ursprünglich erschienen: 04.03.2015

Bühne für Menschenrechte e.V. erkundet aktuelle Menschenrechts-Geschichten durch die Darbietung dokumentarischen Theaters. In ähnlicher Weise wie ein Dokumentarfilm filmische Fragmente verbindet um eine nicht-fiktionale Geschichte zu erschaffen, verortet das dokumentarische Theater seinen Text in einer Sprache, die dem realen Leben entstammt. Das während einer anfänglichen Forschungsphase gesammelte Material wird von einer Autorin oder einem Autor bearbeitet und geformt. Menschen, die während der Forschungsperiode interviewt werden, werden Charaktere im Theaterstück. Sie werden durch Schauspielerinnen und Schauspieler dargestellt. Die Welt, von der die dokumentarische Sprache genommen wird, wird zur Szenerie auf der Bühne.

Als erstes Stück hat Gründer Michael Ruf Asylmonologe aufgeführt. Die Asyl-Monologe erzählen von Schritten hin zu Gerechtigkeit, indem sie nicht nur die Werdegänge von Flüchtlingen und Asylsuchenden inklusive der zunächst ‚normalen’ Lebensläufe in ihrer Heimat, der Fluchtursachen und ihrer Erfahrungen mit dem deutschen Asylsystem darstellen, sondern vor allem Geschichten von Trennungslinien und Koalitionen, von Feigheit und Mut, von Konflikten und Solidarität sind.

Seit Januar 2015 geht es weiter mit dem zweiten Stück: Asyldialoge. Im folgenden Interview erzählt uns Michael, wie er dazu gekommen ist, was er bereits erreicht hat und wo er mit dem Ganzen hin möchte.

Erzähl uns ein wenig von Dir. Wie kamst Du zum dokumentarischen Theater? 

Die Inspiration für die Bühne für Menschenrechte kam von den britischen Actors for Human Rights. Als ich vor einigen Jahren in England war, hatte ich von den dortigen Asylum Monologues gehört. Ich fuhr zu einer Darbietung in einer kleinen Stadt im Londoner Umland. Ich hatte mich zuvor durchaus mit Flucht, Asyl und Rassismus beschäftigt. Aber dem Schauspiel-Ensemble gelang es an jenem Abend, mich zu berühren und unter die Haut zu gehen.

Die Leiterin der Organisation hat mir dann vom Konzept ihrer Arbeit erzählt: es sind die jeweils vor Ort lebenden Schauspieler*innen und Musiker*innen, welche die dokumentarischen Theaterstücke darbieten. In England ist mittlerweile ein Netzwerk aus 700 Künstler*innen entstanden. Ich war beeindruckt und dachte mir: warum sollte das Gleiche nicht hierzulande funktionieren?

Für mich selbst ist die Arbeit erfüllend, weil ich dabei meinen sozialwissenschaftlichen und dramaturgisch/künstlerischen Background kombinieren kann und ständig neue tolle Aktivist*innen und Künstler*innen kennenlerne.

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Foto: Birte Führin

Warum ist das Theater, Deiner Meinung nach, eine effektive Plattform für sozialen Wandel?

Zunächst einmal werden die Theateraufführungen auch von Menschen besucht, die zu keinem klassischen Vortrag gehen würden oder keinen wissenschaftlichen Artikel zum Thema lesen würden.

Vor allem glaube ich an die Fähigkeiten von Schauspieler*innen, uns zu berühren. Wir können Menschen erreichen, indem wir dokumentarisch über Realität sprechen, ohne etwas hinzu zu erfinden (wir führen Interviews, kürzen diese lediglich und ändern auch sprachlich nichts) – aber uns dabei dramaturgischer Techniken und künstlerischer Ausdrucksformen bedienen, z.B. dem gezielten Einsatz von Stimme.

Indem wir Realität „in Szene setzen“, können wir Geschichten erzählen, die wütend machen und nachdenklich, die traurig machen aber auch Hoffnung geben, die bewegen, und die vor allem auch zum Handeln ermutigen. 

Was ist die Vision hinter Bühne für Menschenrechte? 

Die von mir entwickelten „Asyl-Monologe“ wurden bislang mehr als 250 mal in 160 Städten aufgeführt. 

Ich möchte das Projekt stetig weiter entwickeln und somit nachhaltig öffentliche Meinung mit gestalten: Geschichte für Geschichte, Schauspieler*in für Schauspieler*in, Darbietung für Darbietung.

In Zukunft möchten wir weitere dokumentarische Theaterstücke zu den Themen Flucht, Rassismus und Menschenrechte entwickeln. Unser bisheriges bundesweites Netzwerk von mehr als 250 Schauspieler*innen und Musiker*innen werden wir kontinuierlich erweitern.

Das neue Stück “Asyl-Dialoge” begann am 22. Januar- was kann man sich darunter vorstellen? 

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Am 22. Januar 2015 hatte unsere neue Produktion “Asyl-Dialoge” Premiere im Heimathafen Neukölln. 

Die ASYL-DIALOGE erzählen von Begegnungen, die Menschen verändern, von gemeinsamen Kämpfen in unerwarteten Momenten – eine dieser Geschichten spielt in Osnabrück, wo seit März 2014 ein breites Bündnis solidarischer Menschen bereits 30 Abschiebungen verhindern konnte und somit für viele bundesweit zum Vorbild wurde...

Als Direktor, was sind Herausforderungen ein solch komplexes, bewegendes Stück zu entwickeln?

Lange wurden die Themen Asyl und Flucht nahezu ignoriert bzw. sehr klischeehaft medial erzählt. Die Biografien der Geflüchteten wurden im Diskurs oft ausgeblendet. 

Somit möchten wir – mit den Asyl-Monologen und Asyl-Dialogen – nicht von Opfern erzählen, sondern von Akteur*innen, nicht von eigenschaftslosen Geflüchteten, sondern von Menschen.

Wie bereiten sich die Schauspieler für eine solche Rolle vor?

Die Schauspieler*innen nähern sich ihren Rollen sehr ähnlich, wie sie dies auch bei anderen Theater- oder Filmarbeiten tun. Sie fragen sich, was ihre Figur will, was ihre Bedürfnisse sind, was die Fakten der Geschichte sind, usw. 

Der Unterschied ist nun, dass die Schauspieler*innen die Geschichten realer Menschen erzählen, was meist dazu führt, dass sie mit viel Respekt an die Arbeit herangehen.

Was macht Dich zu einem Changer? 

Bevor das Projekt so erfolgreich wurde wie es nun ist, gab es am Anfang sehr lange Durststrecken und ich bin sehr froh, immer weiter gemacht zu haben.

Aber wenn ich an all die Aktivist*innen denke, die seit Jahren unermüdlich unter schwierigsten Umständen – gegen bestehende Gesetze, unter der Gefahr, Ziel rassistischer Angriffe zu werden oder bei eigenem fehlenden Bleiberecht - für eine andere Asylpolitik kämpfen, und denen öffentliche Anerkennung gleichzeitig verweigert wird, dann sehe ich mich eher als Teil einer Bewegung, die aus 1000ten Changern besteht.

Michael Ruf

Gorki nur Micha

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