ursprünglich erschienen: 30.07.2014

Dieses Jahr fand das Campaign Bootcamp zum ersten mal in Deutschland statt - ein intensiver Kurs für angehende Campaigner/innen und Aktivist/innen, um diese Berufsoptionen für mehr Menschen zugänglich zu machen und zu professionalisieren. Intensiv war die Vorbereitung - im Februar hat das ehrenamtliche Orga-Team mit der Planung angefangen - im Juni fand es statt. Schwerpunkt des Ganzen war die Inklusion und treibende Kraft dahinter war Claudia Gersdorf. Claudia erzählt uns wie sie als Team dieses "Speed Project" geschafft haben, was sie auf dem Weg gelernt hat und was es für sie persönlich bedeutet nun zukünftig als Pressesprecherin von Viva con Agua den nächsten Schritt in ihrer Social Impact Karriere zu wagen.

Claudia, ihr habt gerade das erste Campaign Bootcamp in Deutschland gerockt. Erzähle uns ein bisschen vom Aufbau und den Teilnehmern/innen.

Ein Bootcamp wird ja eigentlich beim Militär durchgeführt, um Menschen zu drillen und bis an ihre Grenzen zu bringen. Es dreht sich alles um ein strammes Programm, das früh morgens beginnt und spät abends endet. Ziel ist es, die „Rekruten/innen“ zu absoluten Top-Absolventen/innen heranzuziehen. Wir haben natürlich nichts mit Militärischem zu schaffen, das mussten wir sogar ab und an in den Sozialen Medien klarstellen.

"<strong>Uns geht es darum, Senior Campaignerinnen und Campaigner auszubilden, junge Aktivisten/innen zu hochprofessionellen Campaignern/innen.</strong>" Sie erarbeiten sich während des Campaign Bootcamps einen Werkzeugkoffer, den sie mit praxisrelevanten Tools und Kniffen füllen. Von Strategie und Kampagnenplanung, Medienarbeit und Online-Taktiken, bis hin zur inklusiven Mobilisierung zu Themen etwa des Klimaschutzes oder der Menschenrechte.

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Von Anfang an hatten wir das Ziel vor Augen, das Camp inklusiv zu konzipieren, Inklusion zu leben und letztlich den Kampagnensektor nicht nur zu professionalisieren und effektiver zu gestalten, sondern auch inklusiver. "<strong>Gerade zivilgesellschaftliche Kampagnen müssen für JEDEN Menschen verständlich und zugänglich sein.</strong>" Unabhängig davon, woher jemand kommt, oder ob jemand andere körperliche Voraussetzungen hat (umgangssprachlich: eine Behinderung hat). Inklusion muss natürlich sowohl im Kampagnensektor, als auch extern groß geschrieben werden. Aber gerade wir im NRO-Bereich sprechen so oft davon, Gutes weltweit zu tun und Veränderung zu bewirken. Dabei beginnt dies bei uns selbst!

Raúl Krauthausen von den Sozialhelden fasste das einmal sehr griffig zusammen, indem er sagte: "Nothing about us without us". Daher haben wir nicht nur darauf geachtet, dass wir mit unserem Angebot möglichst alle im Sektor Engagierten erreichen, sondern dass wir letztlich auch wirklich die unterschiedlichsten Teilnehmer/innen zusammenwürfeln konnten. Schlussendlich hatten wir die Qual der Wahl: Aus 160 Bewerbungen haben wir in einem aufwendigen, personalisierten Verfahren 33 Bootcamper/innen ausgewählt. Hinzu kommt, dass unser Orga-Team heterogener nicht hätte sein können. Ich selbst zum Beispiel lebe und arbeite erfolgreich mit einer Behinderung. So bot es sich an, den inklusiven Gestaltungsspielraum zu übernehmen, denn: „Nothing about us without us“.

Wie lange hat die Organisation gedauert? Was waren die größten Hürden, die ihr bewältigen musstet? 

Man könnte sagen, dass es ein „Speed Projekt“ war. Wir haben im Februar begonnen, erste Schritte des Fundraisings einzuleiten und einen passenden Ort für das Camp zu suchen, um dann Mitte Juni das erste Campaign Bootcamp in Paretz bei Berlin zu starten. Wir haben es also in 4,5 Monaten geschafft, ein erfolgreiches Campaign Bootcamp aufzubauen. Wohl gemerkt allesamt ehrenamtlich und nebenberuflich - lange Nächte und arbeitsame Wochenenden helau!

