ursprünglich erschienen: 01.12.2014

Wir haben uns mit Barbara Hohl, Leiterin der Kampagne "Stop Folter" von Amnesty International unterhalten. Im Interview berichtet sie von der Schwierigkeit Menschen für ein Thema wie Folter zu interessieren und sie zeigt uns wie wir ALLE etwas gegen diese Menschenrechtsverletzung tun können.

Amnesty International - Barbara Hohl

Auch 30 Jahre nach Verabschiedung der UN-Antifolterkonvention ist Folter weltweit immer noch grausamer Alltag. Was muss passieren, damit diese Entwicklung gestoppt wird? Wo seht ihr die Lösung?

Die Folter kann zurückgedrängt werden, wenn die 156 Staaten, die die Antifolterkonvention unterzeichnet haben, die dort definierten Regelungen endlich konsequent umsetzen.

Wir sprechen hier über ganz grundlegende Maßnahmen, die zusammen ein sehr effektives Schutzsystem vor Folter und Misshandlung bilden. Eigentlich sollten sie in jedem Rechtstaat selbstverständlich sein: der Zugang von Gefangenen zu Anwälten, Ärzten, Angehörigen und Menschenrechtsbeobachtern. Daneben Video-Aufzeichnungen von Verhören, unangemeldete Überprüfung von Hafteinrichtungen, medizinische Dokumentation von Folterfällen, bessere und unabhängige Kontrolle der Polizei, Strafverfahren gegen mutmaßliche Folterer und keine Verwendung von erpressten Geständnissen vor Gericht.

Folter ist ein sehr emotionales und oft schockierendes Thema. Wie schafft ihr es, dies in euren Kampagnen zu kommunizieren?

Menschen für das Thema Folter zu interessieren, ist nicht einfach. Viele fürchten die ekelerregenden Bilder und grausamen Geschichten, sie sind hin- und hergerissen zwischen Entsetzen und Empörung. Oder sie wenden sich gleich ab und sagen, nein, das will ich gar nicht so genau wissen, dann träume ich nur schlecht. Genau das wollen wir natürlich nicht erreichen. Weil sich dann niemand aktiv an unserer Kampagne beteiligt, sondern höchstens denkt: Amnesty soll sich mal kümmern, die machen das schon, aber bitte ohne mich.

Wir haben in der Stop-Folter-Kampagne daher einen anderen Ansatz gewählt. Wir zeigen keine geschundenen Körper, keine dreckigen Folterstätten. Wir arbeiten mit Gedichten, die beispielsweise stundenlanges, erzwungenes Stehen beschreiben. Oder mit abgebildeten Glassplittern auf einem Sitzkissen und der Aufforderung "Hinsetzen!". Der jeweilige Film dazu läuft im Kopf der Leserin oder des Hörers ab.

Eine ähnliche Umsetzung haben wir in unserem aktuellen Projektraum, dem „Stop-Folter-Shop“ gewählt (er ist übrigens noch bis zum 17.12. in der Brunnenstraße 188 in Berlin-Mitte geöffnet). Wir zeigen dort Alltagsgegenstände, einen Hammer, ein Bügeleisen oder Nähnadeln. Die Gegenstände sind wie in einem Geschäft ausgestellt. Über die nebenstehende Produktinformation erfährt man, wie und wo mit diesen Dingen gefoltert wird. So wird das Bügeleisen zu einem glühend-heißen Gerät, mit dem man nicht nur Hemden glätten, sondern Menschen Verbrennungen zufügen kann. Oder die Nähnadel wird zu einem Werkzeug, mit der man nicht nur einen Knopf annähen, sondern die man schmerzhaft unter die Fingernägel schieben kann. Es schockiert nicht das Bild, sondern die Information. Jeder Besucher kann selbst entscheiden, wie viele von diesen Informationen er verträgt.

Unsere Kampagnen wollen aber natürlich nicht nur Aufmerksamkeit erregen, sondern möglichst viele Unterstützer gewinnen. Wir zeigen darum sehr konkret, wie man sich für Menschen, die von Folter bedroht sind, einsetzen kann. Jeder kann mit seinen Möglichkeiten etwas tun. So bleibt es nicht nur bei schockierenden Fakten, der Blick richtet sich nach vorne.

Amnesty arbeitet seit vielen Jahren zum Thema Folter, wie schafft man es immer wieder die Kraft aufzubringen, auch langfristig an so schweren Themen zu arbeiten?

