Gleich mal vorweg: Texte zu gendern hat nichts mit Sprachpolizei und starren Regeln zu tun. Es gibt kein Schema F fürs Formulieren. Um gendersensibel zu schreiben, müssen wir uns nur angewöhnen, die vorhandenen Mittel kreativ auszuschöpfen und bei Bedarf genderbewusste Akzente zu setzen.

Gendersensible Texte und Publikationen haben jedoch viel mit einer inneren Haltung zu tun – und der Entscheidung, auch mit gezielter Wort- und Bildwahl sowie mit differenzierten Inhalten zu Gleichberechtigung und Vielfalt in unserer demokratischen, pluralistischen Gesellschaft beitragen zu wollen.

Das Ziel von gendersensibler Sprache: Die Möglichkeiten und vielfältigen Lebensrealitäten in unserer Gesellschaft gleichberechtigt sichtbar zu machen – und nicht (vielleicht) nur mitzudenken.

Unsere Sprache prägt unsere Wahrnehmung der Realität.

„Genderwahnsinn“, „Verhunzung der deutschen Sprache“ oder auch von Kabarettisten gerne gebrauchte Überspitzungen wie „Mitgliederinnen und Flaschenöffnerin“. Ehrlich gesagt: dieser Pawlow’sche Geiferfluss beim Schlüsselreiz „Gendern“ und die billigen Lacher sind nervtötend, ebenso wie die gerne genutzte Abwehrfrage: „Haben wir keine anderen Probleme?“ Doch, haben wir tatsächlich. Aber unsere Sprache sollte zumindest nicht Teil dieser Probleme sein und sie nicht verfestigen oder gar befeuern. Denn unbestritten ist: Mit Sprache lässt sich Politik machen. Was wir (nicht) lesen oder (nicht) hören und sehen, prägt unsere Wahrnehmung der Realität und unsere Vorstellung davon, was in unserer Gesellschaft selbstverständlich und möglich oder nicht möglich ist.

Mitgemeint oder deutlich sichtbar?

Das gilt in die eine wie die andere Richtung. So gibt es inzwischen zahlreiche Studien, die belegen, dass Frauen eben nicht automatisch mitgedacht und dann auch mitbenannt werden, wenn im sogenannten generischen Maskulinum (übersetzt: im allgemeingültigen Sinn nicht stellvertretend für etwas Spezifisches, sondern für eine ganze Klasse, Gattung oder Menge, Quelle: wikipedia) nach Fernsehköchen, Schauspielern oder Ministerpräsidenten gefragt wird. Erst wenn in der Frage explizit die männliche und weibliche Sprachform benutzt wird, werden auch Frauen in solchen Positionen mitgedacht, aufgezählt und dadurch unmissverständlich sichtbar gemacht.

Auf der anderen Seite wird für Mädchen die Berufsentscheidung für bislang noch männerdominierte MINT- (=Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) und Handwerksberufe deutlich vorstellbarer, wenn sie zuvor von Frauen als erfolgreiche Ingenieurinnen, Handwerkerinnen, Wissenschaftlerinnen hören und lesen. In vielen Bereichen wie Gesundheitsthemen, sozialen Themen und Berufen etc. gilt umgekehrt übrigens ebenso, Männer und Jungen sichtbarer zu machen, Inhalte für ihre Lebenssituationen zu differenzieren.

Auf dem Weg zu Diversity

Der Auftrag ist also klar: Kein Geschlecht darf dominieren, Rollenklischees sollen nicht verfestigt, die Lebensrealitäten aller Geschlechter ausgewogen berücksichtigt werden. Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom September 2017 schließt das übrigens auch explizit Geschlechtsidentitäten von intersexuellen, transgender und transsexuellen Personen mit ein. Die Vision dabei ist, dass gendersensible Sprache, Inhalte und Bilder letztlich zu einer Sprache, zu Inhalten und Bildern in Publikationen führen, welche selbstverständlich die gesamte Vielfalt unterschiedlicher Lebensrealitäten sichtbar machen: nicht nur von Menschen unterschiedlichen Geschlechts, sondern auch unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Religion und Herkunft. Gendersensible Sprache ist damit der erste Schritt zu „Diversity-sensibel“.

Gendersensibel heißt nicht unleserlich.

Doch was heißt das in Wort, Bild und Inhalt von Texten für die Öffentlichkeit? Und wie schafft man es, dass gendersensibel nicht gleichzeitig unleserlich bedeutet durch die vielen Dopplungen (Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen) und Kurzformen mit Schrägstrich (Mitarbeiter/-innen), Binnen-I (MitarbeiterInnen), Unterstrich (Mitarbeiter_innen) oder Asterisk (Mitarbeiter*innen)?

