Perspektive #2 : Lisa Jaspers, Wirtschaftsökonomin und Gründerin des Fair Trade Fashion Labels Folkdays

Auch wenn die Diskussion um die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik in den letzten Monaten stark nachgelassen hat, so zeichnet sich durch die wieder ansteigenden Zahlen von Flüchtlingen, die über das Mittelmeer versuchen, Europa zu erreichen und häufig dabei umkommen, eine neue Welle der Not und somit neue politische Debatten ab. Und wieder werden sich viele Journalisten und Politiker (mit Ausnahmen), hoffentlich einigermaßen differenziert mit der Frage auseinandersetzen, wie wir Europäer und Deutsche mit Geflüchteten aktuell und zukünftig umgehen sollten.

Immer noch steht auf der einen Seite bei vielen der klare Wunsch, Menschen, die in Not sind und unsere Hilfe benötigen, nicht abzuweisen. Auf der anderen Seite steht, auch immer noch, die Definition davon, wer „wirklich“ unsere Hilfe benötigt und dadurch ein Anrecht auf eine „Willkommenskultur“ hat. Und natürlich hängt dieses Thema direkt mit der Frage zusammen wer und vor allem wie viele Menschen bei uns aufgenommen werden.

Es scheint einleuchtend, dass es für eine gute und erfolgreiche Integration notwendig ist, nach Dringlichkeiten in Bezug auf Asylanträge zu unterscheiden. Gleichzeitig fehlte mir in der bisherigen Diskussion eine Dimension vollkommen, die nicht nur relevant sondern auch definierend ist. Die Erkenntnis, dass wir nur sehr zufällig in der Position sind, Dringlichkeiten beurteilen und über das Schicksal von vielen Menschen entscheiden zu können. Denn es ist der reine Zufall, dass wir als Deutsche in ein Land geboren wurden, das uns fast alle Freiheiten gibt.

Ich reise beruflich viel durch unterschiedliche Entwicklungsländern und Kulturkreise und bin mir auf meinen Reisen jede Sekunde darüber bewusst, was für ein unfassbares Glück ich hatte, als Frau in einem Land wie Deutschland geboren worden zu sein und leben zu dürfen. Ich schreibe ganz bewusst von Glück, denn dazu habe ich nichts beigetragen. Genauso zufällig, wie meine Produzentinnen in Bangladesch, Bolivien oder Indien geboren wurden, bin ich Deutsche. Diese Erkenntnis ist für mich ein Leitmotiv, denn diese Erkenntnis macht mich demütig. Demütig dieses Glück fassen zu wollen, aber auch dieses Glück nutzen zu wollen um eine Veränderung für Menschen herbei zu führen, die dieses Glück zufällig nicht hatten.

Nicht das Glück hatten, in einem toleranten, unterstützenden Umfeld aufzuwachsen, in dem man frei sein Leben und seine Vorstellungen von Glück gestalten kann. Frei von Krieg und Unterdrückung, frei von Armut und Existenzangst. Natürlich ist mir bewusst, dass es in vielen Ländern die ich bereise, ein solches Umfeld genauso gibt. Nur ist dies, besonders für Frauen, leider eher die Ausnahme.

Deshalb wünsche ich mir, dass jeder deutsche Mensch, der seine Meinung zur Flüchtlingsdebatte kund tut, vorher einen Schritt zurück tritt und ein wenig Demut und Dankbarkeit für die eigenen Situation entwickelt. Und dann darf man natürlich auch weiter diskutieren. Denn leider fordert es unser aktuelles politischen System, in der Realität beurteilen zu müssen, wer unsere Hilfe bekommt und wer nicht. Demut macht das nicht einfacher, aber verändert die eigene innere Haltung wie man diese Diskussion führt. Und auch, wie man den neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern entgegen tritt, die übrigens ihr Leben dafür aufs Spiel setzen, das zu bekommen, was uns in den Schoss gelegt wurde.

Über die Autorin

Lisa Jaspers ist Gründerin der Fairtrade Modelabels Folkdays, welches sie seit 2012 betreibt. Davor war sie in der Beratung von öffentlichen Diensten und in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Desillusioniert vom Letzteren, hat sie beschlossen, mit Folkdays auf wirtschaftliche Art und Weise - vor allem auf Augenhöhe - zu versuchen, das Leben von anderen zu verbessern. 

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tbd* ist ein digitales Zuhause wo Menschen, wie du Best-Practices teilen und von anderen lernen können, die ebenfalls mit Weltverbessern Karriere machen.

Zum Launch haben wir daher Top DenkerInnen und MacherInnen unter den WeltverbessererInnen - also die Menschen, die uns jeden Tag aufs Neue inspirieren und motivieren - gebeten, einen Artikel für uns zu schreiben. 

Wir stellen vor die Serie: Perspektiven. Wir haben diesen 10 sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten aus diversen Branchen und Sektoren freie Hand gegeben. Sie sollten darüber schreiben, was sie gerade - im Jahr 2017 in Deutschland - persönlich oder gesellschaftlich bewegt. Was zurück kam hat uns schwer beeindruckt und berührt. Danke dafür!