ursprünglich erschienen: 23.10.2015

Der Einsatz von Pestiziden gefährdet unsere Gesundheit und Umwelt. Wir sprachen mit dem Pesitizidexperten Lars Neumeister über die Entwicklung seiner App, die es Verbraucher/innen ermöglicht zu erfahren, welche Pestizide in ihren Lebensmitteln stecken, welche Alternativen es gibt und welche Appelle er an die Politik hat.

Du arbeitest fast Dein ganzes Berufsleben zum Thema Pestizide. Was macht das Thema so spannend für Dich?

Pestizide – das hat mit Nahrungsmittelproduktion zu tun, mit Ökologie, Verbraucherschutz, Politik, Ökonomie und ich kann mich mit all dem beschäftigen. Manchmal recherchiere ich tagelang zu biologischem Pflanzenschutz, dann wieder arbeite ich zu ökonomischen Instrumenten, dann gibt es Projekte zu Rückständen. Die Vielfalt an Unterthemen ist endlos. Mit jedem Projekt lerne ich neue Zusammenhänge kennen, bekomme neues Wissen, begreife mehr.

Du hast eine Smartphone App entwickelt, die es Kunden ermöglicht herauszufinden, welche Chemikalien in ihren Lebensmitteln stecken und wie sie diese vermeiden können. Wie funktioniert diese App?

Pestizide, Weichmacher, Dioxine, Schwermetalle usw. werden auf Lebensmitteln nicht deklariert, sie sind unsichtbar. Es gibt aber weniger und stärker belastete Lebensmittel, dabei spielt auch das Herkunftsland eine große Rolle.

Die App Essen ohne Chemie macht die Belastung sichtbar und bietet den Verbraucher/innen Wahlmöglichkeit. Es ist vor allem ein Einkaufsratgeber mit dem Verbraucher/innen herausfinden aus welchen Produktionsländern die beste Ware - bezogen auf Schadstoffe - kommt. Die APP sagt dir zum Beispiel ob Aprikosen aus Frankreich besser als Aprikosen aus Spanien abschneiden. Dazu gibt es eine Ampelbewertung. Das ist sehr einfach. Mit zwei Klicks hat man die Empfehlung.

Außerdem gibt es noch 50 nützliche Tipps, wie man im Alltag unerwünschte Chemie im Essen vermeiden kann. In der Plus Version der APP kann man nach den einzelnen Schadstoffen suchen und mehr über sie lernen. Zu jedem Stoff gibt es ausführliche Informationen.

Zur App gehört auch ein Blog. Da ist keine Werbung zu sehen. Ist das „ehrenamtlich“?

Die beiden APPs sind nicht kostenlos – aber trotzdem ist es kein rein kommerzielles Projekt. Darum geht es mir nicht. Ein aktiver staatlicher Verbraucherschutz existiert eigentlich nicht. Der ist bestenfalls kurativ. Deshalb braucht es kritische, unabhängige Information. Der/das Blog soll Hintergrundinformationen liefern, aufklären und aktivieren. App und Blog gehören da zusammen.

Du arbeitest oft eng mit NGOs, wie z. B. Greenpeace zusammen. Wie läuft eure Zusammenarbeit ab?

Als ich vor über 10 Jahren angefangen habe, wurde ich für bestimmte Aufträge angefragt. So läuft das häufig immer noch ab. Bei der Umsetzung habe ich freie Hand, solange ich beim Thema bleibe – ich bin unabhängig in der Wahl meiner Methoden und Quellen. In die Ergebnisse wird mir nie reingeredet. So würde ich nicht arbeiten.

Im Laufe der Zeit hat sich die Zusammenarbeit verändert. Wenn ich für eine Publikation recherchiere oder Daten zusammenführe (wie für die APP), entdecke ich oft spannende, manchmal brisante Themen. Dann frage ich bei NGOs an, ob sie nicht was dazu machen wollen. Dadurch sind viele gemeinsame Projekte entstanden.

Welche Gefahren gehen von Pestiziden aus und was ist Dein Appell an die Politik, um Pestizide zu vermeiden?

Es gibt aus meiner Sicht verschiedene Dimensionen von Gefahren. Es gibt eine extreme Marktkonzentration auf dem Pestizidsektor und viele der Firmen z.B. Monsanto sind auch marktbeherrschend im Saatgutsektor. Diese Firmen bezahlen tausende Lobbyisten und gefährden damit die Demokratie, und sie gefährden die Ernährungssicherheit.

In den Entwicklungs- und Schwellenländern sterben täglich Menschen an Pestiziden, bei uns verschwinden mehr und mehr Arten und der Verbraucher bekommt viel zu hohe Pestiziddosen ab.

"Die EU Agrarpolitik muss sich zugunsten umweltfreundlicher Produktion ändern." Es werden Milliarden an Subventionen für die Landwirtschaft ausgegeben, obwohl dann 30-40% der Produktion auf dem Müll landet. Die gesellschaftlichen Kosten von Pestiziden müssen über Steuern ausgeglichen werden. Je bedenklicher ein Pestizid desto höher die Steuer – andere Länder machen das schon.

Was würdest Du anderen Changern, die ihre eigene Idee in die Tat umsetzen möchten, mit auf den Weg geben?

Lasst euch nicht von euren Ideen, Idealen abbringen. Seid aber trotzdem offen für konstruktive Kritik. Man kann allein sehr viel zustande bringen, aber ein Netzwerk an guten Leuten ist sehr wichtig, um Feedback zu bekommen, neue Ideen zu entwickeln und zu testen. Letztendlich muss man seine Idee in die Welt tragen, das geht nicht allein.

Wenn man etwas wirklich will, muss man es machen. Mit Einsatz, strukturierter Leidenschaft, Durchhaltevermögen und einem guten Netzwerk kann man sehr viel erreichen. Trotzdem solle man sich und seine Idee auch immer wieder in Frage stellen.

Macht nicht zu viele Projekte, die nur Geld einbringen, aber euch nicht zum Ziel bringen– das macht auf die Dauer unglücklich.