Tipp 1: Kurzformen – und ihre Probleme

Dieses Gendersternchen setzt sich, wenn auch vom Duden [Richtig gendern. Wie Sie angemessen und verständlich schreiben. Duden 2017] als Schreibweise nicht offiziell abgesegnet, in Institutionen, die nicht wie Schulen, Behörden etc. an amtliche Regeln gebunden sind, als gendergerechte Kurzform immer mehr durch. Der Vorteil bei der Schreibweise „Mitarbeiter*innen“ wie auch bei „Mitarbeiter­_innen“ liegt darin, dass sie im Vergleich zur offiziellen Variante „Mitarbeiter/-innen“ alle Geschlechtsidentitäten (männlich, weiblich, intersexuell, transgender, transsexuell) einschließt.

Kurzformen haben jedoch auch ihre Probleme. Beim laut Lesen müssen sie z. B. aufgelöst werden. Der Duden empfiehlt hier übrigens, einfach in die Dopplung zu gehen. Bei „usw. oder etc.“ würden wir ja auch automatisch das gesamte Wort lesen. Bei an-einandergereihten Kurzformen („ ein/e flexible/r Mitarbeiter/-in, der/die …“) ergeben sich zudem oft grammatisch falsche Bezüge, wenn man die Schrägstriche auflöst („ein flexible Mitarbeiter“, „eine flexibler Mitarbeiterin“). Hier kann der Plural helfen („Flexible Mitarbeiter/-innen, die …“).

Mach die Weglassprobe!
  • Nach dem Weglassen des Schrägstrichs muss ein korrektes Wort entstehen: „Antragsteller/in“ = „Antragstellerin“.
  • Nicht korrekt ist: „des/der Antragstellers/in“ = „Antragstellersin“ oder „Abiturienten/innen“ = „Abiturienteninnen“.

Tipp 2: Personenbezeichnungen vermeiden

Wenn es nicht gerade darum geht, die Unterrepräsentanz von Frauen und auch Männern in bestimmten Berufen, Positionen etc. aufzulösen und gleichberechtigte Teilhabe sichtbar zu machen, ist es am elegantesten, Nomen zu vermeiden. Wer statt Personenbezeichnungen mit Verben, Adjektiven oder der direkten Anrede arbeitet, umgeht die Frage nach dem Geschlecht. Und: Texte werden dadurch generell lebendiger und leichter zu lesen. Unsere Sprache bietet hier viele Möglichkeiten:

  • „Kursteilnehmer*innen“ sind zum Beispiel „alle/diejenigen, die am Kurs teilnehmen“;
  • Statt „Alle Müllverursacher/-innen sind verpflichtet …“ lässt sich auch sagen: „Wer Müll verursacht, …“.
  • Wenn „Saunabenutzer und -benutzerinnen“ etwas beachten müssen, könnte es auch gleich heißen: „Bitte beachten Sie …“. Das Geschlecht wird dabei wohl eher keine Rolle spielen.
  • Und wie wär’s mal mit einem Adjektiv statt eines Nomens? Also „ärztlicher oder fachkundiger Rat“ statt „Rat eines Arztes oder Fachmanns“, wenn nicht gerade eine bestimmte Person damit gemeint ist.
  • Hilfreich ist auch zu überlegen, ob Personen oder die Handlung im Vordergrund steht: Wenn also Teilnehmer und Teilnehmerinnen (oder auch Teilnehmende) an einer Veranstaltung zu irgendetwas berechtigt sind, dann kann man auch sagen, dass die Teilnahme zu etwas berechtigt.

Tipp 3: das DNA-Prinzip

Gendern wird meist gleichgesetzt mit Dopplung (Studenten und Studentinnen). Auch geschlechtsneutralisierende, substantivierte Partizipien oder Adjektive (Studierende, Mitarbeitende, Stimmberechtigte) setzen sich immer mehr durch. Eine dritte Variante bietet die Abstraktion. Dann wird aus dem korrekten, aber eben etwas umständlichen, „Handbuch für Studenten und Studentinnen“ über das neutrale „Handbuch für Studierende“ das nicht mehr an Personen gebundene „Studienhandbuch“. Diesen Mix der Möglichkeiten hat die Linguistikprofessorin Luise F. Pusch auf die griffige Kurzformel „DNA“ gebracht: Dopplung, Neutralisierung, Abstraktion.

Wechsle ab!
Geschlechtsneutrale Formulierungen wie „ Lehrkraft“ oder „Person“ machen Texte auf Dauer allerdings auch blutleer. Ebenso die abstrakten, personenungebundenen Begriffe wie etwa „Leitung“ oder „Präsidium“. Also: Jongliere mit den DNA-Bällen und wechsle ab.