Natürlich war das alles andere als leicht. Anfangs galt es die größte Hürde des Fundraisings zu überwinden und potentielle Unterstützer/innen von einer Idee zu überzeugen, die in Deutschland noch niemand zuvor umgesetzt hatte. Doch wir haben geniale Unterstützer/innen an Land gezogen, wie zum Beispiel Aktion Mensch, Greenpeace, Campact, SumOfUs oder auch die Stiftung Helga Breuninger, die uns ihren beschaulichen Tagungsort, die Akademie in Paretz, zur Verfügung stellte. Um nur einige zu nennen, denn wir konnten insgesamt circa 60.000 Euro zur Finanzierung des inklusiven Camps zusammentrommeln.

Paradoxerweise ist es noch immer keine Selbstverständlichkeit, vielmehr eine große Herausforderung, Veranstaltungen in Deutschland heterogen und inklusiv zu gestalten. Nicht nur hatten wir es uns fest vorgenommen, Leute aus allen möglichen Gruppen zu finden - ob LGBT, Menschen mit Behinderungen oder mit Migrationshintergrund - vielmehr ist auch die pragmatisch physische Umsetzung, nämlich alles barrierefrei zu haben, ein gewagtes Unternehmen und ohne finanzielle Förderung von außen nahezu nicht zu realisieren. Doch auch diese Hürden konnten wir bewerkstelligen.

Und genau diese Inklusivität des Camps ist es, die eine einzigartige Wohlfühlatmosphäre für alle schafft, gekrönt von gemeinsamen Erfolgserlebnissen und komplett neuen Erfahrungen.

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Unsere sogenannten beiden „Welfare Guardians”, zu denen auch ich gehört habe, kümmerten sich dann noch darum, dass es allen Teilnehmern/innen rundum gut geht - alle hatten die Gewissheit und die Möglichkeit, mit Ideen, Problemen oder auch Sorgen zu uns zu kommen. In diesen sowie in den Gesprächen miteinander haben sich neue Perspektiven aufgetan, Wünsche und Visionen wurden ausgetauscht, man inspirierte sich gegenseitig und ist aneinander gewachsen.

Bitte teile die wichtigsten Learnings mit uns.

Es gibt einige Learnings, die wir aus dem ersten Campaign Bootcamp ziehen konnten.

1. Reichhaltiges Programm - aber nicht überfordern!

Unsere Teilnehmer/innen hatten täglich von 9-19 Uhr inhaltliches Programm und danach arbeiteten sie an spezifischen Kampagnen als Teil eines erdachten Planspiels. Das war natürlich sehr anstrengend und stressig. Auch wir als Organisatoren/innen haben uns einiges vorgenommen und wollten ad hoc entstandenen Lernbedarf auffangen, indem wir kleine Briefings und Rollenspiele zusätzlich einflechteten. Letztlich mussten wir uns aber eingestehen, dass man Grenzen ziehen sollte und irgendwann auch einmal Schluss ist. Zum Glück stehen nun das Mentoring-Programm und mindestens vier Follow-up-Termine bevor.

2. Offensiv in die Öffentlichkeit!

Wir müssen offensiv in die Öffentlichkeit gehen mit den Dingen, die wir alle zusammen beim Bootcamp gelernt haben, um somit unsere Vision zu erfüllen. Das heißt, der Kampagnensektor wird insgesamt professioneller werden und vor allem in Hinblick auf Inklusion möchte ich einen Schnellballeffekt erzeugen. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen sollen von den Vorteilen erfahren, die ein inklusiver Sektor und inklusives Campaigning mit sich bringen. Wir alle im zivilgesellschaftlichen Sektor haben eine Vorreiterrolle, können visionär vorgehen. Inklusion kann und wird hier viel stärker in den Vordergrund rücken.

3. Teilnehmer/innen mit Migrationshintergrund besser erreichen!

Es ist uns schwer gefallen, Kollegen/innen mit Migrationshintergrund bzw. People of colour für die Teilnahme zu gewinnen. Uns zum Ziel gesetzt, hatten wir, mindestens zwei bis drei Teilnehmer/innen dabei zu haben, doch schlussendlich war es nur eine. Es kann sein, dass es der Premierensituation geschuldet war, wir noch nicht bekannt genug waren und somit es schwierig ist, den Vertrauensvorschuss zu bekommen hinsichtlich der Diversität, die wir leben. In Zukunft werden wir uns noch stärker darauf fokussieren Bewerber/innen aus den verschiedensten Richtungen und mit unterschiedlichen Hintergründen zu erreichen, sie zu ermutigen, bei uns mitzumischen.

 4. Mit Rückgrat bewerben!

Wir haben mitunter das Feedback erhalten, dass sich einige Interessenten erst nicht bewerben wollten, da sie nicht sicher waren, ob ihre Erfahrung und ihr Wissen ausreichen würde. Das hat uns nicht nur gezeigt, dass wir unsere Botschaften noch zielgerichteter formulieren müssen, sondern dass es stärkeres Rückgrat im Zivilsektor bedarf. Ich denke, es ist die Aufgabe jeder Nichtregierungsorganisation (NRO), ihren Mitarbeitern/innen das Feedback nicht vorzuenthalten, dass sie zu den Besten in ihrem Beruf, in ihrer Berufung gehören und somit ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Wir brauchen eine Zivilgesellschaft, die Rückgrat hat. Auch dies ist ein gewichtiges Thema, das wir mit unserer Initiative aufgreifen.