Das eigene Empörungspotenzial ist sehr groß bei der täglichen Arbeit. Die ungeheuerlichen Geschichten zum Beispiel von gefolterten Menschen zu lesen und zu versuchen, diesen Menschen konkret zu ihrem Recht zu verhelfen und Licht ins Dunkel ihrer Geschichte zu bringen, motiviert sehr.

Wenn mit Protestbriefen erreicht wird, dass Menschen in einem bestimmten Land kurz nach ihrer Festnahme tatsächlich Zugang zu einem Anwalt oder ihrer Familie bekommen, dann konnten wir damit vielleicht auch für andere Menschen in diesem Land eine grundlegende Verbesserungen anstoßen. Solche Erfolge bestätigen uns in unserem Ansatz, da darf und will man dann natürlich auch nicht nachlassen.

Wie hat sich die Kampagnenarbeit für Amnesty in den letzten Jahren, etwa durch die Digitalisierung oder neue Petitions-Plattformen, gewandelt?

Die Onlinemedien haben die Kampagnenarbeit sehr verändert und auch erweitert. Im Internet sammelt es sich viel schneller Unterschriften als auf der Straße. Doch auch hier geht es ja nicht nur um Unterschriftenzahlen, sondern den Kontakt und das Gespräch mit Einzelnen. Das was man in den sozialen Medien erklärt, kommuniziert und verlinkt, ist vom Gespräch am Infotisch gar nicht soweit weg. Es ist anders, aber genauso notwendig, weil der Austausch wichtig ist. Eine Kampagne ohne Debatte ist keine Kampagne, die Menschen mobilisiert und länger laufen kann. Insofern hat sich der Wirkungskreis durch die neuen Medien vor allem erweitert. Das Rad dreht sich zudem schneller und benötigt viel Futter. Die zentralen Elemente einer Kampagne – klare Botschaften, konkrete Ziele, bewegende Geschichten zur Mobilisierung für ein konkretes Anliegen - haben sich aber nicht verändert.

Was war bis jetzt die effektivste Aktion im Kampf gegen Folter?

1972 hat Amnesty die erste weltweite Kampagne gegen Folter gestartet und über eine Million Unterschriften gesammelt. Das war für damalige Zeiten, ohne Internet, ohne Fax, ungeheuer viel. Dieser Protest führte schon ein Jahr später zu einer UN-Resolution zur Verurteilung von Folter. Ein toller Erfolg und ein absoluter Meilenstein. Nach weiterer Kampagnenarbeit durch uns und andere, verabschiedete die UN-Generalversammlung 1984 die Antifolterkonvention. Drei Jahre später trat sie in Kraft. Die Konvention ist die Grundlage für unsere Kampagne heute, auf die man sich immer berufen kann. Folter ist verboten, immer und überall. Jetzt geht es darum, dass die Konvention nicht zu einem Lippenbekenntnis verkommt: deshalb haben wir 2014 erneut eine Kampagne gestartet. Wir zeigen, was konkret getan werden muss, um Folter den Nährboden zu entziehen.

Was können wir alle tun, um den Kampf gegen Folter zu unterstützen?

Folter ist eines der schlimmsten Verbrechen, das einem Menschen angetan werden kann. Wie wir gerade am Beispiel des CIA-Berichtes sehen, ist es ein Mythos, dass sie der Wahrheitsfindung dient. Auch dem Argument, dass Folter im Namen der Sicherheit unter bestimmten Umständen legitim sein kann, sollte niemand auf den Leim gehen. Die ausgeübte Gewalt weicht unsere moralischen Maßstäbe und ganz fundamentale menschenrechtliche Errungenschaften auf. Dies führt letztlich zu einer Spirale der Gewalt. Wir sehen das derzeit täglich in den Nachrichten. Es ist wichtig, sich das bewusst zu machen und entschieden dagegen einzutreten.

Konkret kann man unsere Kampagne gegen Folter unterstützen auf: www.stopfolter.de. Dort gibt es Petitionen für Folterüberlebende wie Moses Akatugba in Nigeria, der als Minderjähriger wegen angeblichen Diebstahls von Mobiltelefonen verhaftet wurde. Sein unter Folter erpresstes Geständnis führte im letzten Jahr dazu, dass er zum Tode verurteilt wurde. Wir setzen uns für seine Freilassung ein. Gleichzeitig hat Nigeria als großes afrikanisches Land Vorbildfunktion in der Region. Wenn wir es schaffen, dass Folter dort nicht mehr an der Tagesordnung ist und tatsächlich geahndet wird, haben wir viel erreicht.

Jeder kann also Teil der Amnesty-Bewegung werden, Menschen in Gefahr seine Stimme leihen und sich für Menschenrechte, die unser aller Rechte sind, einsetzen.