Tipp 4: die Paarformel als Botschaft

Alle drei Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Die Dopplung ist lang, macht – dauer- und formelhaft benutzt – Texte unleserlich. Sie macht aber auch unmissverständlich klar, dass eine Gruppe aus Männern und Frauen besteht oder ein Amt oder eine Position von einem Mann oder einer Frau besetzt sein kann. Gerade bei Funktionen mit hohem Prestige, in denen Frauen nicht oder nur selten vertreten sind, betont diese doppelte Formulierung die grundsätzliche Gleichberechtigung und wirkt wie ein klares Signal: „Die Bundespräsidentin oder der Bundespräsident repräsentiert den Staat.“ In welchem Zusammenhang auch immer solch eine „Mission zur Gleichberechtigung“ angebracht scheint, lohnt es sich, bewusst auf die Dopplung zu setzen („Die Schülerinnen und Schüler arbeiten gemeinsam an der Kreissäge.“).

Tipp 5: Text durchschütteln – und ganz neu schreiben

Es gibt kein allgemeingültiges Rezept für geschlechtergerechten Sprachgebrauch. Jede Methode hat ihre Vor- und Nachteile. Statt Texte im Nachhinein mit einem „Genderfilter“ formelhaft zu verändern (zum Beispiel immer mit Paarformeln , Kurzformen oder geschlechtsneutralen Formulierung), ist es sinnvoll, sich bereits bei der Auswahl der Inhalte und der Personen die richtigen Fragen zu stellen. „Welches Ziel verfolgt der Text? Wen und was will ich erreichen? Und wer ist davon wie betroffen?“ Diese Vorarbeit ist das A und O. Und nutze die Chance, kreative Lösungen zu finden, mit denen du selbst einverstanden bist. Variiere die verschiede­nen Möglichkeiten oder stelle Satzbau und Struktur deines Textes einfach um. Das kann deinen Text länger machen. Aber auch besser.

Fazit: Gendersensible Sprache ist unmissverständlich.

Gendersensible Sprache bedeutet in erster Linie: genaues und unmissverständliches Formulieren. Deshalb finde ich es auch nicht hilfreich, männliche und weibliche Formen in einem Text abzuwechseln. Das stiftet nur Verwirrung. Am Ende weiß niemand mehr, wer wirklich gemeint ist. Gendersensible Sprache ist genau, eindeutig, unmissverständlich, selbsterklärend, konkret und (buchstäblich) ansprechend. Vom generischen Maskulinum kann man das nicht sagen, wie auch die häufig immer noch genutzten, erklärenden Fußnoten zu Beginn von nicht-gegenderten Texten belegen. Frau muss also Kleingedrucktes lesen, um zu wissen, dass sie mit gemeint ist. Das ist nichts anders als Diskriminierung und inakzeptabel. Wem jetzt schon konkrete, auf den Punkt gebrachte Schreibe am Herzen liegt, ist von geschlech­ter­sensiblen Texten nicht mehr weit entfernt. „Gendern“ ist dann nur mehr ein letzter Baustein, um Publikationen aller Art zu verbessern.

Checkliste für gendersensible Texte

Planung

  • Welches Ziel hat der Text? Wie kann es mit einem Gender-Blick noch besser erreicht werden?
  • Wer wird mit dem Text gezielt angesprochen und erreicht?
  • Frauen? Männer? Beide?
  • Welche Relevanz hat das Thema für Männer, welche für Frauen?

Inhalte

  • Ist das Thema so aufbereitet, dass es die unterschiedlichen Interessen, Leistungen, Eigenschaften von Männern und Frauen gleichberechtigt darstellt?
  • Sind verallgemeinernde Aussagen vermieden?
  • Ist das Zahlenmaterial nach Geschlechtern differenziert?
  • Ist männlicher und weiblicher Sachverstand ausgewogen mit eingeflossen bzw. zitiert?

Bilder / Illustrationen

  • Sind Männer und Frauen gleichwertig und gleichberechtigt dargestellt? (Statt: Mann vor dem PC, Frau schaut zu. Besser: Mann und Frau vor einem eigenen PC)
  • Sind die Bilder frei von Geschlechterklischees (Männer im öffentlichen Raum, Frauen in häuslicher Umgebung / Mann aktiv, Frau passiv / Mädchen beim Blumenpflücken, Jungs beim Sägen)
  • Ist die Kameraeinstellung frei von Sexualisierungen und Stereotypen? (z. B. Mann in Porträt-, Frau in Ganzkörperaufnahme)
  • Sprechen die Motive beide Geschlechter an?

Sprache

  • Sind die sprachlichen Möglichkeiten kreativ genutzt? Wechseln sich Paarformen, neutrale und abstrakte Begriffen ab?
  • Sind die Verben für die Handlungen von Frauen und Männern gleichwertig (also nicht: „er stellt fest – sie meint, er fordert – sie wünscht“)?

Carmen Sorgler betreibt mit Elisabeth Ehrhorn die Agentur pfiff - Pressefrauen in Frankfurt. Neben Textarbeit und Beratung zur Planung von Öffentlichkeitsarbeit gibt sie Seminare für Behörden, Stadtverwaltungen und Organisationen zu "Wie die Presse tickt", "Mit dem Kopf der Zielgruppe denken", "Reden schreiben (fast) leicht gemacht" und "Gendern tut ja gar nicht weh".

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