren eine sehr empowernde Wirkung haben, die motiviert, sich weiter gegen Diskriminierung und antimuslimische Vorbehalte zu engagieren. Es stimmt natürlich: eine wertschätzende Haltung kann man einem anderen Menschen nicht so einfach „übertragen“. Nicht alle Menschen in unserer Gesellschaft sind Vielfalt gegenüber positiv eingestellt. Wenn dem so wäre, wäre unsere Aufgabe ja auch erledigt. Das wäre schön. Da es aber gerade beim Thema Islam oft um Desinformation und undifferenzierte Wahrnehmungen und Ängste geht, sind fundierte Fakten und Argumente ein guter Anfang. Auch können allein durch den direkten Kontakt schon Vorbehalte und Ängste abgebaut werden. Ganz wichtig erscheint uns, dass wir noch stärker auf der emotional-narrativen Ebene ansetzen müssen, damit religiöse und kulturelle Vielfalt als Normalität im Land empfunden werden.

Hier spielen die Medien eine wichtige Rolle, aber auch die Institution Schule, die als erster Sozialisationsort das Denken maßgeblich prägt. Vor allem in diesen Bereichen erarbeitet unser Netzwerk Empfehlungen, die an die Verantwortlichen aus Medien, Bildung und Politik übergeben werden. Wir arbeiten außerdem gerade an pädagogischen Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulmaterialien im Bereich Diversity und Islam in Deutschland. Damit können wir einen sehr wichtigen Impact entfalten, den wir dann mit unserer Öffentlichkeitsarbeit und den politischen Debattenimpulsen begleiten.

Foto: Nina Pieroth

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