5. Wir sind nun alle Intrapreneurs!

Eine essentielle Erkenntnis aus dem Bootcamp ist, dass es genau unsere Teilnehmer/innen sind, die nun zum Beispiel in Bezug auf Inklusion in der eignen Organisation etwas bewirken können. Wir sind alle verpflichtet, in unsere Jobs zurückzukehren und dafür zu sorgen, dass unsere selbst gesteckte „Campaign Bootcamp Charta“ in den Organisationen selbst weitergeführt und umgesetzt wird. Wir als Initiator/innen und Teilnehmer/innen sind nun die Intrapreneurs, die für die Weiterentwicklung in unseren Reihen kämpfen können.

Was sind konkrete Ergebnisse, die ihr mit dem Bootcamp erreichen konntet? 

Eines der interessantesten Ergebnisse war die Kooperationswilligkeit der einzelnen Organisationen bzw. Vertreter/innen von Organisationen. Es geht dabei nicht mehr um das Konkurrieren untereinander, sondern man möchte an einem Strang ziehen und gemeinsam die Welt verbessern. Ein schönes Beispiel dafür fand direkt nach dem Bootcamp statt. Nachdem alle Teilnehmer/innen sechs Tage lang kaum mehr als vier bis sechs Stunden geschlafen hatten, haben sich viele von ihnen an Tag 7 vor dem Bundestag getroffen, um dort gemeinsam an einer Aktion von Care zum Weltflüchtlingstag aktiv mitzuwirken.

Die mannigfaltigen Erkenntnisse und Erfahrungen in Bezug auf Inklusion habe ich ja bereits angesprochen. Vielen Teilnehmer/innen war nicht bewusst wie man Kampagnen für alle inklusiv machen kann, sowohl online mit bestimmten Funktionen für die Webseite, als auch offline. Ich bin überzeugt, dass sie dies von nun an dank unseres Werkzeugkoffers in ihre Projekte integrieren werden. Zudem werden wir eine Publikation in Kooperation mit Aktion Mensch gemeinsam entwickeln.

Auch das nächste Campaign Bootcamp im Juni 2015 will geplant sein. Doch zuvor widmen wir uns einer intensiven Endevaluierung des Camps 2014, sowohl von den Teilnehmern/innen als auch wir im Orga-Team. Bisher war ja das Feedback der Teilnehmer/innen insgesamt überaus positiv. Viele von ihnen freuten sich über die heterogene Gruppe, die stets durch Austausch, neue Erfahrungen und Inspiration geprägt war. Die meisten Trainer/innen waren so begeistert, dass sie ihr Honorar gespendet haben und ehrenamtlich mit uns zusammen gearbeitet haben.

Und last but not least gilt es neben dem Mentoring-Programm, in dem sich jede/r Teilnehmer/in mit seinem/r Mentor/in regelmäßig austauscht, die Follow-up-Workshops auf die Beine zu stellen.

Also alles im Fluss!

Und zuletzt, unsere berühmte Frage: Was macht Dich zum Changer?

Ich bin ein Changer, weil ich es trotz zahlreicher Hürden und Barrieren geschafft habe, meinen größten Berufswunsch zu erreichen - und diese Kraft auf andere ausstrahlt. Nach fünf Jahren Praxis im NGO-Sektor kraule ich ab Oktober bei Viva con Agua de Sankt Pauli e.V. und werde meinen Traumjob ausüben: Pressesprecherin. Eine Berufung, die mir zu Beginn nicht jeder zugetraut hat: In den Augen einiger bildeten mein idealistischen Ziele und meine Behinderung unüberwindbare Hürden. Ich habe mich von haltlosen Bedenken nicht zurückschrecken lassen; vielmehr haben mich diese Skeptikerinnen und Skeptiker beflügelt. Dennoch hoffe ich, dass es bald nicht mehr zu den Kennzeichen eines Changers gehört „trotz“ einer Behinderung die eigenen Ziele erreicht zu haben. Schon jetzt mache ich Luftsprünge - zuletzt am Ende des Bootcamps -, wenn mich Leute als Inspiration dafür sehen.

Ich bin ein Mensch, der rasch anpackt, Dinge nicht einfach so hinnimmt. Dabei ist es mir wichtig mit einem lockeren Lächeln zu überzeugen, als mit dem Panzer durch die Tür zu fahren.